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Sichtweisen der moderne iii: vernunft und logik

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Verschwörungsangst als Paradigma moderner Existenzangst



Phantastik und Kriminalliteratur repräsentieren zwei einander ergänzende Sichtweisen der Moderne. Wie die geistesgeschichtlichen Ausprägungen von Rationalismus und Irrationalismus sind die Genres der kriminalistischen und der phantastischen Literatur Abkömmlinge der Aufklärung, die auf zunächst komplementäre Weise auf die ideologisch begründete Vernunftherrschaft reagieren; doch wie die Prinzipien von Rationalismus und Irrationalismus selten in Reinform, sondern vielmehr in dialektischer Spannung als rationaler Irrationalismus oder irrationaler Rationalismus wirksam werden, so entfalten sichauch die literarischen Gattungen selten auf einsinnige Weise, sondern implizieren jeweils ein Bündel von Bedeutungs- und Wirkungsaspekten, deren einzelne Stränge sich zuweilen inhaltlich und intentional überschneiden, ergänzen oder aber widersprechen. Immer aber bleiben die inhaltlichen Tendenzen auf die Rationalismus-Irrationalismus-Problematik der Moderne bezogen, sei es durch emphatische Bestätigung des Vernunftprinzips oder durch die Negierung einer rational erfaßbaren Weltordnung.


      Die Phantastik thematisiert die Ungewißheit und den existentiellen Schrecken, der sich einem allzu naiven Aufklärungsoptimismus mahnend -und zuweilen heilsam - entgegenstellt; sie rückt die Angst vor der Brüchigkeit einer als rational erfahrbar und kontrollierbar vorgestellten Welt ins Zentrum ihrer Geschichten und exemplifiziert damit immer wieder aufs neue die Unberechenbarkeit des menschlichen Daseins und die unzureichende Angepaßtheit des menschlichen Geistes an die 'wahre Natur' der Dinge. Die Unsicherheit und Entfremdung des Individuums in der Moderne - als psychologisches Faktum latent spürbar, aber häufig überdeckt von den akuten Anforderungen des Alltags - erhalten in den vielfältigen Formen phantastischen Erzählens konkrete Gestalt. Die Evokationen des Schreckens über den Verlust einer stabilen Ordnung, der Horror, der der Erkenntnis über die Subjektivität einer jeden menschlichen Wahrnehmung und die Relativität eines jeden menschlichen Ordnungssystems schockartig entspringt, versinnbildlichen in oftmals drastischer Weise Sokrates' philosophische Maxime 'Ich weiß, daß ich nichts weiß" und entsprechen somit einem - aus einer Vernunftsposition heraus begründeten - Gegengewicht gegen die Anmaßungen der modernen Ratio, gegen die Ãoberheblichkeit des aufgeklärten Subjekts, das sich als einsichtiges, dominierendes und kontrollierendes Zentrum seiner Welt begreift. Die Beschwörungen des Irrationalen übernehmen eine korrigierende Funktion, relativieren die Errungenschaften des menschlichen Intellekts und die Allmachtsvorstellungen der entfesselten Vernunft, sind also ihrerseits zweckrational ausgerichtet; im Sinne einer Aufklärung über die Aufklärung muten die Wirkungsabsichten der Phantastik somit durchaus vernünftig an.
      Die klassische Kriminalliteratur hingegen vertritt die Haltung eines zuversichtlichen Glaubens an die Prinzipien der Aufklärung; Logik, kausales Denken, Vernunft und Sachlichkeit sind die Stützpfeiler einer literarischen Welt, die ihren Bewohnern - unter diesen Vorzeichen - Ordnung und Stabilität garantiert. Rationalismus ist das Fundament der erfolgreichen Arbeit des Detektivs, ist der Schlüssel zu umfassendem Weltverständnis. Als Konstruktionsprinzipien der literarischen Fiktion nehmen Logik und Rationalität, so verdreht sie in dieser narratologischen Funktion zuweilen auch sein mögen, die zentralen Positionen im Kosmos der Detektivgeschichte ein und bestim-men daher in herausragender Wertigkeit das Sinnpotential dieser Gattung und definieren deren hermeneutischen Deutungshorizont. Deutlicher noch als die phantastische Literatur präsentiert sich die Kriminalliteratur dadurch als ein Produkt der Aufklärung, doch trägt auch sie eine dialektische Spannung in sich.
      Aus kompensatorischen, also zweckrationalen Gründen entstand und entfaltete sich die Phantastik und wurde so zum Medium eines rationalen Irrationalismus - durch den absoluten Glauben an die Vernunft entwickelte sich die Detektivgeschichte und begründete eine fiktive Welt totalitärer Aufklärung, avancierte dergestalt zum narrativen Korrelat eines irrationalen Rationalismus. Die Kombination rationaler und irrationaler Prinzipien verleiht beiden Gattungen eine wirkungsästhetische Ambivalenz, die in ihrer jeweiligen Zuspitzung ein umfassendes Gefühl der Verunsicherung provozieren kann. Dies macht sie gleichermaßen zu reflektierten und reflektierenden Erzeugnissen der Moderne, in denen sich die Dialektik der Aufklärung spiegelt. Beide Gattungen mögen in ihren einzelnen Ausprägungen und werkimmanenten Intentionen sehr verschiedenartig, ja geradezu gegensätzlich erscheinen, und dennoch verbindet sie diese Tendenz, auf je unterschiedliche Weise Ã"ngste zu schüren oder darzustellen oder Verstärkungsmechanismen für Ã"ngste zu vermitteln, die dem krisenhaften Lebensgefühl des Menschen in der rationalistischen Moderne entsprechen. Sowohl die Phantastik mit ihren Arsenalen an Dämonen, Halbwesen, Wiedergängern, Vampiren und ähnlichen metaphysischen Schreckgestalten als auch die traditionelle Kriminalliteratur, hinter deren rationalistischen Konstruktionen die Ideologie einer absoluten, alles beherrschenden Kausalität steht, die keine Zufälle akzeptiert, sondern stets nach Abhängigkeiten und logischen Zusammenhänge fahndet, vermögen die Grundbefindlichkeit des Menschen abzubilden, der sich in einer modernen Lebenswelt zunehmend isoliert, von den Anforderungen komplexer gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Strukturen überfordert und in seiner individuellen Persönlichkeit und Integrität bedroht fühlt.
      Diese Angst vor Kräften, die einflußreicher als das Individuum sind, mächtiger als der Mensch überhaupt, äußert sich in Verschwörungstheorien vielfältigster Art und Ausprägung und macht diese zu zentralen Schemata modernen Denkens und Empfindens, gesellschaftlicher und individueller Wahrnehmung und existentieller Verunsicherung. Der Kausalitätszwang der kriminalistischen Literatur stellt das kognitive Muster zur Verfügung, das diese Wahrnehmung unterstützt und zum Aufspüren verräterischer Spuren und Beweise anleitet. Innerhalb der entsprechend konstruierten Fiktion funktioniert dieses kognitive Muster ausgezeichnet und führt in den meisten Fällen zum Erfolg, außerhalb der Fiktion jedoch, in der Realität, die sich einer allzuengmaschigen Strukturierung entzieht, erweist sich diese Strategie häufig als unangemessen, indem sie die Furcht vor Konspirationen in pathologischem Maße steigert und die Suche nach Verdachtsmomenten und Indizien unbotmäßig forciert.
      Die Existenz übermenschlicher Gewalten, die in den Geschichten der phantastischen Literatur und des phantastischen Films in die überschaubare Welt der Menschen einbrechen und die scheinbare Ordnung der Dinge zum Einsturz bringen, korrespondiert der Existenz einer geheimen Verschwörung, die die Geschicke der Gesellschaft und des Individuums auf unheilvolle Weise lenkt - unangreifbar, aber stets präsent, undurchschaubar, aber getrieben von teuflischer Intelligenz und dem Willen, die Welt in ihrem Sinne zu beeinflussen und zu verändern. Die Furcht vor Verschwörungen - seien sie nun weltlichen oder übernatürlichen Ursprungs - wird so zum Paradigma der Darstellung moderner Existenzkrisen; sowohl der verführte Prinz in Schillers Geisterseher als auch der angeklagte Josef K. in Kafkas Prozeß werden zu Opfern mächtiger Organisationen oder Apparate, die im Verborgenen wirken und die Spielregeln bestimmen, an denen das Individuum, das diese Regeln nicht kennt und nicht beherrschen kann, zwangsläufig scheitern muß. Die tragischen Anti-Helden der Moderne - Schillers Prinz und Kafkas Prozeßopfer, Frankenstein und seine prometheischen Erben, Hoffmanns romantische Künstlerfiguren und alle anderen, die an den Bedingungen ihres Lebens in der Gesellschaft oder an den Konsequenzen ihrer Denk- und Handlungsweisen zerbrechen - teilen diese Erfahrung, das Gefühl, einer Macht ausgeliefert zu sein, die manipulierend oder regulierend, rächend oder ausgleichend wirksam wird, einer Macht, die anderen Gesetzen folgt als den eigenen und ihre Absichten gegen alle rationalen oder irrationalen Einwände und Widerstände durchsetzt.
      Die metaphysischen Dimensionen der Verschwörungsangst werden in Gilbert K. Chestertons Roman The Man Who Was Thursday. A Nightmare {Der Mann, der Donnerstag war. Eine Nachtmahr, 1908) und in Jacques Rivettes Film Paris Nous Appartient {Paris gehört uns, F 1960) in ihrem weitreichenden Bedeutungsspektrum klar erkennbar. In Chestertons burleskem Roman wird der Dichter Gabriel Syme als Polizeiagent rekrutiert und unter dem Decknamen ,Donnerstag' in eine konspirative Anarchistenorganisation eingeschleust; er muß jedoch bald feststellen, daß alle Mitglieder des Zentralen Anarchistenrats nichts anderes als Doppelagenten und Spitzel sind, die so wie er selbst eingesetzt wurden, um die Organisation zu unterwandern, daß die vermeintliche Verschwörung also längst von Spionen der Polizei betrieben wird. Der einzige wahre Anarchist scheint der geheimnisvolle Anführer der Organisation zu sein, ,Sonntag', der sich nach einer grotesken
Flucht vor den Agenten als göttliches Wesen zu erkennen gibt. Während eines Maskenfests offenbart er sich zunächst als Inkarnation der Naturgottheit Pan, die mit dem Schicksal der Menschen nur spielt und ihre allmächtigen Scherze treibt, ungeachtet der Leiden, die in der Welt existieren, dann aber auch als christliche Gottheit, die Opferbereitschaft und Versöhnung andeutet. Die Angst vor Anarchie und Verschwörung, die in Chestertons Werk absurde Züge annimmt, mündet in die Auseinandersetzung zwischen Menschen und Gott und wandelt sich um in eine Anklage Gottes, der - so meinen die Menschen - seine Schöpfung nicht angemessen behandelt und die existentiellen Nöte seiner Geschöpfe nicht ernst genug nimmt. Aus der kriminalistischen Farce wird so ein theologischer Diskurs.
      In Rivettes Film Paris Nous Appartient sieht sich eine Clique von jungen Intellektuellen und Schauspielern im Paris der späten fünfziger Jahre den rätselhaften Umtrieben konspirativer Mächte ausgeliefert. Der Tod eines Gitarristen und die Suche nach einem Tonband mit einer Aufnahme seiner Musik führen Anne immer tiefer in ein Dickicht von Verdächtigungen und Geheimnissen, die bruchstückhaft auf eine weltweite Verschwörung faschistoider Kräfte hindeuten; konkrete Spuren oder Beweise für die bedrohlichen Vorgänge lassen sich jedoch nicht finden. Das Gefühl der Beunruhigung nimmt statt dessen zu und verdichtet sich zu existentiellem Unbehagen. Wie eine schwere Decke senkt sich die nicht greifbare, aber latent stets spürbare Angst über die jungen Menschen und erstickt ihre Handlungsfähigkeit. Die Brüchigkeit ihres Daseins, ihr verzweifeltes Ringen um Wahrheit und Werte in einer aufgeklärten, nüchternen Welt äußern sich in ihrem unbedingten Glauben an eine anonyme Macht, sei sie auch böse und destruktiv, die über den Dingen steht und individuelles wie auch gesellschaftliches Leben beeinflußt. Die Suche nach Sinn und Bedeutung ihrer Existenz wird zur Suche nach Anzeichen der Verschwörung, und hinter der Angst vor einer umfassenden Konspiration verbirgt sich die Sehnsucht nach einem ordnungs-und sinnstiftenden Glaubenssystem, das dem menschlichen Leben seine Zufälligkeit und Verlorenheit nehmen könnte. Als es am Ende dann so scheint, als ob es nie eine Verschwörung gegeben hätte - oder ist dies nur eine Finte der Verschwörer, um von ihrer Existenz und ihren unheilvollen Plänen abzulenken? -, ist dies kein optimistisches, versöhnliches Ende, sondern vielmehr eine Verschärfung der Konfrontation des Individuums mit der eigenen seelischen Leere und der inhärenten Bedeutungslosigkeit seiner Existenz. Anne und ihre Freunde erkennen, daß sie nichts erkannt haben und vermutlich auch weiterhin nichts erkennen werden. Der Glaube an eine Verschwörung erzeugt Ã"ngste, stärkt aber auch die Gewißheit der eigenen ideologischen Position und motiviert zu detektivischem Denken und Wahr-nehmen. Mit dem Verschwinden der Verschwörung und den damit verknüpften psychischen und kognitiven Begleiterscheinungen ist der Mensch wieder ganz auf sich allein gestellt, d.h. auf sein unmittelbares kreatürliches Empfinden zurückgeworfen; es ist nichts mehr da, woran er glauben oder gegen das er aufbegehren könnte. Ãoberaus deutlich zeigt sich in Rivettes Film der Einfluß des französischen Existentialismus. Bei Chesterton löst sich die gefürchtete Verschwörung als scherzhaftes Spiel eines göttlichen Wesens auf, deutet somit auf die Existenz einer metaphysischen Instanz hin, auch wenn diese nicht unbedingt den Vorstellungen und Bedürfnissen der Menschen entspricht; bei Rivette hingegen verflüchtigt sich die vermutete Verschwörung regelrecht und läßt keinerlei Spuren oder Indizien zurück, die auf eine bedeutungstragende Entität oder Struktur außerhalb des beschränkten Bewußtseins des Menschen hinweisen würden. Atheistische und nihilistische Tendenzen löschen die Verschwörungsangst aus, liquidieren aber gleichermaßen die Hoffnung auf existentiellen Sinn und Transzendenz.
      Der rationale Irrationalismus der phantastischen Literatur und der irrationale Rationalismus der Kriminalliteratur reflektieren in ihren jeweiligen narrativen Realisierungen zwei zunächst konfligierende Wahrnehmungsweisen der Moderne, die sich in diesem einen Punkt allerdings treffen: in der suggestiven Inszenierung einer Macht, die die Vorstellungen des Individuums übersteigt, in der Beschwörung einer wie auch immer gearteten Ordnung, die die fragmentarische Realität überwölbt und das Schicksal der Menschheit bestimmt, ohne das der Einzelne diese Ordnung in ihrer Gesamtheit begreifen könnte, in der Schilderung gewaltiger, unnahbarer Kräfte, die den Lebensweg des Individuums beeinflussen, in der Beschreibung konspirativer Vorgänge, die ein undurchschaubares Gespinst von Intrigen und Ränken umfassen, deren kausale Zusammenhänge dem Zugriff des Menschen entzogen scheinen. Rationaler Irrationalismus wie auch irrationaler Rationalismus zielen auf die Angst des modernen Menschen ab, Teil eines Systems, einer Hierarchie, einer Ordnung zu sein, deren Wesen und Strukturen man nicht erkennen kann. Es ist die Angst davor, daß es in der Welt, die man als ungeordnet, diesseitig und profan erlebt und kennengelernt hat, doch eine Ordnung geben könnte, die sich allerdings einer rationalen Erkenntnis widersetzt, an der man nicht selbst aktiv beteiligt sein kann, die sich jenseits der eigenen beschränkten Lebenswirklichkeit entfaltet - und dadurch als numinos, fremdartig und bedrohlich empfunden wird. Es ist die Angst, an der Wahrheit vorbeizuleben, Irrtümern zu folgen und Illusionen nachzuhängen, ohne die 'wahre' Natur und Ordnung der Dinge erkennen und seinen Platz in dieser Ordnung finden zu können.
     

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