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Sichtweisen der moderne iii: vernunft und logik

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Jemand mußte Josef K. verleumdet haben ... : Sündenböcke und Menschenopfer



So wie die phantastische Literatur unter der Oberfläche ihrer irrationalen Weltsicht Spuren rationaler Sinngebung trägt, weist auch die kriminalistische Literatur neben ihrer offensichtlichen rationalen Prägung Elemente irrationaler Provenienz auf. Als Genres, die ihre spezifischen Merkmale im Zuge der Aufklärung entwickelt und entfaltet haben, partizipieren sie beide auch an den dialektischen Spannungen der Aufklärung. Während die Phantastik jedoch die Rationalismus-Problematik kritisch thematisiert und das Prinzip der Vernunft durch Darstellungen unheimlicher Geschehnisse und unerklärlicher Phänomene zunächst in Frage stellt, um dann in einzelnen Fällen ganz bewußt nach einem Ausgleich zwischen Rationalismus und Irrationalismus zu suchen, übernimmt die Detektivgeschichte in ihrer traditionellen Form das Rationalitätsprinzip von vornherein als ideologische Grundlage ihres Weltbilds. Ihr irrationaler Beigeschmack entsteht dann eher ungewollt durch die Verabsolutierung der Ratio und deren Stilisierung zum quasi-religiösen Dogma.


      Das Modell der Sinnkonstruktion, das die Kriminalliteratur vorgibt, ist verlockend und entspricht den Erwartungen eines aufgeklärten Menschen in einer rationalistisch geprägten Welt. Fiktives Weltbild und reales Weltverständnis überschneiden sich; die rationalistische Methode der Bedeutungs-findung in der Detektivgeschichte hat ihren Ursprung und erlebt gleichsam ihre Fortsetzung in der verbreiteten Weltanschauung eines ideologisch zementierten Aufklärungsoptimismus. Denn Logik und Vernunft stehen in den Industrienationen als instrumentelle Raster der Welterfahrung und -deutung noch immer an erster Stelle. Das Vertrauen auf die prinzipielle Ãoberlegenheit und Effektivität der Ratio ist - trotz Aufklärungskritik und zuweilen massiver gegenaufklärerischer Strömungen - ungebrochen und diktiert in großem Umfang die relevanten Diskurse unserer Zeit. Die religiöse Komponente, die die fiktiven Problemlösungen des Detektivs in seiner totalitären literarischen Welt auszeichnet, ist dabei auch in der realen Welt zu einer ernstzunehmenden Größe geworden und bestimmt kulturelles und gesellschaftliches Denken. Insofern bildet die fiktionale Detektivgeschichte mit ihrem auf rationalen Grundannahmen fußenden Weltsinn die ideologische Konsequenz der Aufklärung ab. Rationalismus ist die Religion der Moderne und der vielfach postulierte Weg des Menschen zur Glückseligkeit. In der konstruierten Fiktion der kriminalistischen Literatur erweist sich der Glaube an diese Religion als nützlich und erfolgversprechend. Der Detektiv, der den Dogmen dieser Religion folgt und die Gebote seiner Gottheit Rationalität konsequent anwendet, findet den Schlüssel zu seiner Welt und die Lösung aller Rätsel. Indem er selbst zu einer Verkörperung der Gottheit wird, erhebt er sich über seine Mitmenschen und kann analysierend und interpretierend deren Handlungen und Motive deuten und Weltsinn rekonstruieren.
      Was aber geschieht, wenn der Kausalnexus, auf den die Welt der Kriminalliteratur und die überzeugenden Leistungen der Detektive angewiesen sind, nicht vorhanden ist, wenn sich - wie in der modernen Alltagswelt vielfältig erfahrbar - Ursache und Wirkung, Spuren und Motive nicht zusammenfügen und zur Deckung bringen lassen? Wenn die Suche nach Zusammenhängen, nach Kohärenz und Erklärbarkeit von Beobachtungen und Empfindungen ins Leere läuft? Wenn die Religion der Ratio zu versagen droht? - Dann wird das Ergebnis des detektivischen Aktes der rationalen Aufklärung zu einem Gespinst irrationaler Sinnkonstruktionen führen! Auch dieses Phänomen läßt sich in der modernen Welt beobachten und erfahren und in der Geschichte der Menschheit in zahlreichen Variationen nachweisen: Hier liegen die Wurzeln für Verschwörungstheorien. Die individuell oder gesellschaftlich implantierte Angst vor umfassenden Konspirationen entspringt der ins Irre geleiteten Suche nach Kausalbeziehungen und der aberwitzigen Konstruktion bedeutungsvoller Kontexte, die die Folie für faktisches und eingebildetes Geschehen abgeben und dieses dadurch zu tragenden Komponenten einer - häufig -irrealen, aber erklärungsmächtigen Verschwörung machen. Die Detektivgeschichte als konstruierte literarische Fiktion und als weitverbreitetes Mediumder Unterhaltung basiert auf dem Denken in kausalen Relationen und fördert mithin eine Tendenz, die über die Anerkennung dieser Kausalitätsgläubigkeit und durch die Zuspitzung rationaler Ursachenzuschreibungen in paranoidem Verschwörungsdenken münden kann.
      Für Hurka impliziert die Aufklärung eines kriminalistischen Sachverhalts in medialen Fiktionen einen weiteren irrationalen Aspekt: Ausgehend von Rene Girards Ã-dzpws-Interpretation, deutet er die Struktur der Kriminalgeschichte als Ableger eines archaischen Schemas, in dem der Täter eines Verbrechens zum Sündenbock stilisiert und als Opfer funktionalisiert wird, um die nach innen gerichteten Aggressionen einer Gemeinschaft - vor allem in Krisenzeiten - zu kanalisieren und dadurch zu bannen. Ein kollektiver Gewaltakt - ein Lynchmord, ein Opferritual, die Bestrafung eines Sündenbocks - bewahrt die Gruppe davor, an der eigenen inhärenten Gewaltbereitschaft zu zerbrechen, und wirkt dadurch stabilisierend und systemerhaltend; um diesen kollektiven Gewaltakt zu rechtfertigen und dessen stabilisierende Funktion im Rahmen einer gesellschaftlichen Ritualhandlung als Notwendigkeit zu sanktionieren, muß das erwählte Opfer mit Schuld belegt werden. Dies ist der Mechanismus, der den sozialpsychologischen Hintergrund für Mythen, kulturelle Traditionen und - so Hurka - die Ausprägung moderner Unterhaltungsstoffe bildet. Er erkennt in literarisch oder filmisch vermittelten 'Krimi-Handlungen" ein 'Muster, ein narratives DNS-Molekül, wenn man so will," daß 'als mehr oder weniger verborgenes Zentrum [die] Handlungskonstruktionen" vieler Genres der modernen Massenunterhaltung bestimmt; die 'Kriminal-Story" stelle lediglich 'das scharfgeschnittenste Paradigma" dieser populären Erzählstruktur dar. In ihr spiegle sich auch der Mythos der 'Gründungs gewalt" wider, also jener ersten elementaren Gewalthandlung, die den Zusammenschluß jedweder Gemeinschaft initiiert und den Beginn jedweder Form gesellschaftlichen Lebens markiert. Als Beispiele für seine Ausführungen über kollektive Vorstellungen von Schuld und Opfer und mythische Tötungsszenarien dienen ihm u.a. Agatha Christies Mord im Orientexpress, Dashiell Hammetts Der Malteser Falke, Graham Greenes Der dritte Mann und schließlich auch Kafkas Der Prozeß, ,,[d]ie radikalste Variation der zeitlosen Geschichte von der Verfolgung und Opferung eines Unschuldigen"65.
      Die Relation Verfolgerkollektiv-Opfer ist die Konstante, an die sich, wenn auch in vielfältigen Realisierungen, die Inhalte vieler Mythen heften, wobei diese zugleich mit der Aufgabe befrachtet sind, den ursprünglichen Kollektivmord, der die soziale Gemeinschaft konstituiert hat, zu vertuschen. Der Bildzusammenhang, der sich alsverdrängender Signifikant vor die ursprüngliche Wahrheit schiebt und diese verdeckt, ist das Phantasma des schuldigen Opfers

   Für die Aufklärung eines Verbrechens im Medium der Kriminalliteratur bedeutet dies nun, daß alle Anstrengungen des Detektivs oder ermittelnden Polizisten darauf abzielen, einen Schuldigen zu finden, der die Aggressionen des Kollektivs auf sich ziehen und nach Maßgabe einer stabilisierenden Opferhandlung zum Wohle der Gemeinschaft bestraft oder gar getötet werden kann; die Suche nach der Schuld des Täters, die Rekonstruktion des Tathergangs und des Motivs mit rationalen Mitteln ist also lediglich die Konstruktion der Schuld zum Zwecke der Rechtfertigung einer intendierten Opferung des potentiellen Täters. 'Aufgrund spezifischer Eigenschaften oder Eigenheiten [...], die es in guter wie schlechter Hinsicht von der sozialen Norm als abweichend erkennen lassen, wird das Opfer ausgewählt", so Hur-kas These in zugespitzter Darstellung. 'Erst nach diesem primären Selektionsakt werden die Gründe nachgereicht und Schuldgebäude um die Vita des längst schon abgeurteilten Opfers herumkonstruiert. Sie verschieben das Recht zugunsten der verfolgenden Mehrheit."

   Für die Anwendung und literarische Umsetzung von Verschwörungstheorien bietet Hurkas Interpretation der Kriminalgeschichte als Konstruktion von Schuld und Diskreditierung eines vermeintlichen Täters als Sündenbock einen fruchtbaren Boden. Die Gesellschaft besorgt sich die Opfer, die sie braucht; sie sucht sie sich aus dem Kreis jener heraus, die von vornherein als Verdächtige, als Außenseiter, als Stigmatisierte gelten, und stilisiert sie durch rationalistisch fundierte Schuldzuweisungen zu Sündenböcken, die in ihrer Funktion als Blitzableiter für soziale Spannungen der entfesselten Gewalt der Gemeinschaft in der Form eines vermeintlich gerechten Zorns zum Opfer fallen. Indem die Schuld des Täters nachgewiesen wird und er dadurch zum Sündenbock gemacht werden kann, erhält die Gewalt des Kollektivs gegen das Individuum ihre scheinbare Berechtigung. Die Tätigkeit des Detektivs selbst gewinnt aus seiner Funktion, diese Schuld nachzuweisen, beziehungsweise herzustellen, ihre soziale Legitimation. Der im Aufklärungsprozeß eingesetzte Rationalismus dient folglich der Verwirklichung eines überaus irrationalen Ziels, das in sich jedoch wiederum zweckrationale Züge trägt. Menschenopfer und Opferkult, archaische Vorstellungen, die das bedrohliche Gewaltpotential der Gesellschaft in kontrollierbare Bahnen lenken, stellen den dunklen, abgründigen Zweck der kriminalistischen Arbeit dar und bestimmen die strukturelle Beschaffenheit der Kriminalliteratur:
Worauf sich die ganze Geschichte zuspitzt, ist immer der Schluß, die Ausstoßung des als Täter präsentierten Opfers aus der Gesellschaft beziehungsweise dessen Tötung. Von diesem Kulminationspunkt her gesehen, den jeder von vornherein kennt und drum erwartet, bilden nicht mehr die Wechselspiele falscher und richtiger Verdächtigungen, die pedantische Indizienklauberei, der eitle Verstand und/ oder die körperliche Durchschlagskraft des Detektivs die Brennpunkte der Lektüre, sondern der Aufschub, den die Konstruktion benötigt, bis die Schuld des Opfers schlüssig, glaubwürdig und beruhigend genug ist, daß keine Frage nach der Komplexität von Schuld generell aufkommen und das Befriedigungsgefühl des Lesers bei der Entfernung des Sündenbocks trüben kann.
     
   Hurka nennt Kafkas Prozeß als literarisches Werk, in dem das Ritual der Schuldkonstruktion und Opferung transparent und 'die archaische Universalität des Opferschemas durch alle Komplexitäten hindurch als eine Konstante des Sozialen dingfest" gemacht wird.
      'Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Mit diesem Satz beginnt Kafkas 1914/15 entstandener, 1925 erstmals publizierter Roman, beginnt die alptraumartige Passionsgeschichte seines Protagonisten, auf dessen Unschuld hier bereits hingewiesen wird. Josef K. ist angeklagt, ohne daß er sich zunächst einer Schuld bewußt wäre, doch durch seine Bemühungen, sich gegen die unbestimmten Vorwürfe des Gerichts zu verteidigen, verstrickt er sich immer tiefer in ein unspezifisches Schuldbewußtsein. Das Gericht als klagende und urteilende Instanz selbst tritt in den verschiedenartigsten Formen und Figuren auf, wahrt jedoch hinter seinen merkwürdigen, zuweilen grotesken Erscheinungen prinzipiell eine undurchdringliche Anonymität, die es unantastbar und unanfechtbar werden läßt. Es dringt unvermutet in Josef K.s Leben ein und bleibt von diesem Zeitpunkt an fester Bestandteil seines Daseins - mehr noch: In allen gesellschaftlichen Bereichen scheint es plötzlich präsent zu sein, in alle Sphären des öffentlichen und privaten Lebens hineinzuwirken, so als ob es schon immer ein elementarer Teil jeglicher sozialen Strukturen gewesen sei. Ein Leben ohne Gericht, ohne Kläger und latente Schuldzuweisungen ist nicht mehr denkbar.
      Eine konkrete Anklage bleibt zwar unausgesprochen, aber ,,[u]nsere Behörde", so behauptet einer der Beamten, die Josef K. verhaften, '[...] sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?"7' Daher ist die Frage nach seinem Vergehen bald nicht mehr die dringlichste Angelegenheit K.s. Seine Ãoberlegungen, wie er sich dem Gericht gegenüber angemessen verhalten solle, seine Befürchtungen hinsichtlich seiner beruflichen und privaten Stel-lung in der Gesellschaft und seine Versuche, eine juristische Verteidigung unter Berücksichtigung bürokratischer Abläufe und Gepflogenheiten zu organisieren, drängen die eigentliche Frage nach seiner Schuld aus dem Bewußtsein. Protagonist wie Leser lernen eine bittere Lektion: Man muß nicht schuldig sein, um verurteilt zu werden. Das Opfer steht von Beginn an fest; die Konstruktion einer Schuld ist nur noch reine Formsache.
      Während der Kriminalroman von seinem Ende her gelesen werden muß, damit seine verborgene Absicht zu Tage tritt, schafft Der Prozeß einen Gegenentwurf. Die Handlung entfaltet, was der Titel ankündigt, doch weniger im Sinne einer eigentlichen Gerichtsverhandlung, die ja sowieso nur in Andeutungen geführt wird, sondern als Bewegung mit Anfang und Ende, die schrittweise //('«bewegung des Unschuldigen zur Opferstätte: die Veränderungen, die dieser als designiertes Opfer in der Wahrnehmung seiner Umwelt erfährt, seine Aktivitäten, aus der Geschichte herauszukommen und die psychischen Auswirkungen als Genese eines sogenannten Schuldkomplexes.
      So legt Kafkas Roman den Mechanismus gesellschaftlicher Opferrituale frei, demonstriert, wie man schuldlos schuldig wird, und führt am Beispiel Josef K.s vor Augen, wie sich das Sündenbock-Motiv gleichnishaft mit der existentiellen Krise des Menschen in der modernen Lebenswelt und mit der Angst vor den weitreichenden Strukturen anonymer Machtapparate zu einer Parabel verdichten läßt, in der das Individuum zum Spielball und Opfer eines ausweglosen Prozesses wird, der über Leben und Tod entscheidet. Das Gefühl des Ausgeliefertseins findet seinen dramatischen Höhepunkt und gleichsam seine befreiende Entspannung nur in der Akzeptanz der unvermeidlichen Opferrolle. Seine Henker bereits erwartend, kaum noch Widerstand leistend, schließlich 'in vollem Einverständnis" läßt sich Josef K. zu seiner Hinrichtung führen, ja er bestimmt die Wegrichtung sogar selbst. Am Ziel angekommen, wird er wie auf einem Opferaltar positioniert - 'Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf obenauf." -, bevor ihm das Messer tief ins Herz gestoßen wird. Ãober all dem liegt 'der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern Licht gegeben ist." Der Tod erst versöhnt die Gesellschaft mit dem Opfer, das womöglich gar kein Täter war und dennoch schuldig gesprochen wurde, und das Opfer mit seiner eigenen leidvollen Existenz. Zuletzt aber wird diese vermeintliche Ãobereinstimmung zwischen Opfer und Vollstreckern, die Ruhe und Gelassenheit, die sich des Delinquenten bemächtigt zu haben scheint, doch noch relativiert. Denn ,,[t]rotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige." Zuletzt glimmt noch ein Rest an
Hoffnung, ein Rest an Widerstand auf: 'War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger." Und als K. schließlich gerichtet wird und stirbt, tritt keine Erlösung ein, sondern der Makel seines schuldhaften Daseins scheint weiterzuwirken und ihn selbst zu überdauern: ''Wie ein Hund!' sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben."

   Individuum und Gesellschaft verharren in ihren Positionen und Funktionen als Geopferter einerseits und Opfernde andererseits. Die Schuldfrage bleibt offen und im juristischen Sinne ungeklärt; schmerzvoll aber brennt sich das Stigma der Schuldzuweisung dem auserwählten Opfer ein. Kafkas literarische Welt kennt keine Versöhnung, keine endgültige Gewißheit; die Zweifel bleiben unter der Oberfläche der scheinbaren gesellschaftlichen Aussöhnung bestehen, um in kritischen Augenblicken mit niederschmetternder Macht hervorzubrechen. Die latente Bedrohung durch das allgegenwärtige Gericht und dessen vermeintliche Willkür existiert weiter, und so wirken rezeptionsästhetisch auch die Rätselhaftigkeit der Geschehnisse und die daraus entstehende Beunruhigung über das Ende des fragmentarischen Romans hinaus weiter.
      Hurkas Deutung des literarischen Schemas der Detektiv- und Kriminalgeschichte entwirft zwar ein einseitiges und mitunter allzu vereinfachendes Bild einer vielfältigen Gattung mit komplexen ästhetischen Strukturen und spezifischen, keineswegs unerheblichen Produktions- und Rezeptionsbedingungen und wird Kafkas Roman mit all seinen irrisierenden Facetten nicht gerecht, dennoch bietet sie faszinierende Einsichten in den Zusammenhang rationaler und irrationaler Tendenzen, die das Genre maßgeblich prägen. Die Sinnkonstruktion unter den Vorzeichen rationaler Aufklärung entpuppt sich als legitimierende Rationalisierung einer irrationalen, mythisch verwurzelten Opferhandlung, als Deckmantel, der die affirmativen Bedürfnisse und Praktiken einer gewalttätigen Gesellschaft verhüllt und in den Kontext eines vorgeschobenen Diskurses über Recht und Gerechtigkeit stellt. Im Rahmen dieser Sichtweise fungiert der Detektiv in einem weiteren Sinne als Priester oder Repräsentant einer Religion, die sich der Möglichkeiten der Logik und des vernünftigen Denkens bedient, um ihren Ritualen den Anschein moderner, aufgeklärter Denk- und Verhaltensmuster zu verleihen, und die kriminalistische Fiktion generell erweist sich wiederum als Wirkungsstätte eines irrationalen Rationalismus.
      Der kulturgeschichtlich begründeten Schuldlosigkeit der als Sündenböcke angeklagten und verurteilten Täter der Kriminalliteratur korrespondiert dieeigentümliche Verquickung von Schuld und Unschuld, die die Figuren der phantastischen Literatur und des phantastischen Films auszeichnet. Werden die von der Gesellschaft auserkorenen Opfer - laut Hurka - zu Unrecht als Täter im kriminalistischen Sinne diffamiert und abgeurteilt, so trifft die Opfer der Phantastik häufig eine Form von immanenter Schuld, deren Ursachen sich nicht einwandfrei kategorisieren oder lokalisieren lassen. Das Schicksal, das ihnen widerfährt, ist zwar häufig die Konsequenz ihres schuldhaften Verhaltens, ihrer Verstöße gegen die Menschlichkeit, ihrer gotteslästerlichen Ãoberheblichkeit; doch oft genügt es bereits, Mensch und menschlich zu sein, um schuldig zu werden. Und man begegnet Tätern, die ihre Schuld moralisch nicht zu verantworten haben, deren Vergehen - beispielsweise die Brutalität des Werwolfs, die Aggressivität des außerirdischen Wesens - einzig und allein in ihrer Natur begründet liegen. Sie handeln instinktiv, auch ihre Schuld scheint somit lediglich den determinierenden Grundlagen ihrer Existenz zu entspringen. Die Verantwortung aber für deren Existenz - und damit die Schuld für deren Verhalten - trifft andere: den sündhaften Ahnen oder die Wissenschaftler, die die Kontrolle über ihre genetischen Experimente verloren haben. Diese wahren Tätern weisen die Schuld wiederum von sich und applizieren sie auf die eigentlichen Opfer ihrer frevelhaften Taten. Der stabilisierende Mechanismus der Gesellschaft tritt also auch hier wieder in Kraft. Die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Opfern und Tätern verwischen und markieren in ihrer Unbestimmtheit die problematische Stellung des Menschen in der Moderne. Die immanente Schuld des Individuums, das sich seiner Natur gemäß verhält, und dennoch Schuld auf sich lädt, entlarvt die Vorstellung einer freien Willensentscheidung im Sinne einer moralischen Kategorie als Illusion und bedingt ein Selbstbildnis des Menschen, das weit davon entfernt ist, ungetrübt, ungebrochen und in strahlendem Glanz die Unfehlbarkeit, Integrität und Größe von Gottes Ebenbild auf Erden zu verherrlichen. Es zeigt vielmehr den Menschen als Opfer seines Menschseins, als schuldlos Schuldigen, der dem Teufelskreis aus Handlung und Unterlassung, Schwäche und Verantwortlichkeit, aus ethischem Anspruch und geleb-ter Wirklichkeit, gutem Willen und Unabwägbarkeit äußerer Umstände nicht entfliehen kann. Ãober die Grenzen der Jahrhunderte hinweg führt diese Perspektive das idealistische Menschenbild einer optimistischen Aufklärung und einer ästhetisierenden Klassik ad absurdum und ersetzt es durch das Bild eines Subjekts im wahren Sinne des Wortes, das Bild einer Kreatur, die den Bedingungen ihres Lebens unterworfen und somit abhängig, gebunden, unfrei ist.
      Ist Josef K. wirklich schuldlos? Oder trifft ihn das Todesurteil des anonymen Gerichts vielleicht zu Recht?

   Hermsdorf spricht im Falle Josef K.s weniger von der 'Genese eines sogenannten Schuldkomplexes"80, als vielmehr von der 'Genesis [eines] Schuldbewußtseins", die 'zum dynamischen Motiv des Fragments" werde. K. sei sehr wohl schuldig, doch wolle er seine Schuld zu Beginn einfach nicht wahrhaben und verdränge sie gewohnheitsmäßig; er leugnet sie, als sie sich abzuzeichnen beginnt, und ist erst am Ende bereit, sie sich einzugestehen. Der Titel des Romans bezeichne daher nicht nur den Vorgang des - mehr oder weniger - juristischen Prozesses, sondern auch den Erkenntnisprozeß des Protagonisten selbst, der sich seiner Schuld langsam, aber immer deutlicher bewußt wird. Schuld ist keine Frage mehr von individuellem Handeln, Schuld entpuppt sich als Begleiterscheinung menschlicher Existenz und als Konsequenz sozialen Lebens. Den Glauben an die Freiheit einer persönlichen und vor allen Dingen effektiven Willensentscheidung überwindend, muß K. sich zu seiner Bindung an die menschliche Gesellschaft und zu seiner Abhängigkeit von gesellschaftlichen Prozessen bekennen und dadurch sein schuldhaftes Wesen akzeptieren.
      Wo aber beginnt die Schuld? Wird Schuld erst dann real, wenn sie bewußt wird? Besteht die Schuld bereits in der Unfähigkeit, Schuld zu empfinden? Entsteht Schuld nur durch konkrete Verfehlungen oder ist sie dem menschlichen Leben immanent und unausweichlich beigemischt? Kafkas Text wirft diese Fragen auf, bietet jedoch keine endgültigen Antworten; seine literarische Konstruktion führt den Leser an den Rand rationaler Erwägungen und berührt das unermeßliche Feld irrationaler Empfindungen, in dem die Vorstellungen von Schuld, Schuldlosigkeit und Schuldbewußtsein auf existentieller Ebene zunehmend diffuser und in ihren vielfachen Verflechtungen und Konnotationen komplexer werden und dergestalt mit dem menschlichen Dasein verzahnt sind, daß sich die aufgeworfenen Fragen einer erschöpfenden Beantwortung prinzipiell entziehen.
     

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