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Sichtweisen der moderne ii: phantastik und schrecken

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Phantastik



Viettas Aufzählung der fünf zentralen Epochenmetaphern mutet an wie ein Motivkatalog der phantastischen Literatur, und es ist sicherlich kein Zufall, daß er den Beginn der literarischen Moderne am Ende des 18. Jahrhunderts ansiedelt, zu jener Zeit also, in der sich die frühen Formen der modernen phantastischen Literatur etablieren konnten - die gotischen Schauerromane englischer Herkunft und deren Nachfolger in Deutschland - und eine Popularität genossen wie sonst kein zweites literarisches Genre. Während zahlreiche
Werke der Weltliteratur, die das Los der Menschheit in der Moderne thematisieren, auf Partikel oder Topoi des Phantastischen lediglich zurückgreifen und diese im Kontext einer ansonsten realistischen oder allegorischen Erzählweise als partielle Diskurselemente funktionalisieren , ist es ja gerade die phantastische Literatur, die - in völliger Ãobereinstimmung mit den Beobachtungen Viettas - das zutiefst erschütterte Bild des Menschen von sich selbst und von der Welt in Folge der geistesgeschichtlichen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts als jeweils umfassenden, hermetischen Diskurs, in reinster Form sozusagen, gestaltet.
      Der strahlende Stern der Aufklärung, der sein Licht über Europa geworfen und die Utopie einer von politischen und existentiellen Zwängen befreiten Menschheit geboren und propagiert hat, leuchtet als Ideal zwar noch bis in unsere Zeit, doch bereits in der Epoche seiner Entstehung war sein Licht niemals ungetrübt; und spätestens seit der Französischen Revolution, beziehungsweise der Folgezeit jener großen europäischen Bewegung, die den Ruf 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" über den ganzen Kontinent verbreitete, konnten die Stimmen, die an einer Selbstverwirklichung des aufgeklärten und mündigen Menschen zweifelten, nicht mehr überhört werden. Statt der Freiheit und der Gleichheit hatte die Revolution in Frankreich eine neue Zeit der Gewalt und Unterdrückung gebracht; statt Brüderlichkeit herrschte Brudermord in den blutgetränkten Straßen von Paris, und bis auf den heutigen Tag hat sich als bekanntestes Symbol der Französischen Revolution die Guillotine erhalten, die - für kurze Zeit - als geradezu ,,'heilige[...] Guillotine'" verehrt, 'in den Rang einer geweihten Statue" erhoben und 'durch die Straßen getragen [wurde] wie einst der Reliquienschrein der heiligen Genoveva".

     
   Die Befreiung des Menschen in einer zwanglosen Gesellschaft selbstbestimmter Individuen ist eine Illusion geblieben, und mit dem Sturz alter Machtverhältnisse und Ideologien ging geradewegs die Etablierung neuer Kräfte einher, die zuweilen noch grausamer und unmenschlicher auf die Geschichte und Entwicklungen der Völker einwirkten als die gestürzten Regime. Damit sind nicht nur konkrete politische Kräfte gemeint, sondern auch philosophisch-ideologische Systeme, Vorstellungen und geistesgeschichtliche Strömungen, die das Denken und Fühlen bestimmten und mitunter einen mindestens ebenso elementaren Einfluß auf die Befindlichkeit und das Selbstverständnis des Menschen in der Epoche der Moderne nahmen wie politische Diktaturen und weltweite Kriege, die - oftmals nur Konsequenzen dieser Philosophien und Ideologien - die Menschheit in ihren Grundfesten erschütterten und überindividuelle existentielle Krisen tief in die Kollektivseele der modernen Menschen zu graben vermochten.
      Die einseitige Forderung nach Vernunft und der programmatische Exorzismus aller vorvernünftigen, irrationalen Gefühlsstimmungen im 18. Jahrhundert hätte - zumindest theoretisch und in radikaler Zuspitzung - zu einem verkümmerten Menschenbild führen können, zu einem Halbwesen, das nur einen Teil seiner Bedürfnisse ausleben kann, andere Teile hingegen in einem ständigen Prozeß der Kontrolle, Unterdrückung und Sublimierung verdrängen und ableugnen muß. Doch so weit ist es natürlich nie gekommen - die Aufklärung konnte sich als eine Bewegung, die nur von Vernunft geleitet wird und auf Vernunft abzielt, niemals durchsetzen und alle irrationalen Bestandteile des menschlichen Wesens auslöschen; vielmehr hat sie in ihrer extremen Ausprägung neue Formen der Irrationalität entstehen lassen und begünstigt. Davon zeugt beispielsweise die enorme Popularität, die das Genre der phantastischen Literatur gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, also in den Phasen der selbstkritischen Spätaufklärung und der beginnenden Restauration, hatte. Seit der Publikation von Horace Walpoles Castle of Otranto im Dezember des Jahres 1764 entwickelte sich das Genre der gothic novel in England wie auch den kontinentaleuropäischen Ländern zu einer äußerst erfolgreichen Textsorte, die mit zunächst immer gleichen Motiven und Handlungsschemata ihre Leser zu unterhalten vermochte. Die Sehnsucht der aufgeklärten Menschen - oder zumindest: der zur Vernunft und zur rationalen Lebensführung aufgerufenen Menschen - nach Irrationalem, nach Erfahrungen, die tieferliegende Schichten ihres Wesens anspricht als den Verstand, nach phantastischen und schaurigen Geschichten etablierte eine Literatur, deren Beliebtheit auch heute noch anhält. In Form von Gespenster-, Horror- und Fantasygeschichten - teilweise auch der Science Fiction - hat sich die Erfolgsbilanz der im 18. Jahrhundert entstandenen Schauerliteratur bis in die jüngste Zeit fortgesetzt und darüber hinaus jenes Medium erobert, das zuweilen als ,,prävalente[s] Medium der Erzählkunst im 20. Jahrhundert" bezeichnet wird und in dieser Funktion heute weltweit sogar noch mehr Menschen und Bevölkerungsgruppen anspricht als die Literatur selbst - den Film. Vor allem das Horror-Genre, eine besonders profilierte, zuweilen extreme Spielart des Phantastischen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unter kommerziellen Gesichtspunkten als äußerst erfolgreich erwiesen, sei es nun literarisch oder filmisch vermittelt. 'The horror industry", so Grixti, 'has domesticated the supernatural and turned it into a commodity with con-siderable market value"30. Und er betont den Status der Horror-Industrie als 'increasingly lucrative source of economic growth and financial success. [...] - an industry which has developed into one of the most oddly successful means of production and consumption of the modern age."
Das weite Feld phantastischer Literatur besteht aus zahlreichen Subgenres und hat viele untergeordnete Gattungen hervorgebracht und kultiviert, und so liegen Theorien und Modelle der Abgrenzung und gattungsspezifischen Charakterisierung der literarischen Phantastik in großer Zahl vor. Die Debatten über Definition und Geltungsbereich des Begriffs 'phantastisch' sollen an dieser Stelle aber nicht wieder aufgegriffen werden. Ohnehin scheinen sich viele Differenzen allein durch terminologische Unterschiede zu ergeben, die bei genauerem Hinsehen die wesentlichen Ã"hnlichkeiten und Ãobereinstimmungen der theoretischen Ansätze nur oberflächlich überdecken: Das Phantastische drückt sich immer durch die Störung einer als gültig angenommenen Realität mit festgelegten Gesetzen und festgefügten Wirklichkeitsstrukturen, die in der Regel dem naturwissenschaftlich fundierten Weltbild der Moderne entsprechen, aus; die Störung muß so beschaffen sein, daß sie diese Strukturen und Gesetze in Frage stellt und die Existenz einer zweiten Realität oder Wirklichkeitsebene mit gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten vermuten läßt. 'Das Phantastische im strengen Sinne erfordert den Einbruch eines übernatürlichen Ereignisses in eine von der Vernunft regierte Welt", definiert Vax und grenzt die Phantastik dadurch vom Märchen ab, in dessen Welten von vornherein das Phantastische, Wunderbare und Unmögliche -eben das Märchenhafte - angesiedelt ist. Die Voraussetzung für die Wirkung des Phantastischen ist somit die Annahme einer stabilen, rationalistisch determinierten Weltordnung. In dieser Ordnung erscheint das Phantastische -so auch Caillois in verbaler Zuspitzung - als 'ein Ã"rgernis, ein[...] Riß, ein befremdende[r], fast unerträgliche[r] Einbruch in die wirkliche Welt"34, es wird 'zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt, und die Sicherheit einer Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgültig und unverrückbar gehalten hat. Es ist das Unmögliche, das unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist." Auch er betont die rationale Fundierung der Ausgangssituation, die den spezifischen Effekt des Phantastischen, die schockartige Wirkung des Irrationalen, überhaupt erst ermöglicht, und weist dabei auf den historischen und geistesgeschichtlichen Ursprung der phantastischen Literatur im Zeitalter der Aufklärung hin:
Sie [die phantastische Literatur - M.H.] konnte nur entstehen, nachdem die wissenschaftliche Auffassung einer zwangsläufig rationalen Ordnung der Dinge sich durchgesetzt hatte, nachdem ein strenger Determinismus in bezug auf Ursache und Folge allgemein anerkannt worden war. Mit einem Wort, es entstand ein Zeitpunkt, an dem jeder mehr oder weniger von der Unmöglichkeit von Wundern überzeugt war. Wenn danach das Wunder Angst hervorrufen mußte, dann nur, weil die Wissenschaft es verbannt hatte: es war unzulässig und erschreckend geworden.

     
   Das aufgeklärte, rationale Bewußtsein ist die Folie, auf der sich die Phantastik als Genre etablieren konnte und auf der sich das Phantastische innerfiktional als Phänomen entwickeln kann; unerklärliche und dadurch unheimliche Geschehnisse, die Präsenz phantastischer Erscheinungen und Wesen erzeugen 'in diesem Gewebe der wissenschaftlichen Sicherheiten, das so sorgfältig gesponnen schien, daß es den Angriff des Unmöglichen nie zu befürchten haben könnte"37, jenen Riß, der die Existenz einer anderen Realität jenseits der rationalen Weltordnung suggeriert und dadurch Ungewißheit und Angst evoziert.
      Ohne die Theoriediskussion erneut zu entfachen, muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß der enge Gattungsbegriff, den Todorov in seiner häufig zitierten Einführung in die fantastische Literatur entwickelt hat, einer praktischen Anwendung nicht standhält. Das Phantastische nur auf jene Fälle zu beziehen, in denen die Ungewißheit über den Realitätsstatus der geschilderten Ereignisse beim Leser über die Lektüre hinaus aufrecht erhalten bleibt und diese Ereignisse weder als subjektive Sinnestäuschungen der Protagonisten noch als objektiv wahrnehmbare wunderbare Geschehnisse eindeutig klassifiziert werden können, bedeutet eine radikale Einschränkung des Gattungsbegriffs und grenzt eine Vielzahl von Werken aus, die traditionell dem Kanon phantastischer Literatur zugerechnet werden.
      Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird phantastische Literatur daher umfassender verstanden; es zählen die Werke der historischen Formen der gothic novel und der Schauerromantik ebenso dazu wie Texte der modernen Form der Horrorliteratur. Phantastik erklärt sich demgemäß weniger über spezifische Erscheinungsformen der Struktur oder inhaltliche Motive und Elemente, als vielmehr über die intendierte Wirkung auf die Leserinnen und Leser. Diese rezeptionsästhetische Sichtweise berührt natürlich die Konzeption Todorovs, doch wird die Bandbreite der Empfindungen über das Gefühl der Unschlüssigkeit im oben skizzierten Sinne hinaus ausgedehnt. Spannung, Angstempfinden und die Erfahrung extremer Gefühle generell stehen dabei im Mittelpunkt eines Lektürevergnügens, das ganz bewußt nach ungewöhnlichen Situationen, furchterregenden Sensationen und irrealen Geschehensabläufen sucht und in der Erzeugung negativer Affekte und dem lustvollen Erleben und Ausleben elementarer oder spezifischer Ã"ngste zu seinem Höhepunkt findet. Darüber hinaus soll bei den folgenden Betrachtungen die strikte Trennung zwischen Literatur und Film hinsichtlich des allgemeinen Rezeptionsphänomens der Phantastik und des Horrors aufgehoben werden, womit gleichzeitig einer Forderung Fischers entsprochen wird, der für eine Einbeziehung der Analyse phantastischer Filme im überwiegend literaturwissenschaftlich geprägten Diskurs plädiert. Die alltäglichen Rezeptionsgewohn-heiten wie auch der darauf ausgerichtete Produktionsprozeß der Unterhaltungsindustrie im weitesten Sinne vereinnahmen und verarbeiten literarische und filmische Werke in vergleichbarer Weise und erzeugen so eine umfassende Kultur des Irrational-Phantastischen jenseits isolierter Vermittlungsformen und medialer Differenzen. Collins betont in diesem Zusammenhang, daß 'horror is a perennial element of populär culture and, finally, that the boundaries of our culture are drawn by genre, not by form. As culture develops and technologies evolve, horror frequently operates at the forefront of formal innovation. As film was beginning, one of its first choices for mate-rial was horror literature, and as film matured, horror literature was one of the first literary genres to adapt its form to the influence of cinema. As electronic media proliferate, horror continues to explore their narrative potential long before other genres - romance, comedy, fantasy - take tentative Steps toward timeliness. Horror, ultimately, acts as the voice of every successive genera-tion, and tailors its approach accordingly. The differencs between writing, film, and video fade steadily."

   In einer rationalisierten und entzauberten Alltagswelt bieten die literarisch oder filmisch vermittelten Schrecken eine Ersatzbefriedigung, die den Rezipienten Dramatik, vibrierende Phantasietätigkeit und emotionale Erregung verspricht, die im wirklichen Leben nur mehr selten in dieser extremen - und dabei völlig gefahrlosen - Form anzutreffen sind. Was die Schauerliteratur in besonderem Maße von der Realität unterscheidet und sie somit zu willkommenen Zufluchtsorten der atrophischen Phantasie macht, ist die Ãoberwindung des Rationalitätsprinzips. Das Irrationale schleicht sich in die Normalität ein und konfrontiert die Helden und Heldinnen mit unerklärlichen Ereignissen und teuflischen Widersachern, die über unmenschliche Kräfte zu verfügen scheinen. Gesetzmäßigkeiten des funktio-nalistischen Denkens und die formalistischen Ketten der Vernunft sind - zumindest vorübergehend - außer Kraft gesetzt und überwunden und erlauben den Genuß am Außergewöhnlichen, die exaltierte Freude am Schrecken und die Anarchie entfesselter Emotionen. All dies läßt sich nur deshalb überzeugend und immer wieder erfolgreich inszenieren und zelebrieren, weil eben der Realitätsdruck und die allgegenwärtige Herrschaft der Vernunft dem Menschen als ganzheitlichem Wesen die Exploration des gesamtem Spektrums seiner Existenz in der rationalistischen Alltagswelt versagt. Das Bedürfnis nach Geschichten, die den Prinzipien und vor allem den Forderungen der Aufklärung so deutlich widersprechen, nach Geschichten, die von Geistern, Monstern und Untoten berichten, die das diesseitige Leben nur als Spielball höherer, mitunter dämonischer Mächte beschreiben, die den rationalen Blick ihrer Leser oder Zuschauer trüben und Visionen anderer Existenzmöglich-keiten - teils sinnlich-verführerisch, teils unheimlich-bedrohlich - beschwören, das Bedürfnis nach Geschichten also, die all das in schillernden Farben und betörenden, unmittelbar emotional wirkenden Bildern ausmalen, was die Aufklärung zu bekämpfen suchte, war und ist jedoch so stark, daß man durchaus annehmen kann, die voraufklärerische Sehnsucht des Menschen nach Phantastischem und nach einer Bestätigung transzendentaler Kräfte, die das Hier und Jetzt der irdischen Existenz um Sinnhaftes, um Jenseitiges, um Göttliches womöglich ergänzen und bereichern, ließe eine einseitige Entwicklung im Sinne einer radikalen Aufklärung und Verabsolutierung rationaler Werte nicht zu. Mit Sicherheit ist die phantastische Literatur, beziehungsweise der phantastische Film eine Art Korrektiv, das dem aufgeklärten Menschen etwas von dem zurückgibt, was er bei seinem Eintritt in die Moderne opfern mußte. Der Preis für wissenschaftlichen Fortschritt, für Technologie, Industrialisierung und Wohlstand war die Aufgabe irrationaler Ãoberzeugungen, die Abschaffung oder zumindest die Relativierung der Existenz und Wirkungsmöglichkeit Gottes, die Säkularisierung der gesellschaftlichen Welt und der Natur, die Orientierung und Ausrichtung des Denkens und Fühlens an einer empirisch greifbaren Welt, in der nur Bestand hat, was objektiv erfahrbar, mathematisch erfaßbar und wirtschaftlich nutzbar ist, und die Bereitschaft, mit dem neuen, anthropologisch begründeten Bild des Menschen zu leben, die ihm auferlegte Last einer nur diesseitig ausgerichteten Existenz ohne Hoffnung auf jenseitige Erlösung zu übernehmen und die alleinige Verantwortung seines Handelns zu tragen. Der Preis für die Verlockungen und Bequemlichkeiten des Fortschritts und für das menschliche Streben nach Macht und Herrschaft, nach Einzigartigkeit und Dominanz in der Schöpfung, das einerseits durch die wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Moderne auf befriedigende Weise erfüllt wird, diese Epoche andererseits auf durchaus ambivalente Weise charakterisiert, der Preis für die Modernität des Menschen und seiner Welt besteht in der Loslösung des Individuums aus der Einheit mit Gott und der Natur, aus der Befreiung von ethisch-moralischen Vorstellungen und Bindungen, die dem Menschen einen Platz in der Schöpfung zuweisen, der ihn zwar einschränkt, dafür jedoch metaphysische Stabilität und Sicherheit verspricht. Stabilität und Sicherheit sind verlorengegangen. Der Mensch kennt keine Grenzen mehr, er kann sich in jede Richtung weiterbewegen, doch er findet sich plötzlich allein im Kosmos. Er wird konfrontiert mit einem Vakuum, das ihn anschweigt und alle Antworten nach dem Sinn des Lebens verweigert. Seine Existenz, befreit zwar von allen religiösen und moralischen Zwängen, wird anfällig für eine fundamentale Sinnkrise. Darüber hinaus wird das Individuum in einer Welt ohne bindende Kategorien der Moral allzu leicht das Opfer des Herrschafts-willen anderer Menschen, die ihren Anspruch auf Befriedigung ihrer Wünsche rücksichtslos durchsetzen. Beides - die Sinnkrise als auch das Ausgeliefertsein an konspirative Mächte - wird in Schillers Geisterseher und in der ihm nachfolgenden Schauer- und Geheimbundliteratur thematisiert und anschaulich inszeniert.
      Der Verlust einer höheren Dimension des Lebens, einer Sinnebene, die das rationale Weltbild der Moderne übersteigt und durchdringt, wird durch die motivische Gestaltung der phantastischen Literatur kompensiert. Dies gilt zumindest für einen großen Teil der älteren Phantastik. Denn in der Gewalt irrationaler Kräfte, in dem Eindringen übermenschlicher Gestalten und Mächte in den scheinbar rationalen Existenzbereich des Menschen, wird -zumindest auf literarisch-fiktiver Ebene - die verschüttete Ahnung einer metaphysischen Weltordnung zur Gewißheit. Mögen die Wesen, die aus dem Jenseits oder aus einer anderen Dimension in die Realität dieser Welt einbrechen, noch so furchterregend sein - sie repräsentieren, indem sie selbst bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen und sich als Instrumente einer höheren Macht erweisen, eine Ordnung, die trotz ihrer irrationalen Fundierung eine gewisse Stabilität und Berechenbarkeit des Schicksals garantiert. Das Chaos des Irrationalen ist hier nur scheinbar; der Horror, den diese unheimlichen Wesen verbreiten, folgt einer Strategie und verweist auf die Sinnhaftigkeit und die Wirksamkeit einer übergeordneten Kraft. Der Mensch erfährt sich in dieser Weltordnung zwar als geringfügigen Teil, aber 'die Billigung einer beliebigen, sogar auch einer 'spiritistischen' Ontologie ist besser als eine totale ontische Desorientierung."
Zugleich spiegelt die phantastische Literatur aber auch in geradezu para-digmatischer Weise die problematische Stellung des Menschen in der Moderne wider. 'Sie ist Pathogramm einer aus den Fugen geratenen Welt und Psychogramm der Angst angesichts um sich greifender Heillosigkeit. In ihr zeichnen sich sowohl die Spuren der Zerstörung als auch die Spuren des tief verängstigten Bewußtseins ab." Die Epochenmetaphern, die Vietta als zentrale Bildfelder der modernen Literatur gekennzeichnet hat, beweisen dies auf eindrückliche Weise. In all diesen Bildern schwingt etwas von der destabilisierten und angsterfüllten Situation des Menschen mit, der sich einer Welt voller Schrecken ausgesetzt sieht. Denn die Sinnleere seiner Existenz, die ihn ohne Hoffnung auf Erlösung oder Transzendenz zu übermannen und zu verschlucken droht, gewinnt in der Phantastik an anschaulicher Form und nimmt die Gestalt innerer und äußerer Dämonen an. Die Stoffe und Motive der phantastischen Literatur erscheinen geradezu wie das Pandämonium des modernen Menschen, eine künstlerisch ausgestaltete und poetisch verklärte Sammlung der existentiellen Ã"ngste und Neurosen der Menschheit in einer
Epoche des Fortschritts und der Aufklärung. In seinen Darstellungen des von sich und seiner Umwelt entfremdeten Subjekts und seinen Beschwörungen einer neuen Totalität - im positiven oder negativen Sinne - greift das phantastische Genre jene zentralen Probleme auf, die in der Kunst der Moderne allgemein zu den entscheidenden Themen und Fragestellungen geworden sind und beansprucht daher, literarisch oder filmisch vermittelt, durchaus zu Recht den Status einer genuin modernen Kunstform. Horrorliteratur thematisiert, so Magistrale und Morrison, 'the tragic consequences of social and personal disintegration", und sollte rezipiert werden als 'contemporary social satire that reveals - and often critiques - the collective cultural fears and personal anxieties of everyday life." Daher erweist sich die Phantastik, literarisch oder filmisch vermittelt, als 'the essential aesthetic medium of our time."

   Es lassen sich also mehrere Funktionen des Phantastischen feststellen: Erstens die Abbildungsfunktion, die vermittels der Visionen von vergänglicher Schönheit und morbider Zersetzung, von Abgründen und Apokalypsen, von Krankheit und Wahnsinn, von Dunkelheit, Kälte und Eis und von Irrgärten und Labyrinthen die krisenhafte Situation des Menschen in der Moderne zum Ausdruck bringt und historische Erfahrungen, Rahmenbedingungen des modernen Lebens und individuelle Verzweiflung in den Schrecken der phantastischen Literatur und des Horrorfilms in überlebensgroßen Dimensionen nachzeichnet.
      Zweitens - und komplementär dazu - die kompensatorische Funktion, die in einer rationalen Alltagswelt Fluchtmöglichkeiten der Phantasie und der exaltierten Gefühle bietet und die Möglichkeit metaphysischer Wirklichkeiten in der Fiktion andeutet.
      Und drittens schließlich eine kathartische Funktion, die in gewisser Weise aus dem Zusammenspiel der beiden zuvor genannten Funktionen resultiert -und dennoch mehr ist als nur die Summe ihrer einzelnen Teile. Sie scheint die zentrale Funktion der Phantastik in Literatur und Film zu sein und das Geheimnis ihres anhaltenden Erfolgs. So unbestimmt und unklar - häufig sogar bestritten - das Konzept der Katharsis auch sein mag, so subtil und unbewußt oder psychologisch schwer nachvollziehbar es seine Wirkung auch entfalten mag, es läßt sich nicht generell verleugnen oder wegrationalisieren. Die Lektüre unheimlicher Geschichten, das Betrachten eines schreckenerregenden Films hinterlassen im Normalfall ein Gefühl des Wohlbehagens, möglicherweise ein kurzzeitig wiedergewonnenes Gefühl der Sicherheit und Stabilität in einer Epoche der existentiellen Ungewißheit und seelischen Labilität. Dies gilt auf individueller wie auch auf kollektiv-gesellschaftlicher Ebene. Anders ließen sich der enorme Konsum solcher Werke und die kaum verblassende Faszination an grauenvollen Schilderungen nicht erklären. Inihrer Darstellung irrationaler Geschehnisse und ihrer Entfesselung heftiger Emotionen reagiert die Schauerliteratur auf tief verwurzelte Wünsche und Bedürfnisse ihrer Rezipienten; sie konkretisiert diffuse Ã"ngste und macht sie dadurch greifbar, sie erlaubt Ausbrüche der Phantasie, die Formulierung angststimulierender Themen und Vorstellungen und die Kanalisierung destruktiver Energien und reinigt das Individuum dadurch von belastenden seelischen Zwängen und psychischen Pressionen, sie bannt irrationale Empfindungen und Affekte in einen fiktionalen Rahmen und erleichtert dadurch Denken und Handeln in einer rationalen Welt, sie dient schließlich als Spiegel, dessen Reflexionen schrecklich, oft jedoch auch heilsam sind, da sie Selbsterkenntnis und Selbststilisierung zugleich fördern. Die Bilder dieses Zerrspiegels, die uns aus jeder fiktiven Horrorvision entgegenblicken, konfrontieren uns mit unseren Ã"ngsten und unseren Nöten und implizieren zuweilen sogar Hoffnungen und Erlösung. Darüber hinaus dokumentieren sie, daß die Verzweiflung des Individuums in der Moderne keine individuelle Verzweiflung ist, sondern eine kollektive Erfahrung, und daß die Schrecken in einem Akt sozialer Teilnahme empfunden und dadurch vielleicht sogar leichter erträglich gemacht werden können. Die Beschwörungen des Irrationalen nehmen so immer wieder Formen rationaler Sinngebung an. Als eine literarische Gattung der Moderne thematisiert die Phantastik das Unheimliche und Irrationale, um es rational zugänglich zu machen. Die Konfrontation mit der Finsternis und der insistierende Blick in den dunklen Spiegel unserer Seele vermögen Aufklärung über die Natur der Finsternis und die Abgründe unserer Seele zu bringen. Ã"ngste, die offenliegen, können analysiert und überwunden werden. Somit zeichnet sich eine durchaus zweckrationale Motivation hinter der Lust am Grauen ab, auch wenn sie nur in wenigen Fällen offensichtlich erkannt und derart explizit benannt werden kann.

     
   Das Potential an Ã"ngsten und irrationalen Zwängen, das durch die radikale Aufklärung entstanden ist, wird durch die Produktion und Rezeption der Schauerliteratur und ihrer filmischen Nachkommen aufgefangen und im Kreislauf von dauerhafter Sinnkrise und punktueller kathartischer Ãoberwindung existentieller Verzweiflung ad infinitum verarbeitet, aktualisiert und aufgefrischt. Es hat sich ein Horror-Recycling entwickelt, das einerseits bestehende Ã"ngste und irrationale Phänomene der bürgerlich-aufgeklärten Gesellschaft künstlerisch darstellt und rational erfaßbar machen will, andererseits aber in unermüdlicher Produktivität stets neue Ausdrucks- und Erscheinungsformen des Irrationalen hervorbringt - eine Maschinerie des rationalen Irrationalismus, die sich selbst begründet und ihren gewaltigen Ausstoß an Gewalt- und Schreckensvisionen durch ihre kulturgeschichtliche Verankerung in der Moderne unantastbar legitimiert. Nicht zuletzt der kommerzielle Erfolgdieser Maschinerie rechtfertigt auf rein rationaler Basis die fortwährende Beschäftigung mit dem Unheimlichen und die - mehr oder weniger - künstlerische Gestaltung des Irrationalen. Etwas, das sich so gut verkaufen läßt, muß einfach produziert und massenmedial vermarktet werden; es wäre regelrecht unvernünftig, ja geradezu irrational, eine solche Geldquelle versiegen zu lassen. Man mag dies Argument als profan abtun, aber gerade diese Profani-tät, die sich in der gesellschaftlichen Ausrichtung auf Rentabilität und Profit zeigt, zeichnet als zweckrationales Denken die kapitalistische Moderne aus und bestimmt daher in fundamentaler Hinsicht unsere Epoche.
     

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