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Sichtweisen der moderne ii: phantastik und schrecken

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» Phantastik und Rationalismus
» Prometheische Helden

Prometheische Helden



Neben dem Prinzip des explained supernatural zeigt sich der Einfluß der Rationalismus-Irrationalismus-Dichotomie in der phantastischen Literatur in der Gestaltung und dem Schicksal der herausragenden Anti-Helden des Genres. Jähzornige Tyrannen und teuflische Schurken wie Manfred, der Usurpator in Walpoles Castle of Otranto, der genußsüchtige Kalif Vathek, Titelfigur des orientalischen Romans von William Beckford , Montoni und Schedoni, die intriganten Widersacher in Radcliffes gothic novels, Ambrosio, der lüsterne und sadistische Mönch in Lewis' gleichnamigem Skandalwerk, Victoria de Loredani, das weibliche Pendant zu Ambrosio in Charlotte Dacres Zofloya or The Moor , Zastrozzi, Ginotti und Wolfstein, die rebellischen und tragischen Figuren aus Percy Bysshe Shelleys Zastrozzi. A Romance und Saint Irvyne or The Rosicrucian und schließlich Melmoth, der Ausgestoßene und ewige Suchende in Charles Robert Maturins Melmoth the Wanderer verkörpern das trotzige, gegen Traditionen und religiöse Bindungen rebellierende Prinzip des radikalaufgeklärten, selbständigen Menschen; sie sind prometheische Helden, die sich auflehnen und über das Maß der Normalität erheben. Sie wollen ihr Schicksal selbst bestimmen und sich nicht den Fesseln der Gewohnheit und der Durchschnittlichkeit beugen; sie greifen nach den Sternen und suchen absolute Kontrolle, absolute Macht und absoluten Genuß. Sie sind die Frucht der zweckrationalen Aufklärung, des Materialismus, Erben des Marquis de Sade und Repräsentanten des neuen entfesselten Menschentyps, der in den Feuern der Revolution geschmiedet wurde. Sie sind selbstherrlich und in ihrer Ãoberheblichkeit bewundernswert - sie gleichen Göttern, die sich über die Grenzen eines normalen Menschenlebens hinwegsetzen und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, ohne Rücksichtnahme auf andere Menschen oder gesellschaftliche Konventionen. Radikaler Rationalismus und Skrupellosig-keit zeichnen ihr Verhalten aus, Moral ist ihnen fremd. Bei der Verfolgung ihrer Ziele gehen sie keine Kompromisse ein, und sie sind bereit, die Konsequenzen ihres Tuns zu tragen. Der Wille zur Macht, die Stärke ihres Intellekts und die Maßlosigkeit ihrer Bedürfnisse zeichnen diese Menschen aus und verweisen sie auf sich selbst als einzig verläßliche Instanz zurück. Ihre Sicht der Welt ist extrem subjektiv, ihr Rationalismus von irrationaler Absolutheit geprägt.


      Dem Typus dieser Byronic heroes attestiert Praz jene potentielle Vielschichtigkeit des Charakters und charismatische Kombination aus Niedertracht und melancholischer Würde, 'die aus den Bösewichtern des Schauerromanes die Abkömmlinge Luzifers und gleichzeitig die Vorläufer der romantischen Helden entstehen läßt." Die literarischen Möglichkeiten und Realisierungen, die den Anlagen dieses Typus entspringen, verbieten es, ihn ausschließlich als eindimensionalen Schurken, als personifiziertes Ãobel oder als Sinnbild des aristokratischen Tyrannen festzulegen. In gewisser Weise symbolisieren diese prometheischen Helden in radikalisierter Form auch das aufstrebende Bürgertum, das im Zeitalter der Aufklärung die Fesseln der ständischen Ordnung abwirft und sich von traditionellen Formen des Lebens und der Gesellschaft emanzipiert - oder sich zumindest ideologisch und programmatisch davon löst. Mögen sie auf den ersten Blick den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft auch kontradiktorisch gegenüberstehen und als unversöhnliche Antagonisten an deren Zerstörung arbeiten, so entstammen sie doch dem gleichen ideologischen Ursprung und verkörpern dessen Implikationen und weltanschauliche Konsequenzen in reinster Form. Als Agent und Nutznießer der Säkularisierung entfaltet das Bürgertum seine zunehmende Macht in einer Welt der Funktionalität und der zweckrationalen Orientierung; in diesem Klima gedeihen auch die selbstbewußten und schurkischen Helden der Schauerromantik. Mit ihrem Anspruch, den historischen Prozeß nachihren Vorstellungen zu beeinflussen und ihre eigene Position machtpolitisch und sozial zu festigen, spiegeln sie in gesteigerter Potenz das bürgerliche Bewußtsein wider. In individualisierter Gestalt erhebt sich die im Kollektiv nur dumpf brütende und durch soziale Kontrollmechanismen gezügelte Ideologie der Expansion und konsumatorischen Vereinnahmung zu gewaltigen Dimensionen, die sich keinerlei Beschränkungen mehr auferlegen lassen. Die prometheischen, stets fordernden, niemals saturierten Individuen stellen somit Projektionen der bürgerlichen Gesellschaft dar, die das rationalistische Leistungs- und Belohnungsprinzip aus dem sozial verbindlichen Kontext lösen und bei der Verfolgung ihrer eigenen individuellen Ziele radikal praktizieren. Sie sind Personifikationen der dialektischen Aufklärung, deren kompromißloser Herrschaftsanspruch selbstzerstörerische Tendenzen birgt.
      Die Schauerliteratur hat viele solcher Figuren hervorgebracht und an ihnen einerseits das Ideal des aufgeklärten Menschen und genialen Einzelgängers verherrlicht, andererseits die Gefahren und Risiken solcher Verhaltensweisen drastisch dargestellt. In ihrer Besessenheit, ihre Ziele zu verwirklichen und mit allen Mitteln persönliche Vorteile zu erringen, werden sie zu schillernden Anti-Helden und faszinierenden Verbrechern, deren Größe und Tragik die Mittelmäßigkeit und Konventionalität ihrer literarischen Gegenspieler oftmals überstrahlt. Ihr Potential an Kreativität und Durchtriebenheit macht sie zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten, die das Prinzip einer radikalen Aufklärung verinnerlicht haben und für ihre Zwecke - so unterschiedlich diese Zwecke auch sein mögen - zur Anwendung bringen. Der Armenier in Schillers Geisterseher zählt natürlich auch zu dieser illustren Gesellschaft; mit seinem psychologischen Geschick und seiner Voraussicht gelingt es ihm, die Intrige gegen den Prinzen zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Seine Handlungsweise wird durch zweckrationales Kalkül diktiert, und er bedient sich aller erdenklichen Mittel, um zum erhofften Ziel zu gelangen. Der Prinz selbst erscheint für kurze Zeit als Repräsentant eines solchen Menschenschlags. Als Freigeist erhebt er sich über Konvention und Moral und strebt nach dem Thron, nicht bereit, den ihm zugedachten Platz in seiner Familie und der Gesellschaft zu akzeptieren. Sein Ehrgeiz macht ihn - soweit das dem Romanfragment zu entnehmen ist - zum Verbrecher.
      Doch der gotische Roman hat in der Regel kein Erbarmen mit diesen Egomanen, denn ihre Taten bleiben meist nicht ungestraft. Ihre Bosheit wird den Schurken zum Verhängnis, ihre Ãoberheblichkeit rächt sich auf grausame Art und Weise, und ihr grenzenloser Hochmut führt unweigerlich zum Fall. Irrationale Erscheinungen sind es, die die Hybris dieser Machtmenschen bestrafen und ihren Willen brechen: Phantome der Vergangenheit wie in Walpoles Castle of Otranto, satanische Mächte oder göttliche Gerechtigkeit wie in
Lewis' Monk und Maturins Melmoth the Wanderer. Metaphysische Kräfte scheinen als Korrektiv der fehlgeleiteten Ratio aufzutreten und den Menschen an seinen untergeordneten Platz in der Schöpfung zu verweisen. Die extremen Auswüchse der rationalistischen Aufklärung werden mit erbarmungsloser Härte beantwortet, der Hunger nach Macht, die hemmungslose Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe, die Ãoberschreitung gesellschaftlicher Tabus und moralischer Gebote mit dem Feuer gnadenloser Verdammung und qualvoller Leiden ausgebrannt. Das Scheitern der prometheischen Helden und Schurken drückt somit Kritik an der anmaßenden Selbstherrlichkeit des von göttlichen und moralischen Instanzen emanzipierten Subjekts aus und relativiert die optimistische Einschätzung der Aufklärung und ihrer Ziele. Gleichzeitig dient es der bürgerlichen Gesellschaft als Warnung und Abschreckung vor dem sozialen Sündenfall, aus dem Kollektiv auszubrechen und die ideologischen Grundlagen und Prinzipien des eigenen Bewußtseins in maßloser Weise als weltanschauliche Basis und Begründung für ein individuelles Aufbegehren gegen die herrschende Klasse und gegen die herrschende Ordnung einzusetzen. Der Fall des prometheischen Charakters ist somit auch das Korrektiv einer von allen Hemmungen und sozialen Kontrollen entfesselten Fehlentwicklung des aufgeklärten, bürgerlichen Bewußtseins.
      Das Prinzip des explained supernatural löst das Unheimliche und Irrationale in einer säkularisierten Welt der Vernunft auf, die Strafmaßnahmen irrationaler Mächte hingegen weisen den aufgeklärten Menschen in einem von metaphysischen Gewalten beherrschten Kosmos in seine Schranken zurück. So reagieren die verschiedenen Ausprägungen der Schauerliteratur auf die Rationalismus-Irrationalismus-Problematik in jeweils einseitiger, insgesamt jedoch stabilisierender Weise: dort wird das Gebot der Aufklärung zum nar-rativen Prinzip, hier dienen irrationale Schrecken zur Darstellung metaphysischen Horrors. Aufklärung und Aufklärungskritik treten innerhalb des Genres in Konflikt und erzeugen jene lustvolle Spannung, die in ihrer generellen Unentschlossenheit und hermeneutischen Vieldeutigkeit die dialektischen Verknüpfungen von Rationalismus und Irrationalismus in der Realität der Moderne widerspiegelt. Diese Ambivalenz macht es auch schwer - wenn nicht gar unmöglich -, ein pauschales Urteil hinsichtlich der Ideologie des Phantastischen zu fällen. Gustafssons These, die phantastische Literatur sei reaktionär, da sie das Individuum aus der Verantwortung enthebe und die Existenz übergeordneter Mächte und deren schicksalhaften Einfluß auf die Menschen darstelle, mag seine Berechtigung haben; im Scheitern der prometheischen Helden und den schmerzhaften Strafen, die ihnen für ihre Rebellion gegen Gesellschaft, Moral und göttliche Ordnung, auferlegt werden, zeigt sichdurchaus die reaktionäre Tendenz der Phantastik, die den Menschen als Spielball höherer Gewalten und als hilfloses Geschöpf in einem stabilen System metaphysischer Kräfte ausgibt, dessen Bauplan und dessen Funktionsweise es niemals durchschauen kann, sondern nur ehrfürchtig bestaunen und verehren darf. Auf der anderen Seite entfaltet die Phantastik auch immer wieder ihr progressives Potential, indem sie die bestehende Wirklichkeit als Scheinrealität entlarvt, als Konstrukt menschlicher Vorstellungskraft und Wahrnehmung, indem sie die Rolle des Menschen im Wechselspiel von Vernunft und Aberglaube beschreibt und funktional analysiert und indem sie die Prinzipen einer sachlich-objektiven oder einer wissenschaftlich-psychologischen Aufklärung als Schlüssel zur Welt und zur menschlichen Seele sowohl thematisch als auch strukturell umsetzt. In seiner Analyse und geistesgeschichtlichen Deutung phantastischer Novellen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts betont Freund den gesellschaftskritischen und emanzipatorischen Anspruch dieser Literatur. 'Die phantastische Erscheinung macht nicht nur angst", so Freund, 'sondern wirft zugleich Fragen nach Gründen und Ursachen ihrer Erscheinung auf. In dem Maße aber, wie die Angst schöpferisch wird, den Bedrohungen und Gefährdungen des einzelnen auf den Grund zu kommen versucht, entwickelt sich die phantastische Fiktion zum kritischen Medium, gerichtet gegen das, was einer humanen Entfaltung im Wege steht und sie fortlaufend verhindert. Angst und Aggressionen bedingen sich vielfältig innerhalb der literarischen Phantastik. Phantastik nur als Angstliteratur zu begreifen, heißt den schöpferischen Impuls der Angst zu verkennen. Phantastische Literatur ist [...] psychisch verfremdende Kritik, die im Spiegel existentieller Krisen die soziale Urheberschaft anschaubar macht und sich so einmal mehr als Sproß der Revolution zu erkennen gibt."
Sträuli zeigt in seiner psychologischen Studie zur Phantastik am Beispiel der Ãoberwindung des anthropozentrischen Weltbilds und der Wiederherstellung einer Ordnung durch die Einführung übermenschlicher -oder außerirdischer - Kräfte, daß sowohl emanzipatorische als auch restaura-tive Züge die Gattung prägen und diese sich teilweise gegenseitig bedingen und zur Entfaltung bringen. Reaktionäre und progressive Tendenzen halten sich ebenso die Waage wie rationale und irrationale, aufklärerische und gegenaufklärerische Aspekte. In ihrer Gesamtheit reflektiert die Phantastik die Gespaltenheit des modernen Menschen und das dialektische Fundament seiner geistes- und kulturgeschichtlichen Entwicklung.
      Auch in Werken der zeitgenössischen Horrorliteratur treten prometheische Helden und Anti-Helden auf. In Clive Barkers The Hellbound Heart , das der Autor unter dem Titel Hellraiser {Hellraiser - Das Tor zur Hölle, GB 1987) selbst verfilmt hat, versucht Frank Cotton sein Bewußtsein zu erweitern und neue Formen der Sinnlichkeit und des Genusses kennenzulernen. Mit Hilfe eines geheimnisvollen Würfels, dessen Form sich verändern läßt, beschwört er eine Gruppe dämonischer Wesen - Zenobiten -, die ihm den Vorstoß in unbegrenzte Gefilde sexueller Lust und Befriedigung ermöglichen sollen, doch die Zenobiten, 'Theologen des Ordens der Wunden"96, haben andere Vorstellungen von Lust und Sinnlichkeit als Frank. Die neuen körperlichen Erfahrungen, die sie ihm bieten, beziehen sich auf Qualen und Schmerzen jenseits der Vorstellungskraft. Als 'explorers in the fürther regions of experience" stellt 'Pinhead', der Anführer der Zenobiten, sich und seine Begleiter im Film Hellraiser vor. 'Demons to some - angels to others." Der Ambivalenz ihrer Bedeutung und ihrer Funktion entspricht ihr erschreckendes Erscheinungsbild: Ihre verstümmelten, vernarbten und gepeinigten Körper belegen, daß sie nicht nur Schmerzen verbreiten, sondern an sich selbst neue Formen des Schmerzes erproben. Sie verkörpern die Fleischlichkeit, die auch die Grundlage menschlicher Existenz ist, die Fähigkeit, sowohl Lust als auch Leid zu empfinden, und die Bereitschaft, extreme Möglichkeiten der Stimulation zu genießen und zu erdulden; sie sind Missionare der Folter, Prediger der Schmerzen und als überzeugte Anhänger ihrer Religion Wanderer und Erforscher in Grenzbereichen der Empfindungsfähigkeit, in denen sich Wollust und Entzücken mit Qualen und Martern vermischen.
      Die Zenobiten führen Frank in ihre Welt der körperlichen Genüsse und Ekstasen ein und beenden seinen unstillbaren Hunger nach sinnlichen Freuden, indem sie seinen Körper mit Haken, Ketten und scharfen Klingen auseinanderreißen. Seine Existenz ist damit jedoch noch nicht vollkommen ausgelöscht. Als lebendes Skelett kehrt er in die materielle Welt zurück und sucht nun mit Hilfe von Julia, der untreuen Frau seines Bruders Rory - im Film trägt er den Namen Larry -, neue Opfer, deren Blut ihm seine menschliche Gestalt wieder komplett zurückgeben kann. Leidenschaft und sexuelle Gier, der Wunsch nach hemmungslosem Leben und egoistisches Streben nach Lusterfüllung verbinden Frank und Julia, deren Liebe zu Rory/Larry schon längst erloschen ist; sie schließen eine verhängnisvolle Allianz, um ihre gemeinsamen Ziele zu erreichen: Julia lockt potentielle Liebhaber in ihre Wohnung, die dort grausam ermordet werden und Frank als organische Quelle für die Rekonstruktion seines eigenen Körpers dienen. Als ihm zur Komplettierung seines Ã"ußeren lediglich noch Haut fehlt, tötet er seinen eigenen Bruder und streift sich dessen Haut über. Am Ende jedoch fällt er ein zweites Mal in die Hände der Zenobiten, die sich durch Franks Rückkehr in die Welt der Lebenden betrogen fühlen, und diesmal führen sie ihr blutiges Handwerk gründ-licher aus. Nur Kirsty - in der Erzählung eine etwas schüchterne, komplexbe-ladene Freundin Rorys, im Film Larrys Tochter aus erster Ehe - überlebt das Massaker. Der magische Würfel gewinnt seine ursprüngliche Form zurück und wartet auf den nächsten Neugierigen, der bereit ist, ihn als Schlüssel zur Hölle zu erwerben und zu benutzen.
      Franks Suche nach Erfahrungen, die das Alltägliche übertreffen, trägt Züge einer prometheischen Sehnsucht nach Höherem, nach Ãobermenschlichem, nach Absolutem. Diese Sucht, gekoppelt mit seinem unerbittlichen Lebenswillen, der ihn keine Rücksicht auf andere Menschen nehmen läßt - selbst Julia nutzt er letztendlich nur für seine Zwecke aus und opfert ihr Leben ohne Bedenken -, steigert sich zur Besessenheit. Schließlich kostet er sogar die Qualen aus, die ihm seine dämonischen Peiniger zufügen. In der Erzählung läßt er, kurz bevor ihn die Haken und Ketten ein zweites Mal zerfetzen, 'die Zunge [...] in einer Geste reueloser Lüsternheit über seine Zähne gleiten." In der Verfilmung spricht er dazu die vieldeutigen Worte 'Jesus wept!" aus; in der Erduldung seiner Schmerzen vergleicht, ja mißt er sich mit Jesus Christus, eine Hybris, die nicht ungesühnt bleiben darf. Für seinen Ausbruch aus der Normalität, seine Grenzüberschreitung, wird er schwer bestraft und erleidet damit ein ähnliches Schicksal wie der Mönch Ambrosio in Lewis' Schauerroman, der von Satan persönlich auf grauenvolle Weise getötet wird. Eine interessante und vergleichbare Umdeutung erfährt Ambrosio in der Verfilmung Le Moine {Der Mönch und die Frauen, F/I/BRD 1972) von Ado Kyrou und Jean-Claude Carriere, zu der Luis Bunuel das Drehbuch schrieb. Hier wird der verbrecherische Mönch am Ende nicht getötet, sondern nach seinem Pakt mit dem Teufel und seiner Befreiung aus dem Kerker der Inquisition von einer jubelnden Menge als neuer Messias begrüßt. Bunuels polemische Religions- und Kirchenkritik zeigt sich in der provokanten Stilisierung des verdorbenen Sünders zum Heiligen.
      In Hellbound: Hellraiser II {Hellbound - Hellraiser II, GB 1988, Regie: Tony RandeL), der direkten Fortsetzung zu Barkers Hellraiser, ist es Dr. Channard, renommierter Neurologe, Gehirnchirurg und Leiter einer Spezial-klinik, der von unstillbarem Hunger nach dem Außergewöhnlichen getrieben wird. Seine Beschäftigung mit dem Abnormen, sein medizinisches Interesse am Pathologischen, das ihn schon als Kind geprägt und zu extremen Experimenten an Tieren verführt hat, führt dazu, daß er alle ethischen Bedenken und Hemmungen verliert und sich zielstrebig und rücksichtslos seiner Erkundung des menschlichen Lebens, Denkens und Empfindens widmet. Mit chirurgischer Präzision erforscht er den Menschen und das größte aller Rätsel, das Gehirn; dabei bedient er sich in skrupelloser Weise der Patienten seiner Klinik. Doch die Wissenschaft kann ihn bald nicht mehr befriedigen. Ebenso wie
Frank sucht er nach Erfahrungen und Erkenntnissen jenseits menschlicher Wahrnehmungsgrenzen, er sucht Antworten, die ihm seine medizinischen Studien nicht bieten können. So beschäftigt er sich mit Okkultismus und magischen Gegenständen, unter anderem mit jenem mysteriösen Würfelpuzzle, mit dem man die Zenobiten herbeizurufen vermag, und spürt jenem Pfad nach, den auch schon Frank beschritten hat. Er erweckt die tote Julia zu neuem Leben und vertraut sich ihr an. Zusammen öffnen sie die Pforten zur Hölle und dringen in Bereiche vor, die kein Mensch ungestraft betritt. Geführt von Julia, durcheilt Channard das höllische Labyrinth verbotener Genüsse und unaussprechlicher Qualen, ein moderner Dante samt Begleiterin in einer Architektur, die an Piranesis Carceri gemahnt. Sein Wissensdurst konfrontiert ihn schließlich mit Leviathan, dem Beherrscher der Unterwelt, der nicht etwa in Gestalt eines dämonischen Wesens auftritt, sondern sich in streng geometrischer Form präsentiert. Wie eine gigantische schwarzglänzende Spindel von ebenmäßigen Proportionen rotiert Leviathan als Hexaeder über seinem labyrinthischen Herrschaftsbereich und verstrahlt - einem bizarren Leuchtturm gleich - sein dunkles Licht. Wie der Würfel, der als magisches Puzzle die Tore zur Hölle öffnen und die mörderischen Zenobiten beschwören kann, offenbart sich auch Leviathan seinen Untertanen als geometrisches Gebilde von mathematischer Exaktheit und somit kompromißloser Beschaffenheit. Das Grauen als Abstraktion, eine Gottheit des Fleisches, die Lust und Schmerz verbreitet, selbst jedoch als gänzlich anorganische Wesenheit erscheint. Die Schrecken der Hölle gerinnen in purer Geometrie, alles Menschliche, alles Lebendige verleugnend. Kälte und Präzision triumphieren über Chaos und Beliebigkeit, eine luziferische Macht von geradezu rationalistischen Dimensionen dominiert und überstrahlt das Reich der Begierden, verwandelt Lust in Leid, löscht Gefühl und Individualität aus und taucht jegliche menschliche Empfindung in ihre finstere, gleichförmige Aura. Wer sich dieser Gottheit stellt, wird seine Menschlichkeit verlieren; wer die Grenzen überschreitet und Wissen sucht, wird grauenerregende Wahrheit finden. Auch Channard muß seine Neugier teuer bezahlen; er wird jedoch nicht gefoltert und getötet wie Frank, sondern von Leviathan in einen seiner Diener verwandelt, in einen jener dämonischen Zenobiten, die als Personifizierungen menschlicher Qualen ihrerseits Angst und Schrecken unter den Lebenden verbreiten. Die Handlanger der Hölle entpuppen sich als menschliche Wesen, die einst ihrem prometheischen Eifer zum Opfer fielen. Ihr Streben nach außermenschlichen Erfahrungen, nach grenzenlosem Genuß und nach verbotenem Wissen hat sie zu Dienern des Bösen gemacht - und in dieser Funktion verfolgen sie nun ihrerseits Grenzgänger, die sich aus dem Bereich der Normalität herauswagen.
      Auch Pinhead, der furchteinflößende Anführer der Zenobiten, war einst ein Mensch; Bruchstücke aus seinem Leben erfährt man bereits in Hellbound: Hellraiser IL Klarheit bringt schließlich der dritte Teil der Filmreihe, Hellrai-serlll: Hell On Earth {Hellraiser III, USA 1992, Regie: Anthony HickoX), in dem er als Elliot Spencer identifiziert wird, ein britischer Offizier, der bei den blutigen Kämpfen in Flandern während des Ersten Weltkriegs seinen Glauben an Gott und die Menschheit verlor und daraufhin in den Sog der Hölle geriet. So wie Frank Cotton und Channard war er auf seiner prometheischen Suche nach Wahrheit und Ekstase in die Sphäre Leviathans vorgedrungen und zunächst Opfer, dann Diener und Vollstrecker des Bösen geworden - ein Außenseiter der menschlichen Gesellschaft, dessen Enttäuschungen und dessen Sehnsüchte ihn zum Werkzeug eines dämonischen Willens werden ließen, eine verlorene Seele, zurückgeworfen auf reine Körperlichkeit, ein Leib, der die Male einer gepeinigten Existenz trägt.
      Die Umwertung Pinheads von der schreckenerregenden, blutrünstigen Höllenkreatur zu einem bemitleidenswerten Wesen, das als Mensch die Hölle auf Erden - den Krieg - miterleben mußte und dadurch seine Menschlichkeit verlor, hebt die Ambivalenz der Konzeption des Bösen in den Hellraiser-Y-men hervor und unterstreicht ihren fatalistischen Zug: Die destruktiven Kräfte des Bösen stammen nicht nur aus einem abgegrenzten Höllenzirkel, sondern entspringen auch der menschlichen Natur selbst; sie liegen eingeschlossen in einem Würfelpuzzle und warten nur darauf, durch das menschliche Streben nach Erkenntnis und Lustgewinn entfesselt zu werden. Das Zentrum des Bösen, Leviathan, ist eine Abstraktion, ist das Prinzip der Gleichschaltung und Entmenschlichung, das über einem Labyrinth aus Höhlen, Gängen und Felskorridoren residiert - ein Labyrinth, das nicht zufällig an das menschliche Gehirn mit seinem ernormen Potential an Möglichkeiten, Wunschphantasien und Schreckensvisionen erinnert. Channard ist Gehirnspezialist, und so erscheint es nur konsequent, daß er suchend und forschend in dieses zu Stein gewordene Bewußtsein eindringt, während andere Figuren der Hell-raiser-Füme durch sehnsüchtige Erinnerungen und die Hoffnung auf Begegnungen mit ihren verstorbenen Vätern oder durch verdrängte Ã"ngste und traumatische Erlebnisse an ihre Vergangenheit gefesselt bleiben und dadurch in die Tiefen ihres Bewußtseins, in die Abgründe ihrer eigenen, ganz persönlichen Hölle gestoßen werden. Wer sich aber über seine menschliche Existenz mit all ihren Beschränkungen erheben und - in Erwartung außergewöhnlicher Erfahrungen sinnlicher oder spiritueller Art - zu diesem geheimen Zentrum Leviathan gelangen will, wird auf die Stufe nackter Fleischlichkeit reduziert. Die Kasteiungen des Körpers, mit denen Leviathan seine Opfer und Untertanen quält und verstümmelt, fungie-ren allerdings nicht nur als Strafe für Grenzüberschreitungen, sondern spiegeln auch in einem weiteren Sinne die Bedeutung des Fleisches wider. Es repräsentiert die Wollust der Begierden und die Angst vor Schmerzen allgemein; es definiert den Menschen - im Gegensatz zum abstrakten, gefühllosen Prinzip des Leviathan - als empfindendes Wesen in einer Welt, in der jeder zum Opfer seiner Gelüste und seines Ehrgeizes werden kann. Das Verhängnis scheint hier unausweichlich; die Natur des Menschen stürzt ihn immer wieder in existentielle Verzweiflung und in die Tiefen der Hölle. Das Grauen ist der materiellen Welt und dem menschlichen Leben immanent eingeschrieben. 'There is a secret song at the centre of the world, Joey, and its sound is like razors through flesh", erklärt Pinhead der verängstigten Heldin in Hellraiser I

II.

'Oh come, you can hear its faint echoe right now. I'm here to turn up the volume, to press the stinking face of humanity into the dark blood of its own secret heart."
Trost und Hoffnung lassen sich in einer solchen Vorstellung der Welt kaum finden; ethische Kategorien verlieren ihre Bedeutung angesichts der egoistischen Rituale und des grausamen Ãoberlebenskampfes, die die Lebensentwürfe und Selbstverwirklichungspläne des Individuums und die Beziehungen der Menschen untereinander prägen. 'Evil - Good. There is no Good, Monroe. There is no Evil. There is only flesh and the patterns to which we submit it", vertraut Pinhead einem seiner designierten Anhänger - ebenfalls in Hellraiser III - an. Ein Gott des Lichts oder der Liebe tritt in diesem düsteren Universum folglich nicht in Erscheinung. Mit blasphemischem Spott verhöhnt Pinhead die christliche Heilslehre und das Ritual der Eucharistie, als er in eine Kirche eindringt, den Altar entweiht, sich die Hände mit Nägeln durchbohrt und in der Pose des Gekreuzigten und unter schallendem Gelächter die Worte 'I am the way" ausspricht, die im Johannes-Evangelium, Kapitel 14.6, Jesus als Heilsversprecher und Erlöser charakterisieren; einen Priester zwingt er schließlich, von seinem unreinen Fleisch zu essen. Erlösung im heilsgeschichtlichen Sinne findet nicht statt, und auch die Hoffnungen der Protagonistinnen Kirsty und Joey, die ihre Väter erretten und aus dem Klammergriff der Hölle befreien möchten, bleiben unerfüllt. Die einzige Macht, die aus dem Jenseits auf die Rufe der Menschen antwortet, ist die Macht Leviathans; die einzige Antwort, die der suchende Mensch und der prometheische Eiferer erhalten, ist der Schrecken der dämonischen Zenobiten.
      Mit den Protagonisten seiner Romane Gyre und Cabal hat Barker weitere Einzelgänger und Außenseiter geschaffen, die sich gegen ihr Schicksal auflehnen und neue Welten jenseits der bekannten Dimensionen suchen; im Gegensatz zu Frank Cotton, Julia und Dr. Channard sind Cal Mooney und Boone jedoch sympathische Helden, deren
Ausbruch aus ihren sozialen Verhältnisse gerechtfertigt erscheint und deren Suche nach neuen Formen der Existenz schließlich belohnt wird. Hier deutet sich im Werk Barkers nicht nur der Wandel von einer eher reaktionär-pessimistischen zu einer progressiv-optimistischen Haltung an, sondern auch die Ausweitung des Horror-Genres durch Elemente der Fantasy. Die düsteren Welten von Hellraiser und den Books ofBlood {Bücher des Blutes, 1983-85) lichten sich etwas auf und bieten ihren Protagonisten nicht nur Grausamkeit, Leiden und Tod - obwohl auch davon noch ausreichend vorhanden ist -, sondern auch Hoffnung und Möglichkeiten, ein neues Leben unter günstigeren Voraussetzungen und in humaneren Gesellschaftsformen zu beginnen.
     

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