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Sichtweisen der moderne ii: phantastik und schrecken

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Bildfelder der Moderne



In seiner Darstellung der literarischen Moderne führt Silvio Vietta fünf Bildfelder auf, die er als zentrale "Epochenmetaphern" bezeichnet, die also die Literatur der Moderne in besonderer Weise geprägt haben: Es sind dies Bilder einer durchleuchteten, fast göttlich zu nennenden Schönheit, die sich allerdings zunehmend ins Häßliche und Morbide verwandelt, Bilder des Abgrundes, des Absturzes und des Weltendes, Bilder der Krankheit und des Wahnsinns, Bilder der Nacht, der Kälte und der Wüste und schließlich Bilder des Labyrinths6. Diese Bildfelder, die in der modernen Literatur in immer neuen Variationen konkrete Darstellungen und Ausformungen erhalten, umreißen die Befindlichkeit des einzelnen Menschen, aber auch der gesamten menschlichen Gesellschaft im Zeitalter der Moderne.
      Wo Schönheit noch wahrgenommen wird, löst sie sich bald auf, verliert ihren Glanz und ihre verzaubernde Wirkung und wird zum Sinnbild menschlicher Vergänglichkeit und körperlicher Hinfälligkeit. Aus den selbstquälerischen Beschwörungen der Vanitas in der Barock-Literatur, die unter religiösen Vorzeichen die Sterblichkeit und Flüchtigkeit aller diesseitigen Güter thematisiert, wird Ende des 19. Jahrhunderts unter veränderten geistesgeschichtlichen Bedingungen eine spezifische Ästhetik des Häßlichen, die dem Schönen nur noch eine marginale Existenz zubilligt.
      In der 31. Strophe seiner Kirchhoffs-Gedancken von 1657 vergegenwärtigt Andreas Gryphius sich und seinen Lesern den schrecklichen Anblick des verwesenden Körpers:
Der Därmer Wust reißt durch die Haut / So von den Maden gantz durch bissen; Ich schau die Därmer beginnt, setzt sich fort in der europäischen Literatur der Jahrhundertwende und potenziert sich in der Kunst des 20. Jahrhunderts mit ihren vielfältigen Darstellungen und Zurschaustellungen von Verletzungen und Verkrüppelungen, von der Zerstörung und Verwesung des menschlichen Körpers.
      Abgrund und Absturz bestimmen die Positionen des Menschen in einer Welt, die ihre Gottgläubigkeit, ihre Hoffnung auf ein Jenseits oder ihr Vertrauen in eine wie auch immer geartete existentielle Sinnhaftigkeit verloren hat. Als einziges sicheres Fatum steht dieser säkularisierten Welt das Ende aller Dinge in Aussicht, die Apokalypse, in der die moderne Gesellschaft, die vom Menschen und dessen wahren Bedürfnissen losgelöste Wissenschaft und der nicht mehr zu bremsende technologische Fortschritt sich selbst verschlingen.
      In seiner Studie über die Erscheinungsformen und spezifischen Deutungen des Abgrund-Motivs in der Literatur von Schiller über Hölderlin bis Nietzsche betont Doppler die Vieldeutigkeit und Ambivalenz dieser zentralen Metapher der Moderne:
Abgrund ist das, was vom festen Boden in die Tiefe abfällt, Felsen- und Meeresabgrund, Spannung von Höhe und Tiefe, unüberwindbare Kluft. Abgrund ist die Finsternis vor der Schöpfung, das Chaos, das Nichts, der heilige mythische Abgrund der Natur, der schöpferische Urgrund, das Absolute. Abgrund ist der unergründliche und der verborgene Gott, aber auch das Böse, der Teufel und die Hölle. Abgrund ist der Abgrund der Zeit und der Zeitlosigkeit, des Daseins und des Seins und schließlich der Abgrund des Ichs in seinen zahlreichen Erscheinungsformen. Er ist immer eines von all dem und zugleich auch alles miteinander. [...] Der Abgrund bezeichnet ferner die menschlichen Grenzsituationen des Leides, der Schuld, der Angst und des Todes, weil er - wie keine andere sinnliche Erfahrung -den Blick von der Grenze ins Grenzenlose lenkt, das Dasein aufreißt, weil er zu Auseinandersetzung und Entscheidung zwingt.
      In der modernen Literatur finden vor allem die negativen Konnotationen des Abgrunds ihren Nachhall; hier erscheint die sinnliche Erfahrung der Grenzenlosigkeit zumeist als etwas Bedrohliches, als etwas Gewaltiges, das sich der Kontrolle des menschlichen Verstandes entzieht, obschon es nicht selten gerade durch den menschlichen Verstand erst hervorgebracht oder bewußt gemacht wurde. Selbst Kant umschrieb bereits die Situation des Menschen, der sich seiner Vernunftkräfte und seiner Unabhängigkeit von Mächten der Natur und Instinkthandlungen zum ersten Mal in seiner Entwicklungsgeschichte gewahr wird, mit der Position am Rande eines Abgrunds:
Er entdeckte in sich ein Vermögen, sich selbst eine Lebensweise auszuwählen und nicht gleich anderen Tieren an eine einzige gebunden zu sein. Auf das augenblickliche Wohlgefallen, das ihm dieser bemerkte Vorzug erwecken mochte, mußte doch sofort Angst und Bangigkeit folgen, wie er, der noch kein Ding nach seinen verborgenen Eigenschaften und entfernten Wirkungen kannte, mit seinem neu entdeckten Vermögen zu Werke gehen sollte. Er stand gleichsam am Rande eines Abgrundes; denn aus einzelnen Gegenständen seiner Begierde, die ihm bisher der Instinkt angewiesen hatte, war ihm eine Unendlichkeit derselben eröffnet, in deren Wahl er sich noch gar nicht zu finden wußte; und aus diesem einmal gekosteten Stande der Freiheit war es ihm gleichwohl jetzt unmöglich, in den der Dienstbarkeit wieder zurückzukehren.

     
   Die Evolution seines Geistes trieb den Menschen auf dem Grate des Abgrunds voran und zu immer größeren Leistungen und Errungenschaften; besonders aufwühlend wirkte dann der Schock darüber, daß das Vernunft-wesen Mensch dennoch nicht völlig von den Zwängen und Gewalten der Natur befreit ist und daß die Früchte seiner Produktivität ihn zusätzlichen Risiken und Gefahren ausliefern. Das Bild des Abgrunds gewinnt in diesem Kontext immer mehr die Bedeutung des apokalyptischen Untergangs, der nicht nur dem Individuum, sondern der ganzen Spezies ein gewaltsames Ende setzt.
      Das verheerende Erdbeben in Lissabon am 1. November 1755 wurde zum Modellfall einer unabwendbaren Naturkatastrophe, der selbst der rationale, aufgeklärte Verstand nichts entgegenzusetzen hat. Schlimmer noch: Die Leistungen des menschlichen Verstandes fugen dem Katastrophenkatalog neue Spielarten hinzu; neben der Bedrohung durch Naturkatastrophen wird auch die Gefahr technologischer Katastrophen in zunehmendem Maße virulent: Atomenergie und deren unkontrollierbare Gewalt, Industrialisierung und massenhafte Produktion und deren Ausstoß an Schadstoffen, biologische und chemische Forschungen und deren unerwünschte Neben- und Endprodukte, die Erschließung und Nutzbarmachung weltweiter Ressourcen und die daraus resultierende Zerstörung der Umwelt - die Errungenschaften des rationalistischen Fortschritts haben ein drohendes Ende der Welt greifbarer gemacht, und die Angst vor diesem Ende, sei es nun selbstverschuldet oder nicht, findet ihren Widerhall in der Kunst. Immer wieder repräsentieren Bilder der Apokalypse, des Untergangs und kosmischer Katastrophen das scheinbar unabwendbare Schicksal der Menschheit in der Moderne. Die Vorstellung eines apokalyptischen Endes der Menschheitsgeschichte ist selbstverständlich kein genuin modernes Phänomen; die ältesten Mythologien kennen bereits den Welt- und Weltenuntergang - er zählt zu den fundamentalen religiösen Topoi und kulturgeschichtlichen Archetypen. Dennoch läßt sich nicht übersehen, daß gerade in den vergangenen Jahrzehnten die Darstellungen apokalyptischer Katastrophen und Untergangsszenarien zugenommen haben, und mit dem nahenden Ende des 20. Jahrhunderts mehren sich die unheilvollen Visionen. Als einträgliche Publikumserfolge erweisen sich in den neunziger Jahren beispielsweise millionenschwere Kinoproduktionen, die von großen und noch größeren Katastrophen erzählen und dabei die latente Untergangsstimmung des ausgehenden Jahrtausends unter marktstrategischen Gesichtspunkten geschickt zu nutzen wissen. An erster Stelle steht James Camerons Titanic {Titanic, USA 1997), ein Film, der eine romantische Love Story und eine erschütternde Katastrophe mit dem nostalgischen Hauch des historischen Ambiente verbindet und so die Untergangsvision einer Gesellschaft, die ihrem Fortschrittsoptimismus und ihrem Glauben an die Technologie blind vertraut, mit gedämpfter, aber unübersehbarer Symbolik an unsere Erwartung der Jahrtausendwende knüpft. Die Katastrophe von 1912 wird zur prophetischen
Bilanz des ihr folgenden Jahrhunderts und verursacht dem Betrachter wohlige Schauer angesichts der doppelbödigen Wirkung und ambivalenten Aura des geschilderten Ereignisses: Die historische Feme und die Überschaubarkeit des Schiffsunglücks erzeugen Distanz und Sicherheit und begünstigen so den kathartischen Effekt der tragischen Handlung; damit konkurriert allerdings die suggestive Nähe des dargestellten ideologischen und gesellschaftlichen Klimas zu unserer eigenen Realität, und in diesem Sinne läßt sich der Untergang der Titanic nicht nur als exakt datierbarer, abgeschlossener Einzelfall, sondern auch als Allegorie oder als lediglich mikrokosmisches Vorspiel einer umfassenden globalen Katastrophe begreifen, auf die die Moderne ungerührt zusteuert. Ansehnliche Erfolge konnten auch die Filme Dante 's Peak und Volcano verbuchen, in denen feuerspeiende Vulkane und lodernde Lavamassen der Existenz ganzer Städte mit kataklystischer Gewalt ein Ende setzen, und Deep Impact und Armageddon , in denen gigantische Meteoriten mit zerstörerischer Wucht auf die Erde zurasen und alles Leben auf dem Planeten auszulöschen drohen - apokalyptische Untergangsspektakel, die das narrative Schema bewährter Katastrophenfilme aus den siebziger Jahren variieren und teilweise um zeitgemäße Zwischentöne bereichem. Ganz auf der Höhe der Zeit präsentieren sich in diesen Filmen selbstverständlich die special effects, die die Heimsuchungen der Menschheit wirkungsvoll und mit erschreckender Intensität vor Augen führen und somit der weitverbreiteten Angstlust des modernen Menschen vor dem katastrophalen Zusammenbruch und der radikalen Auslöschung aller zivilisatorischen Strukturen, Hierarchien und Institutionen neue Nahrung liefern. Wie realistisch und naturalistisch die visuellen Umsetzungen dieser Schreckensvisionen auch ausgefallen sein mögen, sie entfalten gleichwohl ihr allegorisches Potential, das sich demonstrativ in den Trauermarsch der allgemeinen Untergangsstimmung einreiht und einem gesellschaftlichen Trend folgt, der längst zu einer fixen Idee geworden ist. Apocalypse now - inmitten einer doch relativ stabilen und sicheren Kulturlandschaft wird die Apokalypse teils lustvoll, teils defätistisch beschworen und zum Maß aller Dinge gemacht. In diesem Zusammenhang äußert sich Kaiser zu Beginn der neunziger Jahre sehr kritisch zu dem "Modewort" Apokalypse und beklagt die "Allgegenwart der apokalyptischen Rede"21, die in geradezu inflationärer Weise die gesellschaftspolitischen und kulturellen Diskurse beherrscht. Der modische Gebrauch apokalyptischer Vorstellungen und Bildlichkeit, das Kokettieren mit den Ängsten vor der Katastrophe und die immer wieder aufs neue inszenierte Darstellung des drohenden Weltunter-gangs scheinen gleichsam das Prinzip der Apokalypse in ihren kosmogo-nischen und theologischen und ihren daraus ableitbaren politischen und ethischen Dimensionen zu entwerten und bis zur Bedeutungslosigkeit zu nivellieren. Jedoch dokumentieren die Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der dies geschieht, und die Dominanz dieser apokalyptischen Fixierung in der modernen Kultur das ungestillte menschliche Bedürfnis, sich ausgiebig mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und die tief im Bewußtsein verankerte Furcht vor dem Ende aller Dinge in immer neuen Formen und Variationen heraufzubeschwören und gegenständlich zu machen. Die Stabilität der modernen Zivilisation mag nur eine Fassade sein, hinter der die Ängste des Menschen vor Chaos und Zerstörung ungebrochen weiterexistieren und an der nur mühsam zu tröstenden Seele nagen.
      Krankheit kennzeichnet den Menschen, der die Normen einer sich rasant entwickelnden Epoche nicht mehr erfüllen kann. Er ist sich selbst und der Zeit entfremdet, findet keinen Halt und keinen Schutz vor den existentiellen Nöten und Krisen der Moderne; seine Suche nach seelisch-geistigen Orientierungspunkten im Zeitalter des Rationalismus und des Materialismus bleibt ergebnislos, seine Hilferufe ungehört. Er verstummt und bleibt als fühlendes Individuum sozusagen auf der Strecke, der Anschluß an andere Menschen oder an ein idealisiertes Menschenbild bleibt ihm versagt, da kein Idealbild im iko-noklastischen Sturmwind der rationalistischen Moderne bestehen könnte. Verzweiflung und Entfremdung nehmen psychopathologische Ausmaße an und führen als Steigerung und letztendlich unvermeidbare Konsequenz in den Wahnsinn. Er befällt all diejenigen, die in einer rationalen Welt den Glauben an die Möglichkeit eines Lebens ohne Sinn nicht mehr aufrechterhalten können und/oder wollen, die nach Ausflüchten suchen und nach Türen, wo es nur mehr Wände und Mauern gibt, die verbissen nach Gott und dem Sinn ihrer Existenz suchen, obwohl die Philosophie der Moderne bereits Gottes Tod verkündet hat und jegliche Orientierung jenseits der mathematisch erfaßbaren Welt in Frage stellt. Der Wunsch kann sich verselbständigen und zur Besessenheit werden; die Suche kann zu einem Ziel führen, das nur das sehnsüchtig hoffende Subjekt befriedigt, bei allen anderen jedoch auf Unverständnis oder gar Widerwillen stößt.
      Exemplarisch führt dies Don Quijote, der tragikomische Titelheld des zweiteiligen Romans von Miguel de Cervantes Saavedra , vor Augen. Von der Trostlosigkeit seines Daseins enttäuscht, folgt Quijote blindlings seinem Ideal und macht die Fiktionen der Literatur, namentlich der abenteuerlich-märchenhaften Ritterromane, zu seiner Realität. In der Pose des edlen Ritters ist er in der Lage, seinem Leben einen Sinn zu geben, tugendhaftzu handeln und nach Ruhm und Ehre zu streben; doch das Rittertum, in das er sich hineinphantasiert, entspricht nicht der Wirklichkeit und kollidiert immer wieder mit der Profanität des Alltags. So macht er sich in Ausübung seiner ritterlichen Pflichten häufig lächerlich, und wenn sich seine Mitmenschen auch zuweilen auf das illusorische Spiel einlassen, erntet sein Eifer doch meistens Spott. Obgleich die Kraft seiner Phantasie ihn selbst beflügelt und ihm über die Bitternis des Lebens hinweghilft, muß er im Verbund der Gesellschaft scheitern. Cervantes konzipierte seinen Roman, der als überaus populäres und folgenreiches Werk die Literatur der Moderne nachhaltig beeinflußte, nicht zuletzt als Kritik an den unrealistischen Ritterromanen und Heldengeschichten der Amadis-Tradition und als Entlarvung falscher Ideale angesichts der ernüchternden Faktizität des wirklichen Lebens, wobei die konkrete Ausführung durchaus von der Faszination des Abenteuers und der idealistischen Vorstellungswelt und bedingungslosen Hingabe des Protagonisten lebt, also von einer spürbaren Ambivalenz hinsichtlich ihrer kritischen Intention geprägt ist. Die Flucht in literarische Phantasiewelten mag Trost spenden und dieser Trost seinerseits die Entwicklung subjektiver Lebensentwürfe und imaginierter Gegenwelten rechtfertigen, doch sie bleibt trotz allem eine Realitätsflucht und somit eine trügerische Lösung.
      Das Ideal einer sinnerfüllten Existenz und der Glaube an absolute, unumstößliche Prinzipien können sich nur allzu schnell als Illusionen entpuppen, als wahnhafte Phantasien, die die eigene Unzulänglichkeit und das Gefühl der affektiven und seelischen Leere kompensieren sollen. Die moderne Gesellschaft ihrerseits grenzt die Opfer dieses Wahns aus und diskreditiert deren Bemühungen um sinnstiftende Auswege aus der Misere der Moderne dadurch in besonderem Maße. Der Kranke oder Wahnsinnige wird zum Außenseiter, und gerade weil er in der sozialen Realität aus dem Blickfeld geschoben wird, kehrt er in der Kunst als paradigmatischer Fall zurück. Er repräsentiert das gescheiterte, aber menschlich gebliebene Element einer unmenschlich gewordenen Sozialordnung, das Abbild einer Krankheitsentwicklung, deren Zwangsläufigkeit den optimistisch-utopischen Gedanken der Aufklärungsideologie als falschen Schein entlarvt und die vermeintliche Normalität und penible geistige Hygiene der aufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft ad absurdum führt.
      Diese Gesellschaft präsentiert sich als trostlose Einöde, kalt, finster, menschenfeindlich. Das aggressiv herrschende Prinzip der Ratio hat aus der Welt einen gefühllosen Ort gemacht, der dem einzelnen Menschen keine Heimat mehr bietet, sondern befremdend auf ihn wirkt. Das Licht der Aufklärung hat sich zunehmend in eine ewige Nacht verwandelt, der Mensch friertan der Kälte und Beziehungslosigkeit seiner Existenz, und das einstige Paradies der Natur, das dem Menschen Trost gewährte und das Gefühl der Einheit mit der göttlichen Schöpfung vermittelte, ist - nach industriell-kapitalistischen Maßstäben ausgebeutet - zu einer Wüste geworden.
      Ambivalentes Sinnbild dieser Abkühlung menschlicher Gefühle und Beziehungen ist das Eis: Die Protagonisten moderner Literatur verschlägt es immer wieder hinaus in die eisigen Regionen der Polgebiete, auf abgelegene Gletscher oder auf die einsamen Gipfel schneebedeckter Berge. Sowohl die funkelnde Kälte rationaler Vernunft als auch die Isolation des Individuums in der Moderne gerinnen dort zu symbolischen Landschaften. Die unwegsamen eiskalten Territorien, in die der Mensch vorrückt, verheißen Brillanz und Klarsicht, aber auch Einsamkeit und emotionale Deprivation. Dabei spiegelt das Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Wüste aus Schnee und Eis nicht nur seine Verlorenheit und innere Kälte wider, sondern erweist sich gleichsam als Herausforderung. Forschung, Eroberung, manchmal auch Flucht treiben ihn in die frostklirrenden Einöden; dort mag er sich bewähren, überleben und sich gegen die lebensfeindliche Umwelt durchsetzen, das "Environment der Eiszeit" wird ihm zur "Schule zivilisatorischen Trainings" und zum Prüfstein seiner existentiellen Kompetenz. Die moderne Lebenswelt ist zu einer solchen Eiswüste geworden. Sie bietet dem aufgeklärten Menschen einerseits die kühle Sachlichkeit und vermeintliche Überlegenheit der Ratio und konfrontiert ihn andererseits mit der Erstarrung lebendiger Gefühle und affektiver Bindungen und dem Verlust der wärmespendenden Quellen eines sinnhaften Daseins im Einklang mit Natur und Gesellschaft.
      Metzners Untersuchung literarischer Werke, die Fahrten in Eislandschaften und in die Polargebiete thematisieren, deckt darüber hinaus das apokalyptische Element auf, das diesen Phantasien zugrundeliegt, und verbindet es mit psychoanalytischen Psychosemodellen. Die Expeditionen ins Eis sind Reisen ans Ende der Welt; sie versinnbildlichen den Bruch des psychotischen Individuums mit der Gesellschaft und der objektiven Realität und seinen Abstieg in regressive Verhaltensmuster. Die äußere Welt spiegelt dabei seine innere Welt wider und setzt an die Stelle einer konstruktiven Auseinandersetzung und Kommunikation mit anderen die zunehmende Isolation und Abwehr äußerer Einflüsse. Die Vorstellung dieser zufrierenden, erstarrenden Welt erhebt sich zum symptomatischen Ausdruck feindlicher und abstoßender Lebensbedingungen generell und verleiht den Texten dadurch ihr kritisches Potential, das über die Darstellungen psychopathologischer Entfremdungserscheinungen hinausgeht. Die individuelle Erfahrung existentieller Krisen -die psychotische Fixierung, die zum völligen Zerfall der Persönlichkeit führen kann - gewinnt die Dimensionen einer allgemeinen Zustandsbeschreibung des
Menschen in der Moderne und damit die Ausmaße einer globalen Katastrophe, die sich im Bild der Vereisung manifestiert; nicht nur die Landschaften der Seele, auch die Sphären gesellschaftlicher Interaktion sind zu eisigen Regionen geworden, die den Menschen unausgesetzt herausfordern und anlocken, seine Hoffnungen jedoch häufig enttäuschen und ihn nicht selten zugrunde richten.
      Schließlich vereint das Bild des Labyrinthes die Mannigfaltigkeit und die unüberschaubare Vielfalt des menschlichen Lebens in der Moderne mit der Vorstellung der absoluten Orientierungslosigkeit einer Epoche, die Ideologien geboren und zerstört hat, die Gott entmachtet und alle Brücken zu transzendentaler Erfüllung der menschlichen Existenz abgebrochen hat. Der Mensch der Moderne irrt durch ein Labyrinth, das Wissen und Vernunft, Kritik und Aufklärung, Fakten und Fiktionen in unzähligen Formen und Gestalten, Masken und Verkleidungen bereitstellt, das zahllose Wege und Irrwege bietet, doch er irrt allein, und niemand kann ihm helfen, einen Weg zu finden, der aus dem Labyrinth herausführt. Viele Führer und Wegbegleiter bieten sich zwar an, doch die meisten von ihnen entpuppen sich nach kurzer Zeit als Scharlatane und Betrüger, als Irrende, die selbst die Orientierung verloren haben; sie geleiten ihre Gefolgsleute nicht aus dem Labyrinth in die Freiheit, sondern häufig noch tiefer in die Verwirrung und Ratlosigkeit, in ideologische Sackgassen, private Tragödien, manchmal gar globale Katastrophen hinein.
      Die Philosophie der Postmoderne macht aus der Konfusion eine Tugend, und ihre Apologeten loben die Vielfalt der Scheinrealitäten, der virtuellen Räume der Imagination, Repräsentation und Kommunikation, die sie eröffnet und zur allgemeinen Lebenswelt macht. Doch ein Gefühl der Unsicherheit und der Angst angesichts der Ziellosigkeit und Beliebigkeit bleibt trotz zweckoptimistischer Ideologie zweifellos zurück.

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