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Schreiberlust und dichterfrust

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Von Gänsen, Tintenkochern und Hermes in zweierlei Gestalt



Man weiß: Durch ihr Schnattern vertrieben Gänse schon Feinde und Diebe. Aber das Kratzen der Federkiele, die man jahrhundertelang zum Schreiben verwendete, vertrieb auch die poetischen Gedanken: »... denn es war mir einigemal begegnet, dass das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte, mich zerstreute und ein kleines Produkt in der Geburt erstickte.« Also griff Goethe lieber zum Bleistift, den es bereits damals gab. Für Autoren hatte der Bleistift schon lange seine Reize, weil man mit ihm ein Gerät besaß, das immer einsatzbereit war, das einen - leicht und klein - überallhin begleitete, das nicht kleckste, sich nicht spreizte, nicht durch unangenehme Schreibgeräusche störte, dessen Schrift leicht mit Radiergummi zu korrigieren war. Einen Nachteil jedoch gab es: Die Schrift konnte leichter verwischen. Tinte dagegen lässt sich noch nach 2500 Jahren lesen. So benutzen Schriftsteller den Bleistift gern für Notizen und für Erstfassungen, bei denen der Charakter des Vorläufigen sogar hilfreich sein kann.

      Der schwäbische Dichter Eduard Mörike hing sehr an seinen Bleistiften. Er verzierte sie mit Schnitzereien und hob selbst winzige Reste auf, ja, verschenkte sie noch. So wie diesen, den er auf ein Papier klebte und dazu schrieb: »Ãober-Regensburger Bleistifts, mit welchem Ed. an dem Mährchen vom
Hutzelmann schrieb. Andenken für

mein liebes Gretchen. Decbr. 1852«
Noch hundert Jahre spater hat
der Stift im Holzmantel nichts vonseiner Anziehungskraft verloren, wie Georges Simenon beweist. Bei ihm ging der Freude am Schreiben sogar die Freude am Werkzeug voran: Eduard Mörikes Bleistiftstummel-Souvenir »Schon mit sieben oder acht Jahrenbegeisterte ich mich für Papier, Bleistifte, Radiergummis, und ein Schreibwarengeschäft zog mich mehr an als jeder Süßwarenladen oder jede Konditorei; ich mochte den Geruch dort. Bestimmte gelbe Bleistifte, die zu hart sind für den Schulgebrauch, erschienen mir edler, aristokratischer als jeder andere Gegenstand ... Ich nehme an, dass damals auch meine Leidenschaft für Hefte entstand, nicht für Schulhefte, die schon vom Format her irgendwie kindlich waren, sondern für die so genannten Kolleghefte, die, kleinkariert und dick, einen roten Schnitt hatten und in grobe graue oder naturfarbene Leinwand gebunden waren ... Als ich etwa elf Jahre alt war, glaube ich, kaufte ich mein erstes Kollegheft, und ich wusste damals ebenso wenig wie heute , was ich hineinschreiben sollte. Auf die erste Seite sicher meinen Namen. Dann einige Verse, einige Sätze von Autoren, die ich damals las. Wahrscheinlich habe ich auf diese Weise drei oder vier Seiten beschrieben und dabei große Zwischenräume gelassen.«
Seit man Autoren wie Stars verehrt, und das begann schon im 18. Jahrhundert, sind ihre Schreibgeräte zu Kultgegenständen geworden. Ehrfürchtig bestaunen Fans Bleistifte, Federhalter und Füller, die große Werke aufs Papier bannten. Die Dichter selbst kämpften immer wieder mit ihrem Werkzeug. Mal brach dauernd die Bleistiftspitze ab, mal ließ sich der Gänsekiel nicht richtig anspitzen, mal bohrte sich die Stahlfeder ständig ins weiche Papier, mal trocknete die Tinte im Füller ein und verstopfte ihn - alles Hemmnisse des Schreibens. Und dann die Tinte! Und das Papier! Man konnte beides erst zu Ausgang des 19. Jahrhunderts einfach im Schreibwarenladen kaufen. Davor kochte man Tinte selbst und tauschte Rezepte aus. Sie sollte leicht fließen, rasch trocknen, lang haltbar sein, nicht verblassen und vor allem nicht schimmeln; was oft genug vorkam. In dem Roman »Die Handschrift von Saragossa« von Jan Graf Potocki gibt es eine Episode, die sich nur mit einem genialen Tintenkocher beschäftigt, der wegen seiner ausgezeichneten Tinte bei den Schriftstellern so beliebt und berühmt wird, dass sie ihn nicht mehr mit seinem Nachnamen, sondern nur noch mit dem Ehrennamen »Don Felipe del Tintero Largo oder Philipp von dem großen Tintenfass« ansprechen. Papier gab es zwar lange schon in bester Qualität. Die aber hatte ihren Preis, weshalb arme Poeten es selbst zuschnitten oder billigen Ersatz suchten. Wilhelm Raabe schrieb seinen Roman »Die Chronik der Sperlingsgasse« auf dem gelben Einlegepapier von Zigarrenschachteln und Arno Schmidt seine bittere Kriegsgeschichte »Leviathan« auf Telegrammformularen.
      Es kommt nicht unbedingt auf beste Produktionsmittel an, um großartige Werke zu schaffen. Deshalb wirkt es sogar ein wenig lächerlich, wenn angehende Dichter noch vor einer Idee für ein Buch einen teuren Füllfederhalter und besonders schönes Papier besorgen, als sei damit schon etwas erreicht. Einen sehr aussagekräftigen Papierkauf setzt Günter Grass an den Beginn seines berühmtesten Romans: Oskar Matzerath, der Held der »Blechtrommel«, will in der psychiatrischen Heilanstalt die Geschichte seines Lebens aufschreiben. Also beauftragt er seinen Pfleger Bruno, »fünfhundert Blatt unschuldiges Papier« zu kaufen. Kein Wunder, er selbst - und alle Deutschen - waren in der Zeit, die er beschreiben will, alles andere als unschuldig. Da soll es wenigstens das Papier sein: »>Sie meinen weißes Papier, Herr Oskar.< Ich blieb bei dem Wörtchen unschuldig und bat den Bruno, auch im Geschäft so zu sagen.«
»Die Blechtrommel« spielt in einer Zeit des 20. Jahrhunderts, in der sich auch für Autoren mehr und mehr die Schreibmaschine durchsetzte. Dieses Wort klingt wie ein Widerspruch in sich: Schreib-Ma-schine. Schreibt denn noch der Schreiber oder schreibt die Maschine? Passt das Maschinelle überhaupt zum Poetischen? Wie jedes Mal, wenn eine neue Schreibtechnik auftauchte, wurde sie bald gelobt, bald verteufelt. Bis man sie selbstverständlich fand. Die ersten Schreibmaschinenmodelle sahen allerdings wirklich recht seltsam aus: wie Igel oder wie kleine Klaviere. Sie zu bedienen, erforderte viel Ãobung. Für die Schriftsteller, deren Handschrift nicht immer leicht zu entziffern war, bestand der große Vorteil der Schreibmaschine darin, dass sie nicht wie früher nach Beendigung ihres Werkes noch extra eine gut lesbare Reinschrift für Verlage, Redaktionen und Druckereien herstellen mussten. Mit der Schreibmaschine nämlich kamen immer klare, unmissver-ständliche Buchstaben aufs Papier. Solche zum Beispiel: »NICHT ZU FREIGIEBIG! NUR HUNDE / SCHEISSEN ZU JEDER STUNDE«. Friedrich Nietzsche , Philosoph, Dichter und Pferdeflüste-rer, tippte solche Sätze mit Freude in seine Igel-Schreibmaschine, eines der ersten sinnvoll einsetzbaren Schreibmaschinenmodelle. Nietzsche war sich sicher, dass »unser Schreibzeug mit an unseren Gedanken arbeitet«.
      Wenn man den verzweifelten Bericht Jack Londons liest, kann man nicht daran zweifeln, dass seine Schreibmaschine ihn zum genauen Ausdruck erzog: »Sie musste das erste Modell im ersten Jahr des Zeitalters der Schreibmaschine gewesen sein. Ihr Alphabet bestand nur aus Großbuchstaben. Sie war besessen von einem bösen Geist. Sie gehorchte keinem Gesetz der Physik. Ich schwöre, die Maschine machte niemals eine Sache zweimal gleich. Die Tasten der Maschine musste man so hart anschlagen, dass es sich für jeden außerhalb des Hauses wie entfernter Donner anhörte. Ich musste die Tasten so hart anschlagen, dass ich meine Zeigefinger bis zu den Ellenbogen verstauchte. Wäre es meine Maschine gewesen, ich hätte sie mit einem Zimmermannshammer bedient.«
Zum Glück entwickelten sich die Geräte rasch weiter, benötigten weniger Kraft zum Anschlagen der Tasten für die Typenhebel und wurden immer leichter. Zu hohen Ehren bei Reportern und Schriftstellern kamen Koffer- und Reiseschreibmaschinen wie die »Hermes Baby«. Sie hatte schon einen seltsamen Namen! Er bedeutet bloß: kleine Ausgabe der großen Büroschreibmaschine »Hermes«. Aber er klingt wie: Nachwuchs von Hermes, dem griechischen Götterboten und Gott der Diebe und Kaufleute. Max Frisch gab die Maschine mit dem symbolischen Namen sogar zwei Helden in seinen Romanen als Reisebegleiter, da in ihnen Hermes auch sonst eine wichtige Rolle spielt.
      Ãoberhaupt: die Namen der Schreibmaschinen! Heute nennt man seine elektronische Schreibhilfe schon mal liebevoll »Compi« oder »Schlepptop«, aber Autoren konnten ihre Schreibmaschinen zärtlich oder ärgerlich mit ihrem Modell-Namen ansprechen, hießen sie doch von Fabrik aus «Erika«, »Gabriele«, »Olympia«, »Adler«, »Remington« oder »Continental«.
     

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