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Schreiberlust und dichterfrust

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Mit spitzem Bleistift oder mit einer Kombination



Ã"hnlich wie Peter Rühmkorf ein Schriftstellerleben lang - bis heute - mechanischen Schreibmaschinen mit all ihren Typen-Macken, so blieb schon Robert Walser seinem »Fingergesetz« treu. Mit spitzem Bleistift schrieb er im Lauf der Zeit immer winzigere Buchstaben. Seine Nachlassverwalter hielten das lediglich für unlesbares Gekritzel. In mühseliger Arbeit entzifferten viele Jahre nach Walsers Tod die Literaturwissenschaftler Bernhard Echter und Werner Morlang die Mini-Schrift und gaben sie als Nachrichten »aus dem Bleistiftgebiet« heraus. Auch der Amerikaner Eugene O'Neill schrieb spinnwebfeine Buchstaben, so dass er einmal ein Theaterstück mit drei Akten auf zweieinhalb Seiten unterbrachte.

      Eine Kombination von Handschrift, Schreibmaschine und Computer schätzt Brigitte Kronauer . Dass die Schreibwerkzeuge den Inhalt von Werken beeinflussen, hält sie jedoch für eine »Legende«. Für sie erleichtert der Computer lediglich die schriftstellerische Arbeit: »Alles, was das Schreiben so mühsam machte, das Korrigieren der bei mir sehr zahlreichen Tippfehler, das Hinzufügen neuer Passagen, das Löschen verworfener, Unsicherheit bei Schreibweisen ... Verändern der Abschnitte, hat sich zum spielerischen Vergnügen gemausert.«
Ein Problem des Computers sei aber, dass auf ihm alles so rein und fertig, schon wie gedruckt, aussehe:»... selbst der größte Unfug: immer makellos! ... Aber ich habe ja, und werde davon wohl nicht abweichen, die Urmanuskriptseiten auf der konventionellen elektrischen Maschine, voller Fehler , mit handschriftlichen Ergänzungen, Streichungen, Ãoberklebungen. Kurzum: Privatisierungen der objektiv unleserlichsten Art.«
In diesem Basteln, Kleben, Einfügen steckt viel von Text-Arbeit im wörtlichen Sinn. Denn »Text« kommt von dem lateinischen Wort für »Gewebe, Geflecht«. Der große Vorteil dieses sinnlichen und handfes ten Schreibens besteht darin, dass gestrichene Abschnitte nicht verschwunden sind. Merkt man später, dass die erste Version besser war, kehrt man einfach zum Ursprünglichen zurück. Die Autoren sehen an so einem zusammengesetzten Text außerdem, wie er sich nach und nach entwickelt hat. Er wirkt lebendiger als eine Datei auf dem Monitor. Und man kann viele Seiten des Geschriebenen nebeneinander betrachten. Johannes Mario Simmel hat auf die alte Weise - mit mechanischer Schreibmaschine, Schere und Kleber - viele Bestseller geschrieben. Weil es heute kaum noch mechanische Schreibmaschinen gibt, hat er 15 davon im Keller gebunkert. So wie er horten auch andere Ersatzteile aus der Vor-Computer-Zeit: Farbbänder, Typenhebel, Gummiwalzen.
      Elfriede Jelinek dagegen erfreut sich uneingeschränkt an ihrem Computer: »Der Computer kommt mir da sehr entgegen, weil er mich sozusagen wie ein Tier zum Spielen, zum Spielen mit der Sprache, auffordert - er ist wirklich wie für mich erfunden. Früher hatte ich, wenn ich nur ein Wort auf einer Seite korrigierte, die ganze

Seite neu zu tippen - ich glaube, dass ich das auch körperlich nicht mehr schaffen würde. Meine Wirbelsäule würde das nicht aushalten.«
Das Notebook schließlich vereinigt etliche Möglichkeiten in sich. Es dient Autoren als - wie der Name schon sagt - Notiz- und Tagebuch, als Terminkalender, als Archiv für Briefe, Ideen und ganze Werke - und selbstverständlich als Schreibwerkzeug. Der Vorteil der kleinen elektronischen Alleskönner ist auch ihr Nachteil. Zwei mit mir befreundeten Schriftstellern wurden sie schon gestohlen! In dem einen Fall am helllichten Tag in einem Straßencafe. Das war für die beiden beinahe so schlimm wie ein Zimmerbrand. Daraus ist nur die Lehre zu ziehen, dass man alles doppelt speichern und möglichst Sicherungskopien irgendwo sicher lagern sollte. Das wiederum ist der große Vorteil gegenüber früher, als man in der Regel nur ein Manuskript hatte. Christoph Meckel vergaß beispielsweise einmal, dass er seine neue Gedichtsammlung vor der Abfahrt kurz auf dem Autodach abgelegt hatte. Als er daran dachte, war es zu spät: Alle Gedichte waren verloren und konnten nur zum Teil unter großen Mühen rekonstruiert werden.
      Weil sie viel im Kopf planen und formulieren, verzichten manche Autoren ganz aufs Selberschreiben. Sie diktieren lieber. Goethe tat das, je älter er wurde, immer häufiger. Er musste nachher nur prüfen, ob sein Sekretär nicht statt des englischen Namens »John Hunter«, den er diktiert hatte, »schon hundert« hingeschrieben und aus der »Löwengrube« eine »Lehmgrube«, aus dem »Tugendfreund« einen »Kuchenfreund« gemacht hatte. Ganze Romane hatte er so gut im Kopf, dass er sie diktieren konnte. Kritiker behaupten, aus diesem Grund fänden sich darin allerlei Wiederholungen und manche Fehler. Raymond Chandler sah noch weitere Gefahren: »Als wir hierhergezogen sind, habe ich mir ein Diktaphon zugelegt und Drehbücher hinein diktiert, aber für meine Bücher verwende ich es nie. Fast alle Schriftsteller, die diktieren, leiden an Logorrhö [wörtlich: Wortdurchfall]. Wenn man sich dazu aufraffen muss, alle seine Worte selber hinzuschreiben, ist man eher bereit, darauf zu sehen, dass sie auch Gewicht haben.«

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