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Schreiberlust und dichterfrust

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Die täglich besuchte Schreiblandschaft



Arno Schmidt war es auch, der auf die Idee kam, einen sehr großen Schreibtisch, wie er ihn sich nie hätte kaufen können, einfach aus einer Sperrholzplatte sägen zu lassen. Mit viertelkreisförmiger Aussparung für den Schreibenden. Der Schreiner, bei dem er das anfertigen ließ, nannte die Idee »billig & genial«. Schmidt brauchte einfach viel Platz für seine Zettelkästen, Behälter mit Stiften, Lineal, Lupe und seine Handbibliothek. Sie enthielt die wichtigsten Nachschlagewerke.



     
Bertolt Brecht wollte am liebsten einen noch längeren oder besser mehrere Schreibtische, damit er gleichzeitig drei oder vier verschiedene Projekte bearbeiten konnte. Kam er mit einem Gedicht nicht weiter, ging er einen Schritt zur Seite, um am nächsten Platz ein Drama voranzutreiben, oder zwei Schritte, um eine Geschichte zu vollenden.
      Schreibtische wurden wie Schreibwerkzeuge oft zum Kultgegenstand der Nachwelt. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar gibt es inzwischen schon Dutzende davon, die berühmten Autoren gehörten. Aber was tut man mit ihnen?
Das Problem gibt es immerhin mit dem Schreibtisch von Nelly Sachs nicht: »Liebste Margit Abenius, bin ja niemals eine Dichterin gewesen, was man als solche darunter versteht. Habe nie einen Schreibtisch bis zum Augenblick besessen - meine Manuskripte liegen hier im Küchenschrank. In Deutschland war ich zu Hause bei meinen Eltern.«
Auch Marie Luise Kaschnitz schrieb mit dem Papierblock auf den Knien oder auf dem Kaffeehaustisch. Sie besaß zu Hause keinen eigenen Schreibtisch. Jane Austen arbeitete im Wohnzimmer der Familie und hielt immer eine Abdeckung bereit, falls Besucher kämen. Aus dem gleichen Grund benutzte sie nur kleine Schreibblätter, die sich leicht verbergen ließen. Ihre Kollegin Virginia Woolf fand unter den Autorinnen aller Zeiten viele solche Beispiele: Immer mangelte es ihnen an einem Platz zum ungestörten Schreiben, an Geld zum unabhängigen Leben, an Anerkennung durch Kritik und Leser - und deshalb schlicht an Selbstbewusstsein. Wie lange musste Annette von Droste-Hülshoff warten, bis sie endlich allein und ohne familiäre Pflichten in ihrem Häuschen am Bodensee wohnen durfte, das sie von ihren Honoraren gekauft hatte! Vorher versteckte sie ihre Texte, veröffentlichte unter Pseudonym oder musste sich wegen der unweiblichen Schriftstellerei vor ihren Verwandten rechtfertigen. Denn als unverheiratete Frau war sie nicht Herrin ihrer Lebensweise, sondern hatte in fast allem der Familie zu folgen. Virginia Woolf hatte recht, 1929 in einem Aufsatz »ein Zimmer für sich allein« zu fordern.

     
Sie selbst konnte sich nach Jahren ein Landhaus leisten, in dessen Garten sich ein Anbau befand, wo sie ungestört arbeitete. Es dauerte aber noch Jahrzehnte, bis Frauen im Literaturbetrieb annähernd gleiche Chancen bekamen!

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