Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Der Postbote muss vielleicht zweimal klingeln, bevor jemand öffnet, Regen oder Schnee versauen ihm manchmal den Tag. Aber hat er den letzten Brief in den Kasten gesteckt und die letzte Zeitung ausgetr
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Gestohlene Stunden und gewonnene Zeit: Der Alltag von Autorinnen



Wenn dagegen die Dichterin und Erzählerin Marie Luise Kaschnitz im Cafe schrieb, bedeutete es für sie eine kleine Flucht aus dem Hausfrauen- und Mutteralltag. Sie verstand es als wichtigste Aufgabe, für die Familie da zu sein. Ihre literarischen Werke entstanden so zuweilen in gestohlenen Momenten: »Ich habe oft heimlich im Cafehaus, zwischen dem Einkaufen, gearbeitet.« Sie hatte allerdings auch keine Lust, stundenlang literarisch zu arbeiten, nutzte vielmehr gerne kurze Gelegenheiten und beschrieb sich selbst so: »Ich auf meinem Bett, auf einem Liegestuhl, im Gras sitzend, immer mit angezogenen Knieen, auf den Knieen das Schreibheft, das Kinderschulheft, in das ich Gedichte schreibe, oder Bruchstücke von Gedichten, oder Prosa, eine Stunde, zwei Stunden, dann werde ich ungeduldig, dann habe ich genug.« Natürlich gibt es auch Autorinnen, die Stunden und Tage ganz im Schreiben versinken, sich für nichts sonst interessieren. Doch viel öfter als ihren männlichen Kollegen fehlt ihnen die Zeit. Elisabeth Langgässer klagte einmal bitter: »Die Alltagsarbeit wird von Tag zu Tag schwieriger, und der Haushalt verschlingt die letzten Kräfte wie ein triumphierender Moloch, dem die Saftbrühe rechts und links vom Maul herunterläuft ...« Bis weit ins 20. Jahrhundert galt es als selbstverständlich, dass Frauen - natürlich auch Autorinnen - einkaufen, putzen, waschen, kochen mussten, egal, was sie sonst noch taten. Viele akzeptierten deshalb einfach die doppelte Belastung. Doch im Lauf der Zeit beschwerten sich immer mehr über die sehr unterschiedliche Beurteilung und Behandlung, die Autoren und Autorinnen in der Ã-ffentlichkeit erfuhren. Barbara Frischmuth , die ihr Kind allein aufzog, stellte fest: »Wenn männliche Künstler ihre Kinder allein aufziehen, zum Beispiel Peter I landke, dann schreiben sich Journalisten die Finger wund, mit welcher Tapferkeit so ein Mann das leistet und doch noch zum Schreiben kommt. Bei weiblichen Künstlern in gleicher Lage macht niemand Aufhebens davon, gilt das alsselbstverständlich.« So etwas hieß auch, dass eine schreibende Mutter viel leichter der Vorwurf traf, ihre Kinder zu vernachlässigen, als einen schreibenden Vater.

      Zum Glück hat sich in den Jahrzehnten seit dieser Feststellung das eine oder andere verändert. Die Frauen emanzipierten sich und erkämpften weitgehende Gleichberechtigung. Damit veränderten sich, wenn auch ebenso langsam, die gesellschaftlichen Normvorstellungen. Schriftstellerinnen entscheiden inzwischen mit Selbstbewusstsein über ihren Alltag. Die irisch-englische Roman- und Theaterautorin Edna O'Brien antwortete 1984 auf die Frage, ob sie wie Philip Roth acht Stunden täglich an 365 Tagen im Jahr schreibe: »Er ist ein Mann, sehen Sie. Frauen haben die glorreiche Entschuldigung, einkaufen, kochen, putzen zu müssen. Wenn ich arbeite, schreibe ich in einer Art Trance, handschriftlich, in diese verschiedenen Notizbücher ... Ich schreibe am Morgen, weil man da dem Unbewussten näher ist, der Quelle der Inspiration.« Um 365 Tage im Jahr zu schreiben, dafür nehme sie sich jedenfalls nicht wichtig genug. Ihr Alltag sieht anders aus. »Schreiben ist wie einen Fötus zu tragen. Ich stehe morgens auf, trinke eine Tasse Tee und komme in diesen Raum, um zu arbeiten. Ich gehe niemals zum Mittagessen aus, aber um ein oder zwei Uhr höre ich auf und verbringe den Rest des Nachmittags damit, mich banalen Sachen zu widmen. Am Abend lese ich vielleicht oder sehe mir ein Theaterstück oder einen Film an oder besuche meine Söhne. Habe ich Ihnen erzählt, dass ich viel Zeit mit Wischen und Putzen verbringe? Hat Philip Roth erzählt, dass er wischt?«

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