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Schreiberlust und dichterfrust

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Der Spaß am Missverständnis und an der Abschweifung



In jeder Geschichte, nicht nur in denen von »Tausendundeiner Nacht«, sind wiederum tausend weitere verborgen, die sich leicht finden lassen, wenn man die richtigen Fragen stellt. Vielleicht kommt die Liebe zum tief verschachtelten Erzählen ja noch aus den Tagen der Kindheit, als wir immer fragten: »Und dann? Und dann? Und dann?« Kein Ende konnte uns hindern, keine Antwort klug oder umfassend genug sein. Wir wollten immer wissen: »Und dann?« Auf diese Weise lernten wir auch, selbst aus Erlebnissen Geschichten zu machen.

      Das Erzählen mit Umleitung steigert die Lust am Lesen. Man kann in solchen Büchern mit verschlungenen Handlungen versinken. Der Autor aber kann in ihnen herumtollen. Es stört nicht einmal, wenn er den Helden und Ich-Erzähler erst im dritten von insgesamt neun Bänden auf die Welt kommen lässt. Das hat Laurence Sterne in seinem unglaublich verspielten, springfreudigen, abschweifungsseligen Roman »Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman« gewagt, der vor fast 250 Jahren erschien. Von der Zeugung an geht beim Titelhelden Tristram Shandy eigentlich alles schief. Dabei unterbricht nämlich Frau Shandy ihren Mann, und das kurz vor dem Höhepunkt, um ihn zu fragen: »Hast du schon die Uhr aufgezogen?« Tristram Shandys Eltern, Verwandte und deren Bekannte planen und regeln gern. Sie rechnen aber nicht mit der Tücke des Objekts und mit dem immer wahren Grundsatz: Zum Missverstehen braucht's nichts als Worte. Tatsächlich regiert bei Sterne fast überall das Missverständnis, das durch die vielen Geschichten, Erklärungen und Abschweifungen, die eine Handlung kaum erkennen lassen, immer noch vergrößert wird. Ja, je genauer jemand in »Tristram Shandy« jemandem etwas erklären will, umso wahrscheinlicher löst er Missverständnisse aus.
      Weil alles schiefgeht, alle sich missverstehen, könnte der Roman wie die Welt des Buches sehr traurig oder hässlich oder voller Streit sein. Das Gegenteil ist der Fall! Und zwar, weil die Figuren und besonders der Erzähler immer noch eine Geschichte zu erzählen haben und weil sie einander im Geist von Güte, Humor und Toleranz begegnen. Deshalb lachen die Figuren gern und mit ihnen die Leser. Sterne nennt diese Geistes- und Seelenhaltung in seinem Buch »wahres Shandytum«. Das, so meint er, »weitet Herz und Lunge und zwingt, wie alle Gefühlsregungen seiner Art, das Blut, ungehemmt durch dessen Kanäle zu strömen und lässt das Rad des Lebens lang und munter wirbeln.«
Nun, das war fast schon selbst eine Abschweifung über den Meisterder genialen Abschweiferei Laurence Sterne ... Der lässt in seinen Roman übrigens verschlungene Linien zeichnen, die zeigen, wie verschlungen er erzählt. Es gibt auch schwarze Seiten, dann ein Kapitel, das nur aus einem einzigen Satz besteht, und zwei, die bloß eine leere Seite zeigen, und eines, das mit acht Zeilen voller Sternchen beginnt. »Tristram Shandy« ist ein verspielter Roman, der sich selbst auf den Arm nimmt und im Ãobrigen wunderbar zweideutig ist. Das lässt sich schwer erklären, aber herrlich selbst lesen.
      Laurence Sternes Bücher oder »Tausendundeine Nacht« haben, zumal sie weltberühmt wurden, viele Nachahmer gefunden. Das lustige Springen und das fast unendliche Erzählen aber lässt sich nicht so einfach wiederholen. Selbst Georges Simenon, der ja hunderte von erfolgreichen Romanen verfasste, konnte nur leidenschaftlich davon schwärmen: »Es gibt für mich einen Traum, den ich wahrscheinlich nie verwirklichen werde. Dennoch hege ich ihn nun schon dreißig, fast vierzig Jahre lang, er kehrt immer wieder zurück, vor allem jedes Mal dann, wenn ich spüre, wie ein neuer Roman in mir Gestalt gewinnt: nämlich einmal einen Schelmenroman zu schreiben, eine lange Erzählung ohne Kopf und Schwanz, mit langen Pausen, wie auf einem Spaziergang, mit Personen, die ohne Grund auftauchen und wieder verschwinden, mit Nebenhandlungen, die ihrerseits wieder weitere Nebenhandlungen nach sich ziehen. Ich glaube nicht, dass ich dazu fähig wäre ... Ich beschränke mich jedes Mal auf ein genau abgegrenztes Universum. Lässt sich das mit meiner Scheu vor Menschenmassen, die mir Angst einjagen, mit meiner instinktiven Abwehr der Unordnung erklären?«

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