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Schreiberlust und dichterfrust
Wie lang Bücher werden und welche Form sie haben Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, muss ich oft kurz nachdenken, weil es so viel Verschiedenes ist. Ich schreibe für Zei
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Umwege und hilfreiche Fehleinschätzungen



Grundsätzlich ist jeder Autor frei, sich zu entscheiden, wie und was er schreiben möchte. Er kann sich fragen, worüber er schreiben will und ob dafür die Form eines Gedichts oder einer Novelle oder eines Hörspiels besser geeignet ist. Er kann überlegen, ob er für Erwachsene, für Kinder, für einfache Leute, für sehr gebildete oder für alle schreiben will. Das sind sehr wichtige Fragen, aber manchmal kann es sogar gut sein, sich bei deren Beantwortung zu täuschen, wie das Beispiel Thomas Mann zeigt.


      Er fing schon als Schüler an, Gedichte zu schreiben, merkte aber bald, dass er ein schlechter Lyriker war, und ließ es also sein. Dann versuchte er es mit Erzählungen, die auch gedruckt und sehr freundlich aufgenommen wurden. Er glaubte nun, die ihm gemäße Form gefunden zu haben. Zwar hätte er auch gern einen Roman geschrieben, doch schien ihm für so ein großes Werk sein Talent zu klein. Wie es dann doch dazu kam, dass schon in jungen Jahren sein erster Roman »Die Buddenbrooks« entstand, der schließlich sogar sein berühmtester wurde, schildert Thomas Mann im Rückblick: Ich »war im Grunde überzeugt, dass die Kurzgeschichte, wie ich sie in der Schule Maupassants, Tschechows und Turgenjews erlernt hatte, mein Genre sei; nie, so glaubte ich, würde ich es mit der großen Form des Romans aufnehmen können. In Rom nun las ich damals den kleinen Roman der Brüder Goncourt >Renee Mauperin< und war, wie sich zeigen sollte, auf eine produktive Art entzückt von der Anmut und Klarheit der Komposition dieses in kurzen Kapiteln angeordneten Buchs; so sehr entzückt, dass ich Mut fasste und mir sagte, das kannst du am Ende auch ... Geplant war ein Roman von zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten nach dem Muster nordischer Familienromane. Aber dann erwies sich, dass das Buch seinen eigenen Willen hatte, der über meine Absichten weit hinausging und sich zu einem zweibändigen Roman deutscher Bürgerlichkeit entwickeln sollte, der als Aufgabe eigentlich über meine schwankende Kraft und künstlerische Unerfahrenheit damals weit hinausging, die ich nur mit zusammengebissenen Zähnen und höchster Anspannung bewältigen konnte - indem ich nach Stütze und Hilfe bei den Riesen des zu Ende gehenden Jahrhunderts suchte ...«
Es war also für Mann entscheidend, das ermutigende Beispiel der kurzen französischen Romane und das »Muster nordischer Familienromane« vor Augen zu haben. Form und Komposition übernahm er in etwa. Das gab ihm Halt und Mut, und als er dann unterwegs war, konnte sein Roman die Grenzen des Vorgegebenen überschreiten.
      So eine angenehme Enttäuschung, etwas meisterhaft zu können, wozu er sich eigentlich unfähig gefühlt hatte, erlebte Thomas Mann das nächste Mal allerdings nicht, als er sein Glück als Dramatiker versuchte. »Fiorenza« hieß das Stück über den Mönch Savonarola und seine Laufbahn, die ihn zum Herrn von Florenz macht, am Ende aber auf den Scheiterhaufen führt. Nach dem Erfolg der »Buddenbrooks« war Thomas Mann schon recht bekannt, weshalb zahlreiche Kritiker auf sein Drama reagierten. Die meisten aber lehnten das Stück rundweg ab, viele verspotteten sogar den unfähigen Dramatiker Mann. Der zog sich daraufhin vom Theater ganz zurück. Er meinte: »Zum Dramenschreiben fehlt es mir an den notwendigen Requisiten, ich bin für Erzählungen geboren. Ich werde nicht mehr für die Bühne schreiben. Jeder soll das tun, worauf er sich am besten versteht.«
Doch selbst auf seinem Lieblingsgebiet, dem Schreiben von Erzählungen und Romanen, verschätzte sich Thomas Mann über Art und

Umfang seiner Prosa so regelmäßig, dass er eine unbewusste Methode darin erkannte. Als seine Frau Katia in die Schweizer Berge fuhr, um ein Lungenleiden auszukurieren, besuchte er sie. Das Kurhotel in Davos und manche Begleitumstände empfand er als derart seltsam, dass er unbedingt darüber schreiben wollte. »Der Gedanke, aus meinen Davo-ser Eindrücken und Erfahrungen eine Erzählung zu machen, setzte sich sehr bald bei mir fest. Sie erhielt sofort den Titel >Der Zauberberg< und sollte nichts weiter sein als ein humoristisches Gegenstück zum >Tod in Venedig< [eine Novelle von ihm], ein Gegenstück auch dem Umfang nach, also eine nur etwas ausgedehnte short story ... Aber eine heimliche Ahnung von den Gefahren der Ausdehnung dieser Erzählung be-schlich mich bald. Der produktive Selbstbetrugs von dem ich das vorige Mal gesprochen habe, die immer wiederkehrende Unterschätzung eines Unternehmens, wich diesmal ziemlich früh der Ahnung, dass die Davoser Geschichte es >in sich hatte< und über sich ganz anders dachte als ich ... Lange nach dem Friedensschluss erst, 1924, erschienen die beiden Bände, die aus der Konzeption der short story entstanden waren, und die mich alles in allem nicht sieben, sondern zwölf Jahre in ihrem Bann gehalten hatten.«
Zweierlei wirkt dabei merkwürdig: Da ist die Eigenwilligkeit des Stoffes, die an die Figuren des vorletzten Kapitels erinnert. Obwohl Thomas Mann wusste, was er wollte, zeigte sich, dass der Stoff seinen eigenen Kopf hatte. Mann meinte: »Aber die Dinge haben ihren eigenen Willen, nach dem sie sich ausbilden ...« Eigentlich hätte er schreiben müssen »nach dem ich sie ausgebildet habe«. Da liegt auch der Grund für das Wuchern des Buches. Wie sagt der Schriftsteller Jean Paul einmal: Erst formt der Autor das Buch und dann das Buch den Autor. Beim Schreiben merkt man nämlich oft, was noch alles möglich wäre, man sieht die Welt mit anderen Augen und findet in ihr plötzlich vieles, das auch in das Werk hineingehören könnte, man erkennt, dass tausenderlei Erinnerungen, Wünsche, Gedanken, Tagesereignisse in das Buch passen, das so immer weiterwächst und wächst und wächst.
     
Das zweite Merkwürdige am »Zauberberg« ist, dass der Held des Buches etwas ganz Ã"hnliches wie sein Autor erlebt. Er will nämlich eigentlich nur für drei Wochen in ein Kurhotel in den Schweizer Bergen, bleibt aber dann für ganze sieben Jahre dort oben. Thomas Mann blieb sogar noch fünf Jahre länger auf seinem Roman-Zauberberg.
      Noch etwas Kurioses macht Mann, wenn er in seiner Novelle »Der Tod in Venedig« den Tod eines Autors beschreibt. Dieser Autor, Gustav von Aschenbach, hat, so heißt es in der Geschichte, allerlei Werke vollendet, für die er sehr gerühmt wird. Es handelt sich dabei um Werke, an denen Thomas Mann selbst gescheitert war. Indem er sie seinem Helden als vollendete Meisterwerke zuschreibt, verabschiedet er sich elegant von der Last des Liegengebliebenen.
     

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