Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Wie lang Bücher werden und welche Form sie haben Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, muss ich oft kurz nachdenken, weil es so viel Verschiedenes ist. Ich schreibe für Zei
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Neue Form, neues Glück



Manche Werke weigern sich einfach, in die Welt zu treten, oder widerstehen zumindest lange. Goethe arbeitete an seinem Drama »Iphigenie auf Tauris« immer wieder herum und kam nicht weiter. Erst als er in Karl Philipp Moritz einen Freund und hilfreichen Vers-Experten fand und auf dessen Rat hin sich entschloss, seine Figuren statt in Prosa in Versen sprechen zu lassen, gelang es ihm schnell, das Stück abzuschließen. Schiller ging es ähnlich mit seinem Drama über den Feldherrn Wallenstein aus dem Dreißigjährigen Krieg. Er kämpfte verzweifelt mit dem Stoff und kam erst weiter, als er die Figuren in Versen sprechen ließ: »Seitdem ich meine prosaische Sprache in eine poetisch-rhythmische verwandle, befinde ich mich unter einer ganz anderen Gerichtsbarkeit als vorher ... Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich concipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.«

Doch das alleine half noch nicht genug, weil es so eine umfangreiche und komplizierte Geschichte war. Goethe kam auf die einfache Idee, das Drama zu teilen. Schiller befolgte den Rat und auf einmal warder Knoten geplatzt. Innerhalb von nur einem halben Jahr hatte er die drei Teile als eigene Stücke beendet.
      Man sieht: Fragen, die scheinbar nur die Form betreffen - die Komposition, die Struktur oder die Art, wie die Figuren sprechen -, sind oft so wichtig, dass sie über Erfolg oder Scheitern eines Werks entscheiden.
      Der Nobelpreisträger Günter Grass berichtet, dass manchmal sogar eine Teilung in zwei eigenständige Werke nötig werden kann. So war es, als er mit seinem Roman »Hundejahre« nicht vorwärtskam: >»Hunde-jahre< habe ich mit einer falschen Erzählkonzeption begonnen, die dann in der Mitte des Buches durch ein Kapitel, das eigentlich >Katz und Maus< enthielt, zerschlagen wurde; es stellte sich heraus, dass darin eine Novelle war, die den Roman kaputt machte. Dann habe ich zuerst die Novelle [»Katz und Maus«] geschrieben und durch die Arbeit an der Novelle die Erzählpositionen für >Hundejahre< gefunden.«
Das erinnert an den Maler Auguste Renoir , der eine Kaffeehaus-Szene gemalt hatte, die ihm unstimmig erschien. Kurz entschlossen zerschnitt er das Gemälde in zwei Teile, deren Gestaltung für sich allein sehr ausgewogen wirkte. Ãober die Lust an der Struktur und der Form wirst du noch mehr im Kapitel »Ja, mach nur einen Plan« lesen.
     

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Neue  Form,  neues  Glück    




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