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Schreiberlust und dichterfrust
Wie lang Bücher werden und welche Form sie haben Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, muss ich oft kurz nachdenken, weil es so viel Verschiedenes ist. Ich schreibe für Zei
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Baukasten-Literatur und hilfreiche Modelle



Eine große Hilfe ist es, nicht jedes Mal eine Form ganz neu erfinden zu müssen. Wie ein Stadionbaumeister oder der Architekt eines Bürohochhauses ganz gern auf überlieferten Grundmodellen aufbaut, die er dann nach seinen Vorlieben und Ideen ausführt und verändert, so greifen auch Autoren immer wieder Textarten auf, die über reine Grundformen wie Komödie, Roman, Gedicht hinausgehen. Das sind Genres wie Krimi, Science Fiction oder Thriller, in denen sehr viel vorgegeben ist. Damit ersparen sich Schriftsteller eine Menge Konstruktionsarbeit und oft auch die Suche nach einem Ton oder nach den richtigen Figuren.


     
Die Leser stört das nicht unbedingt, denn sie wollen zwar Neues lesen, aber auch gern auf Bekanntes stoßen. Wenn sie das Genre eines Buches kennen, dann wissen sie ungefähr, was auf sie zukommt, und können sich um so mehr daran freuen, was ein Autor an neuen Feinheiten erfunden hat.
      Bei einem Krimi gibt es so gute und so viele Vorbilder, dass ein Autor trotz der Vorgaben der Form und der Tradition mancherlei Freiheiten genießt. So ist er frei, einen eigenen Ermittler zu erfinden: Es gab schon Schafe, Hausfrauen, Privatdetektivinnen und Kommissare, Jungen, Mädchen und Hunde, Außerirdische, Androiden, Soldaten, Rentnerinnen und Katzen. Genauso sieht es bei den Motiven aus, warum jemand mordet : Eifersucht, Neid, Beleidigung, Rache, Liebe, Hass, Machtgier, Spieltrieb, Wahnsinn, Vertuschung von anderen Taten und und und. Selbst die zahlreichen ungeschriebenen Gesetze des Krimis engen also Autoren nicht sehr ein. Krimileser kennen die ja und deshalb können sie es auch genießen, wenn sie jemand kunstvoll verletzt.
      Die gleichzeitige Freiheit und Gebundenheit durch Vorgaben reizt Autoren dazu, immer wieder dasselbe Genre zu bedienen. Krimi-, Thriller- oder Fantasy-Autoren, aber auch die Verfasser von Arztromanen oder Western und Science-Fiction bleiben ihrer einmal gefundenen Form gern treu. Und die Leser freuen sich oft daran und entwickeln sich wie im Falle der Schriftsteller Agatha Christie, Stanislaw Lern, Stephen King oder P. D. James zu einer richtigen Fangemeinde. Eine gewisse Gefahr, aber auch ein gewisser Reiz besteht darin, dass es in jedem Genre sehr berühmte Meister gibt. An ihnen muss sich ein neuer Autor dann schon messen lassen.
      P.D. James sagte in einem Interview einmal: »Ich liebe Struktur, und die Detektiv-Story ist wahrscheinlich die am stärksten strukturierte Gattung populärer Fiktion [erzählende Prosa].«
Man weiß einfach in einem Krimi, was einen ungefähr erwartet und welche Grundgesetze ihn prägen: Die Aufklärung muss langsam vor sich gehen, es müssen falsche Spuren auftauchen und falsche Verdäch-tige vorkommen, der Ermittler oder die Ermittlerin muss Probleme außerhalb des Dienstes/Falles haben, am besten eine gebrochene Figur sein, kein Superheld. Die Auflösung oder die Aufdeckung muss überraschend erfolgen, oft in einer dramatischen Wendung, interessante und seltsame Nebenfiguren müssen vorkommen, drastische Szenen sich mit ruhigen abwechseln. Das sind so einige der Grundregeln des Krimis, von denen man aber, wie gesagt, abweichen kann.
      Oft vergleicht man Krimis mit Schachspielen oder Mathematik, weil logisches Denken bei der Auflösung und Konstruktion der Verbrechen sehr wichtig ist. Ohne einen genauen Plan kommt ein Autor da schnell in Teufels Küche. Genau darum geht es im nächsten Kapitel.
     

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