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Schreiberlust und dichterfrust

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Treibstoff und Teufel Alkohol



Vor zweitausend Jahren behauptete Horaz: »Gedichte, die von Wassertrinkern geschrieben wurden, können nicht lange Gefallen erregen oder überleben.« Der römische Dichter zielte damit auf Nüchternheitsapostel, die nichts von Genuss verstehen und vom Rausch der Dichtkunst ebenso wenig. Anders als ein Weintrinker. Er kennt das Belebende des Alkohols, die Lockerung, die Heiterkeit und Beschwingtheit. Der Wein erweitert, so scheint es, das Denk- und Empfindungsvermögen, er regt an und lässt Grenzen überschreiten. Horaz kam es aber nicht darauf an, den Wein als nötiges Mittel dichterischer Produktion hervorzuheben. Ihm ging es eher darum, dass Autoren keine Sauertöpfe sein, dass sie mehr kennen sollen von der Welt als nur das nüchtern Vernünftige.


     
Etwa 1900 Jahre später stimmt ihm der Philosoph und Dichter Friedrich Nietzsche zu: »Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische [körperliche] Vorbedingung unumgänglich: der Rausch. Man bereichert sich in diesem Zustande alles aus seiner eigenen Fülle, was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, überladen mit Kraft.«
Kein Wunder, dass Dichter oft Rauschmittel ausprobierten und im Erfolgsfall lobten. So viele wurden darüber zu Alkoholikern, dass man in England Alkoholismus »writer's disease«, also »Schriftstellerkrankheit« nannte. Nobelpreisträger wie Eugene O'Neill, William Faulkner, Henry Sinclair Lewis und Ernest Hemingway sind darunter. Jack London, F. Scott Fitzgerald, Flann O'Brien, Djuna Barnes, Raymond Car-ver, Georges Simenon tranken gefährlich viel und die Liste ließe sich ohne Mühe über Seiten hinweg fortführen. »Trinken ist das Laster des Schriftstellers«, meinte F. Scott Fitzgerald, dessen Frau Zelda ebenfalls schrieb - und ebenfalls trank. Er starb mit 44, sie acht Jahre später bei einem Brand in der psychiatrischen Klinik, in der sie untergebracht war.
      Es gibt zahlreiche Bücher über das Thema »Literatur und Alkohol«, sie beantworten aber nicht die Frage, ob es an der Persönlichkeit der Dichter, an ihrem Beruf oder an der Gesellschaft lag, dass sie Alkoholiker wurden. Nicht alle Autoren trinken und es werden nicht alle Alkoholiker Autoren. Schließlich spricht viel dafür, dass Alkohol mehr große Literatur verhindert als gefördert oder gar geboren hat.
      F. Scott Fitzgerald sah seine Lage durchaus klar: »Ich schaffte es nie, lange genug nüchtern zu sein, um meine Nüchternheit überhaupt ertragen zu können.« Das wirkte sich auf seine Schaffenskraft aus: »Ich brachte genau ein Theaterstück, ein halb Dutzend Kurzgeschichten und drei oder vier Artikel zustande - ein Durchschnitt von vielleicht hundert Worten am Tag. Hätte ich diese Zeit auf gesündere Weise verbracht, sähe alles anders aus. Aber ich habe sie sinnlos verschwendet, habe getrunken und mich ausgetobt... Eine Kurzgeschichte kann man mit dem Glas in der Hand schreiben, aber für einen Roman braucht man genügend geistige Klarheit, um die ganze Struktur im Kopf behalten zu können.« In den Notizen zu einem Roman findet man seinen Satz: »Then I was drunk for many years, and then I died.«
Fitzgeralds Kollege Eugene O'Neill sah den Alkohol ebenso als Hindernis beim Schreiben: »Man muss all seine kritischen und kreativen Fähigkeiten unter Kontrolle haben, wenn man arbeitet, ich versuche nie auch nur eine einzige Zeile zu schreiben, wenn ich nicht völlig enthaltsam lebe.« Ihn heilte glücklicherweise ein Psychiater, so dass er die letzten 28 Jahre seines Lebens fast nichts mehr trank. Dass seine Schaffenskraft ohne Alkohol geringer wurde, stimmt, wenn man nur die Zahl der Stücke nimmt. Die große Qualität einiger Dramen, die in dieser Phase der Enthaltsamkeit entstanden, steht aber außer Frage. Immer wieder vermisste O'Neill den Alkohol, gleichwohl versuchte er nicht mehr, seine Schreibprobleme, die ihn lange Zeit quälten, damit zu lösen.
      Georges Simenon erwähnt, wie er sich als junger Autor an Wein gewöhnte, was aber auch mit seiner Heimat Frankreich zu tun hat, wo
Wein zum Leben gehört. Viel war es trotzdem. Von den ersten Kriminalromanen mit der Ermittlerfigur Kommissar Maigret an trank Simenon »ab sechs Uhr morgens. Und da ich morgens und nachmittags schrieb, das heißt, drei Kapitel am Tag ...« Man kann sich vorstellen, welche Menge Wein Simenon mit den drei Punkten ausdrücken möch
te. In Amerika, WO er später wohnte,kamen höherprozentige Getränke wie Cocktails und Whisky dazu. Simenon trank während der Arbeit, aber auch sonst sehr viel.
      Erst seine spätere Frau überzeugte ihn, es mal drauf ankommen zu lassen, ob Alkohol wirklich unverzichtbar für die Entstehung seiner Romane sei. Sie schlug ihm vor, »mit... Tee zu arbeiten. Der erste mit-hilfe von Tee verfasste Roman ist >Trois Chambres a Manhattans den ich mitten im Winter in einer Blockhütte am Masson-See in den Laurentides schrieb. Ich war überzeugt, das Buch nicht zu Ende schreiben zu können. D. [seine Frau, die er diskret immer nur mit dem einen Buchstaben bezeichnet] wartete zitternd hinter der Tür meines Arbeitszimmers , horchte auf den Rhythmus der Maschine und hielt mir stets Tee bereit. Ich öffnete die Tür einen Spalt, streckte die Hand durch und nahm wortlos die Tasse entgegen. Sie hat zu Recht gezittert, denn wenn dieses Experiment schiefgegangen wäre, hätte ich es sicher nicht noch einmal versucht und wäre heute schon tot.«
Es liegen elf Jahre und etwa drei Dutzend Romane hinter ihm, als Simenon über diese Erkenntnis und Lebensrettung berichtet. Weder seine Schaffenskraft noch die Qualität seiner Literatur verminderten sich. Auf seine Pfeife freilich verzichtete er nicht. Auch wenn sie nicht unverzichtbar war, sie gehörte einfach zu seinen beruhigenden Ritualen.
      Wie Simenon ging und geht es wohl zahlreichen Kollegen: Das Trinken beginnt langsam mit einem Schluck hie und da als Anregung. Irgendwann meint man dann, ohne nicht mehr auszukommen. Und andere Leute trinken ja auch. Erschwerend kommen die einsame, unbeobachtete Situation am Schreibtisch und die Vorurteile der Gesellschaft hinzu, denn wie John Cheever sagt: »Wenn Sie Künstler sind, dann erwartet man von Ihnen Selbstzerstörung.« Wenn dann noch der berühmte amerikanische Schriftsteller Truman Capote behauptet, jeder Autor, den er kennenlerne, habe ein Alkoholproblem gehabt, wenn es sogar heißt, jeder bedeutende amerikanische Autor sei Trinker gewesen, dann wundert sich niemand darüber, dass Schriftsteller und Alkohol in einem Atemzug genannt werden und Autoren häufig über den Alkohol schreiben.
      Darunter sind wundervoll komische Bücher wie die Trinker-Geschichte »Moskau-Petuschki« von Wenedikt Jerofejew, in der gesundheitsgefährdende Cocktails, Engel und der Teufel vorkommen. Jerofejew konnte beim Schreiben des Buches auf Erfahrungen seines eigenen Trinkerdaseins zurückgreifen und baute autobiografische Bezüge in den Text ein. Auch Hans Fallada wusste genau, wovon er in seinem Roman »Der Trinker«, und Jack London, wovon er in »König Alkohol« schrieb. Joseph Roths Schlusswunsch seiner »Legende vom heiligen Trinker« erfüllte sich tragischerweise nicht: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!« Roth erstickte fehlbehandelt in einem Krankenhausbett.
     

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