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Muschelgebäck und alte Ã"pfel



Zwei eigentümliche Mittel, die Fantasie anzuregen, will ich am Schluss noch erwähnen. Friedrich Schiller soll vergammelnde Ã"pfel in seinem Schreibzimmer gehabt haben. Wir wissen das aus dem Werk »Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens« von Johann Peter Eckermann , dem Sekretär, Freund und Helfer Goethes. Laut Eckermann erinnert sich Goethe wie folgt an die Geschichte: »Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift. Ich besuchte ihn eines Tages, und da ich ihn nicht zu Hause fand und seine Frau mir sagte, dass er bald zurückkommen würde, so setzte ich mich an seinen Arbeitstisch, um mir dieses und jenes zu notieren. Ich hatte aber nicht lange gesessen, als ich von einem heimlichen Ãobelbefinden mich überschlichen fühlte, welches sich nach und nach steigerte, so dass ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Ich wusste anfänglich nicht, welcher Ursache ich diesen elenden, mir ganz ungewöhnlichen Umstand zuschreiben sollte, bis ich endlich bemerkte, dass aus einer Schublade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete, fand ich zu meinem Erstaunen, dass sie voll fauler Ã"pfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wiederhergestellt fühlte. Indes war seine Frau wieder hereingetreten, die mir sagte, dass die Schublade immer mit faulen Ã"pfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohltue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne.« Schillers Heimat Schwaben ist ja auch die Heimat exzellenter Ã"pfel und Schillers Vater war Pomologe, also Apfelspezialist.


     
Für Marcel Proust war der Geruch noch wichtiger. Geruch, Geschmack und Empfinden waren für ihn Einfallstore ins Reich der Vergangenheit. Vielleicht kennst du selbst das Gefühl, das Proust so sehr schätzte: Du isst eine im Lagerfeuer geröstete Kartoffel und plötzlich erinnerst du dich ganz intensiv und genau an eine Situation, in der du schon einmal diesen Geschmack auf der Zunge hattest. Oder dir fällt unweigerlich bei der Kombination von Pommes- und Colaflaschenge-ruch der Kiosk vor der Schule ein. In solchen Situationen steht man plötzlich mitten in der Vergangenheit.
      Für Marcel Proust war diese Art von Erinnerungen wundervoll, besonders deshalb, weil sie plötzlich Bereiche eröffnen, die dem Be-wusstsein sonst verschlossen sind. Er lässt deshalb den Erzähler seines vielbändigen Romanwerks »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« genau solche plötzlichen Erinnerungsanfälle erleben. Sie bringen die verlorene Zeit voller Einzelheiten, ganz deutlich, sehr intensiv und in einem Augenblick zurück. Da genügt es, eine Madeleine in Lindenblütentee zu tauchen und in den Mund zu schieben, und schon löst der Geschmack, der Geruch, das Tasten einen Reigen von Bildern und Gefühlen im Erzähler aus. Diesen Erinnerungsreigen festzuhalten in Literatur, das ist die Aufgabe des Erzählers, die der im Verlauf des Romans erst langsam erkennt. Der Roman selbst wiederum ist eigentlich das Ergebnis und die Folge dieser Erkenntnis des Erzählers.
      Dumm nur, dass die herrlich oder schmerzlich intensiven Erinnerungsbilder sich dem Absichtlichen entziehen. Sie kommen nicht automatisch bei jeder Madeleine mit Lindenblütentee.
     

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Muschelgebäck  alte  Ã"pfel    





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