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Bewusstseinserweiterung und Kontrollverlust



Mit ähnlich gefährlichen Drogen wie Alkohol gingen Opium-Esser, Laudanum-Trinker, Kokain-Schnupfer, Haschisch-Raucher und LSD-Benutzer wie Novalis, Charles Baudelaire, Gottfried Benn oder William S. Burroughs um. Sie konnten sich auf den Zeitgeist berufen, der unentwegt Drogenkonsum als uralte Kulturtradition rechtfertigte. Dichter sollten auf diese Inspirationsquelle nicht verzichten, da sie ihnen ganz neue Sichtweisen und Erfahrungen ermöglichte. Selbstbewusst verkündete der Dichter Gottfried Benn : »Potente Gehirne stärken sich nicht durch Milch, sondern durch Alkaloide.« Alkaloide sind die wirksamsten Bestandteile von Opiaten und Kokain. Sein französischer Kollege Charles Baudelaire stimmte zu. Der Haschischrausch verändere Wahrnehmung, die Sinne gewännen »... sich eine neue Freiheit, eine überlegene Schärfe der Wahrnehmung. Geruch, Gesicht, Gehör, Gefühl nehmen gleicherweise an diesem Fortschritt teil. Die Augen zielen ins Unendliche. Das Ohr vernimmt fast nicht wahrnehmbare Töne inmitten des größten Tumultes. Und hier beginnen dann die Halluzinationen. Die Gegenstände der Außenwelt nehmen langsam und einer um den anderen seltsame Gestalten an; sie verformen, verwandeln sich. Dann stellen sich Zweideutigkeiten ein, Verwechslungen und verschobene Vorstellungen. Die Töne bekleiden sich mit Farben und die Farben enthalten Musik. Dies, wird man sagen, ist nur allzu natürlich und jedes dichterische Gehirn nimmt in seinemgesunden und normalen Zustand diese Analogien leicht wahr. Aber ich habe den Leser ja bereits darauf aufmerksam gemacht, dass man im Haschischrausch nichts wirklich Ãobernatürliches erfährt; nur gewinnen diese Analogien dann eine ungewöhnliche Lebendigkeit; sie durchdringen, überwältigen und bedrängen den Geist mit despotischer Gewalt.«

Zwei große Probleme bleiben dabei bestehen, wie im Fall des Alkohols auch: Erstens die mögliche körperliche und geistige Gefährdung durch die Drogen. Zweitens, die Abenteuer im Drogenland bedeuten nicht unbedingt reiche Ernte für das Schreiben. Der hellsichtige Autor Peter Hacks fasste das schön zusammen, als er über diejenigen Romantiker, die zu Drogen neigten, urteilte: Das Schreiben im Rausch begeistere zweifellos, das Lesen von Büchern, die im Rausch entstanden seien, aber in der Regel überhaupt nicht. Es fehle die Selbstkritik, die Distanz, der kühle Verstand. Trunkene und von Drogen Berauschte denken oft, sie würden herrliche Kunst schaffen, doch im Wachzustand erweist es sich dann als wirres Geschreibsel.
      Talent und Fähigkeiten, Erfahrungen und Ideenreichtum kann kein Rauschgift ersetzen. Vor allem ist der Drogenkonsum nicht folgen- und kostenlos zu haben, wie Fernando Pessoa schreibt: »Die Liebe, der Schlaf, die Drogen und die Gifte sind Elementarformen der Kunst, oder, besser gesagt, sie bringen die gleiche Wirkung hervor wie sie. Aber auf Liebe, Schlaf und Drogen folgt allemal die Desillusionierung [die Enttäuschung, das böse Erwachen]. Der Liebe wird man satt, oder sie enttäuscht. Aus dem Schlaf erwacht man und, während man geschlafen hat, hat man nicht gelebt. Die Drogen bezahlt man mit dem Ruin der Physis [des Körpers], zu deren Stimulierung sie gedient haben. Aber in der Kunst gibt es keine Desillusionierung, denn die Illusion war von Anfang an einkalkuliert. Aus der Kunst gibt es kein Erwachen, denn in ihr schlafen wir nicht, wenn wir auch träumen mögen. In der Kunst gibt es keinen Tribut, keine Strafe, die wir bezahlen müssten, weil wir sie genossen haben.«
Lustig ist, dass die Kunst selbst aber doch wie eine Droge wirkt. Dabei ist nicht nur das rasche Produzieren, wie im vorigen Kapitel, gemeint. Gustave Flaubert erfasste manchmal beim Schreiben solch ein Rausch, dass er sich vollkommen in seine Figuren und in sein Werk hineinsteigerte. Das begeisterte ihn, es verschaffte ihm aber auch körperliche Leiden. Er fühlte sich dann, als hätte er wirklich bewusst-seinserweiternde Drogen genommen oder Sex gehabt. In einem Brief schreibt er: »Das war einer der wenigen Tage meines Lebens, an dem ich vollständig von Anfang bis Ende in der Illusion gelebt habe. Als ich vorhin um sechs das Wort Nervenanfall schrieb, war ich so mitgerissen, brüllte ich so laut und spürte ich so tief, was meine kleine Frau empfand, dass ich fürchtete, selber einen zu bekommen. Ich bin vom Tisch aufgestanden und habe das Fenster aufgemacht, um mich zu beruhigen. In meinem Kopf drehte sich alles. Jetzt habe ich starke Schmerzen in den Knien, im Rücken und im Kopf. Ich bin wie ein Mann, der zu viel gevögelt ... hat , das heißt in einer Art Erschlaffung voller Berauschungen. Und da ich bei der Liebe bin, ist es nur gerecht, wenn ich nicht einschlafe, ohne Dir eine Zärtlichkeit zu schicken ... Wie dem auch sei, gut oder schlecht, Schreiben ist etwas Köstliches, nicht mehr man selbst zu sein, sondern in der ganzen Schöpfung zu kreisen, von der man spricht. Heute zum Beispiel bin ich als Mann und Frau zugleich, als Liebhaber und Geliebte an einem Herbstnachmittag unter den gelben Blättern durch einen Wald geritten, und ich war die Pferde, die Blätter, der Wind, die gesprochenen Worte und die rote Sonne, die sie ihre von Liebe getränkten Augenlider halb schließen ließ.«
Mit einem Schreibrausch werden von vielen Schriftstellern auch Gewohnheiten verbunden, von denen sie nicht mehr lassen können. Mechtilde Fürstin von Lichnowsky glaubte, die Zigaretten seien unbedingt nötig, um zu schreiben. So verfasste sie ein heiteres Gebet an die Zigarette, die ihr Quelle der Inspiration sei; netterweise auf einem Papier, das Schmauch- und Kaffeespuren zeigt.
      Hier unterscheiden sich Dichter jedoch nicht gar so sehr von Architekten, Fernfahrern oder Polizisten, die sich wach halten wollen; nur dass die Autoren wiederum meinen, die Anregung des Körpers sei auch eine des Geistes. So fällt es ihnen besonders schwer, auf Kaffee und Zigaretten zu verzichten, selbst wenn es von ihren Ã"rzten verboten wird. Honore de Balzac hätte auch der Gesundheit zuliebe nicht auf seinen Kaffee verzichtet, den er wie einen geistigen Treibstoff einsetzte. Er entwickelte sogar eigene Rezepte, um dessen Wirkung zu erhöhen: Er zerstieß die Bohnen auf türkische Art, er goss ihn mit kaltem statt kochendem Wasser auf, er nahm sehr wenig Wasser, konzentrierte ihn also. Die Wirkung beschreibt Balzac so: Erst werde ihm - auf nüchternen Magen - übel: »Dann aber kommt alles in Bewegung: die Ideen rücken vor wie die Bataillone der Großen Armee auf dem Schlachtfeld, und die Schlacht findet statt. Die Erinnerungen kommen im Sturmschritt mit fliegenden Feldzeichen; die leichte Kavallerie der Vergleiche entfaltet sich in prächtigem Galopp; die Artillerie der Logik fährt mit Train [Versorgungsabteilung] und Kartuschen [Treibladungen für Geschosse] einher, die geistreichen Gedanken treten als Scharfschützen auf...«

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