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Schreiberlust und dichterfrust

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Eine eigene Welt, doch ganz von dieser Welt



Der Franzose Honore de Balzac wurde eher aus Zufall ein literarischer Weltenschöpfer. Seine Romane entstanden, wie im Kapitel »Brotlose Kunst« zu lesen ist, sehr rasch. Nach einigen Büchern fiel ihm auf, dass die Figuren und Zustände, die er in seinen Romanen beschrieb, als Teile eines Zeitgemäldes dienen könnten. Er fasste den Plan, die bereits geschriebenen und die noch entstehenden Romane untereinander zu verbinden, um so ein gültiges Bild, besser gesagt, ein Mosaik der französischen Gesellschaft seiner Zeit zu erschaffen, wobei jedes Buch ein Mosaikstein wäre. Er verwendete also Figuren immer wieder, verknüpfte sie untereinander und über Buchgrenzen hinweg, indem er sie einander treffen ließ, in gemeinsame Geschäfte verwickelte. Oder er machte sie zu Mann und Frau, zu Vater und Tochter, zu Onkel und Neffe. Wichtig war ihm, dass jeder Stand, jeder Beruf, jeder Menschenschlag vertreten war und dass alle Bücher zusammen eine Gesamtheit bildeten. Begeistert schrieb er 1833 an Freunde: »Salutiert vor mir! Ich bin ganz im Begriff, ein Genie zu werden! Ich glaube, dass im Jahre 1838 die drei Teile dieses riesenhaften Werkes, wenn auch nicht völlig vollendet, so doch zumindest aufgeschichtet sein werden und dass ein Urteil über das Ganze möglich sein wird. Die >Sittenstudien< [unter dem Titel fasste er eine Reihe seiner Romane zusammen] sollen alle sozialen Wirkungen darstellen, ohne dass irgendetwas vergessen sein dürfte, weder eine Lebenslage noch eine Physiognomie [im engeren Sinn Gesichtstyp], noch ein männlicher oder weiblicher Charakter, noch eine Lebensweise, noch ein Beruf, noch eine soziale Schicht, noch ein französisches Land, noch sonst irgendetwas von der Jugend, vom Greisenalter, vom reifen Alter, von der Politik, von der Rechtsprechung und vom Krieg. Wenn dies dargelegt ist, wenn die Geschichte des menschlichen Herzens Zug um Zug nachgezeichnet, wenn die soziale Geschichte in allen ihren Teilen ausgeführt ist, dann ist der Grund gelegt. Keine erfundenen Tatbestände werden es sein; es wird das sein, was sich überall ereignet.«



Das Ganze wurde kein unzusammenhängendes Stückwerk, Balzac knüpfte ein dichtes Netz von Verbindungen. Und immer weiter wob er an diesem Teppich, um alles erfassen zu können. Schließlich waren es an die tausend Figuren, die sich in etwa hundert Erzählungen und Romanen zu einer Welt zusammengefunden hatten. Sie ergänzten sich zu einem Bild von Balzacs Frankreich und bildeten doch eine ganz eigene Schöpfung, die er geordnet und geformt hatte. Der Schweizer Autor Peter Bichsel meinte einmal: »Ein Schriftsteller ist einer, der immer wieder Dinge erfindet, die es bereits gibt.«
Weil Balzac wirklichkeitsgetreu schreiben wollte, quetschte er alle Freunde, Bekannten und Verwandten aus, erkundigte sich auf Reisen in jedem Ort nach interessanten Begebenheiten, fragte nach Klatsch und Tratsch, versuchte zu erfahren, wer für wichtig oder mächtig gehalten wurde, wer mit wem befreundet oder verfeindet war und warum. Außerdem übernahm er viel aus anderen Büchern - und er ließ seine Fantasie spielen.
     

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