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Schreiberlust und dichterfrust

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Ein eigenes Territorium von der Größe einer Briefmarke



Ein bisschen ähnlich arbeitete der Amerikaner William Faulkner, der freilich nicht die ganzen USA als Gegenstand wählte, sondern sein kleines Herkunftsgebiet, das er in veränderter Form neu und doch getreu erschuf: »Angefangen mit >Sartoris< [so heißt sein dritter Roman] entdeckte ich, dass es sich lohnte, über meine kleine Briefmarke heimatlicher Erde zu schreiben und dass ich nie lang genug leben würde, um sie erschöpfend zu beschreiben ... Es eröffnete sich mir eine Goldmine von anderen Menschen, und so erschuf ich mir meinen eigenen Kosmos. Ich kann diese Menschen hin und her bewegen wie Gott, nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. « Wie Balzac schrieb Faulkner mehrere Bücher und Geschichten, die sich mit dieser Welt beschäftigten. Er verfolgte so Familien über Generationen hinweg und konnte die Veränderungen der Gegend, der Wirtschaft, der Kultur über Jahrzehnte beschreiben. Natürlich übernahm Faulkner nicht einfach die Menschen und Geschehnisse des kleinen Bezirks, in dem er lebte. Er verwandelte alles in seinen Büchern. Dazu erfand er auch die geografischen Namen in seinem Fantasie-Bezirk »Yoknapatawpha County« . Als es schon viele Bücher gab, die dort spielten, zeichnete Faulkner eine Landkarte des Bezirks, auf der man sehen kann, dass ihm wichtiger als die erfundenen geografischen Bezeichnungen die Bezeichnung der Schauplätze seiner Romane waren, denn statt Namen von Bergen oder Flüssen stehen da Titel von Werken.

      Wiederum wie bei Balzac kommen bei Faulkner die gleichen Figuren und Familien in verschiedenen Büchern vor. Sie existierten, wie er einmal meinte, in ihm fort: »Romanfiguren sind für mich durchaus real und konstant. Sie sind mir jederzeit gegenwärtig. Ich habe nicht die geringste Schwierigkeit, eine von ihnen wieder aufzugreifen. Ich vergesse, was die Figuren getan haben, aber niemals die Figuren selbst. Und wenn ein Roman beendet ist, lebt die betreffende Figur weiter.« Auf diese Weise entsteht im Kopf des Autors und in seinen Büchern eine Parallelwelt. Faulkner dachte von seiner Schöpfertätigkeit nicht gering: »Mir gefällt es, mir die Welt, die ich geschaffen habe, als eine Art Schlussstein im Universum vorzustellen, so dass - mag der Schlussstein auch noch so klein sein - falls man ihn irgendwann entfernte, das Universum in sich zusammenstürzte. Mein letztes Buch [»Die Spitzbuben«] wird das Grundbuch, das Goldene Buch von Yoknapatawpha County sein. Dann werde ich den Stift zerbrechen und muss aufhören.«

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