Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust

Index
» Schreiberlust und dichterfrust
» Ja, mach nur einen Plan
» Je komplizierter die Handlung, umso wichtiger der Plan

Je komplizierter die Handlung, umso wichtiger der Plan



Ein Plan verhindert Unstimmigkeiten, besonders wenn der Autor das Schicksal einer Figur über viele Jahrzehnte beschreibt oder, wie es der Russe Leo Tolstoi tat, hunderte von Figuren in einem Roman auftreten lässt. Deshalb zeichnen Autoren Stammbäume, um die Verwandtschaftsverhältnisse und Generationen im Auge zu behalten. Von Emile Zola gibt es beispielsweise einen immer wieder korrigierten und aktualisierten Familienstammbaum zu seinem 20 Bände umfassenden Romanzyklus »Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem 2. Kaiserreich«, weil er das Schicksal der Familie über mehrere Generationen hinweg verfolgt. Wenn eine Figur stirbt, konnte er sie auf so einem Stammbaum einfach ausstreichen, genauso leicht konnte er veränderte Verwandtschaftsverhältnisse festhalten.

      Elizabeth George geht sogar so weit, wie du im Kapitel »Eigenwillige Figuren« lesen konntest, ein Dossier für jede der Hauptfiguren anzulegen, in dem alles Wichtige über sie steht. Will sie wissen, ob eine Figur einen Hochschulabschluss oder die Hauptschule besucht hat, schaut sie dort nach.
      Pläne haben darüber hinaus den Vorteil, alles deutlicher und sinnlicher zu machen, was besonders für realistisch schreibende Autoren sehr wichtig ist. Deshalb zeichnete Zola auch Pläne von Wohnungen und Häusern seiner Helden. So wusste er immer, von wo jemand kommen kann, wer neben wem wohnt und wer wen vielleicht hören kann, wenn er mit seiner Frau streitet. Marcel Proust verbrachte Monate, vielleicht Jahre damit, sich die Namen von Bahnstationen auszudenken und Streckenpläne aufzuzeichnen, auf denen er die klingenden Namen von Ortschaften eintrug, die sein Held durchfahren oder an die er sich erinnern soll.
      Je komplizierter die Handlung eines Buches ist, je mehr Figuren vorkommen, je mehr Verweise und Bezüge Autoren in ihnen anlegen, umso wichtiger werden Listen und Pläne.

     
Es geht beim Planen aber auch um Größenverhältnisse, um Rhythmus oder um die Verbindung der Teile eines Romans. Dabei gibt es recht abstrakte, sehr technisch wirkende Pläne wie diejenigen Heimito von Doderers , deren Größe und Genauigkeit allein schon beeindruckt: Da gibt es viele verschiedenfarbige Bögen, Groß- und Kleinbuchstaben, ein richtiges Koordinatensystem, Pfeile und allerlei Kommentare.
      Noch schöner sind Romanpläne von Günter Grass, denn er ist auch Zeichner, Bildhauer und Grafiker. Für seinen umfangreichen Roman »Die Rättin«, der 1984 erschien, schuf er ein richtiges Kunstwerk: den Romanplan als Rattenbau mit drei Ratten, verschiedenen Gängen, die teilweise zusammenhängen, und darin seine schriftlichen Planungsideen. Das Format des Plans ist etwa zwölfmal größer als das Format dieses Buches. Der Steindruck trägt den Titel »Die Rättin, Plan II«.

     
Du siehst an der Nummerierung, es bleibt oft nicht bei einem Plan. Neue Ideen kommen beim Schreiben und Nachdenken und sie machen neue Fassungen nötig. Schon bei seinem ersten Roman, »Die Blechtrommel«, der Grass weltberühmt machte und ihm später den Nobelpreis einbrachte, folgte ein Plan dem anderen. Grass erzählt: »Zwar weiß ich, dass ich mehrere Pläne, den gesamten epischen Stoff raffend, grafisch entworfen und mit Stichworten gefüllt habe, doch diese Pläne hoben sich auf und wurden, bei fortschreitender Arbeit, entwertet. Doch die Manuskripte der ersten und zweiten Fassung, schließlich der dritten, fütterten jenen Heizungsofen in meinem Arbeitsraum ...«

 Tags:
Je  komplizierter  Handlung,  umso  wichtiger  der  Plan    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com