Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Über Autoren als Verwandlungskünstler, über das Erzählen in Büchern und die seltsame Verführung durch das kleine Wort »ich« Wenn der Tag schon damit anfängt, dass du verschlafen hast, dass du dir di
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Karl Mays Verwechslung von Ich und »Ich«



Obwohl er sich seiner Ersatzfigur sehr nah fühlte, trat Goethe nie ernsthaft als Werther auf und spielte nur dann und wann mit der Rolle. Ein anderer ging da einige Schritte weiter. Es war der Abenteuerschriftsteller Karl May , der ganz besonders unter der Verwechslung seiner selbst mit seinen Helden litt, nachdem er jahrelang großen Gewinn daraus gezogen hatte.


     
Karl May hatte nach einer unseligen Zeit, in der er auf die schiefe Bahn geraten war und über sieben Jahre im Gefängnis verbracht hatte, zum Glück eine Stelle bei einer Zeitschrift gefunden. Zuerst schrieb er Artikel, dann auch Erzählungen, später kamen eine Art Heftchenromane hinzu, mit denen er mehr Geld verdiente. Parallel dazu begann er Reiseerzählungen und -romane zu verfassen, die nach einer Reihe von Jahren so viele Leser fanden, dass er ein wohlhabender Mann wurde mit Villa, Garten und Dienerschaft. Praktisch jeder, der Deutsch konnte, kannte die wichtigsten Helden in Karl Mays Büchern: Old Shatterhand, Winnetou, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar.
      Mit diesen Reiseerzählungen aber begannen die Probleme. Als May an ihnen arbeitete, hatte er, der lange Zeit nur sehr wenig Geld besaß, keinen blassen Schimmer vom Ausland. Um den Wilden Westen, China oder den Orient, Südamerika oder Schwarzafrika zu beschreiben, griff er zum Lexikon, zum Atlas und zu Expeditionsberichten von Forschern. Und weil er diese Informationen sehr geschickt in seine Bücher einfügte, glaubten tausende Leser, Karl May müsse selbst in den fernen Ländern gewesen sein. Sogar weit gereiste Expeditionsleiter bestätigten öffentlich, dass niemand, der nicht selbst dort gewesen sei, so exzellent über die exotischen Gegenden Bescheid wissen könne. Diese Aussagen beflügelten den Verkauf der Bücher und begründeten den Ruf Karl Mays als eines Forschers und Abenteurers, obwohl er doch nur mit dem Finger auf der Landkarte und mit den Augen in fremden Texten gereist war. Verständlicherweise tat er nichts, um diese gewinnbringende Meinung - in wenigen Jahren verkaufte er über eine Million Bücher -zu entkräften.
      May tat sogar allerlei, was die Ãoberzeugung der Leute noch bestärken sollte: Er schrieb seine Bücher zunehmend in der Ich-Form. Das war ihm zuerst wohl eher unbewusst unterlaufen, vielleicht wollte er auch nur abwechseln. Und doch bedeutete es sehr viel mehr als den Austausch des Wörtchens »er« durch »ich«. Man muss nur die folgenden Sätze aus »Winnetou I« lesen, wo Old Shatterhand einen Zweikampfbesteht:

»Bei diesen Worten riss ich ihm mit der Linken den Revolver aus der Hand und gab ihm mit der Rechten eine so gewaltige Ohrfeige, dass er wohl sechs bis acht Schritte weit fort und zur Erde flog. Er sprang auf, riss sein Messer heraus und kam, wie ein wütendes Tier brüllend, auf mich zugerannt. Ich parierte den Messerstich mit der linken Hand und schlug ihn mit der rechten Faust nieder, dass er zu meinen Füßen ohne Besinnung liegenblieb.«
Hätte er das in der Er-Form geschrieben, hätte es deutlich anders geklungen:
»Bei diesen Worten riss er ihm mit der Linken den Revolver aus der Hand und gab ihm mit der Rechten eine so gewaltige Ohrfeige, dass er wohl sechs bis acht Schritte weit fort und zur Erde flog. Er sprang auf, riss sein Messer heraus und kam, wie ein wütendes Tier brüllend, auf ihn zugerannt. Er parierte den Messerstich mit der linken Hand und schlug ihn mit der rechten Faust nieder, dass er zu seinen Füßen ohne Besinnung liegenblieb.«
Mit dem »Ich« hat der Erzähler die Szene tatsächlich erlebt. Das wirkt aber nicht nur für den Leser so, auch der Autor kann sich in den Helden noch tiefer hineinversetzen. Natürlich wusste Karl May, dass er nicht Old Shatterhand war. Aber es tat seinem Selbstwertgefühl offensichtlich gut, eine Art Superheld zu entwickeln und dessen Geschichte auf eine Weise zu erzählen, dass die Leser ihn mit May verwechseln konnten.
      Und was sind das für Ereignisse! Old Shatterhand reist durch die Vereinigten Staaten von Amerika, durch Südamerika, durch die Südsee, durch Afrika und den Nahen Osten. Dort nennt man ihn Kara Ben Nemsi. Ãoberall erweist er sich als großartiger Abenteurer. Er kann alle Sprachen und Dialekte. Er kann meisterhaft Spuren lesen und sich an Feinde anschleichen. Er kann traumhaft schießen, prima bügeln, reiten, Streitäxte werfen, ganz passabel Hosen nähen, schwimmen, Orgel spielen, rennen, ringen, boxen, Bier brauen und Schaumwein kochen. Dazu ist er ein talentierter Schauspieler, der immer wieder seine Gegner täuscht. Er ist mutig und ein barmherziger Mensch, der Armen und Kranken hilft und seine Freunde niemals im Stich lässt.

     
In praktisch allen Eigenschaften war dieser Supermann das glatte Gegenteil von Karl May. Das ist auch kein Wunder, denn Old Shatter-hand/Kara Ben Nemsi ist eine Wunschfigur. In ihrer Verkleidung konnte Karl May alles tun, was er in der Realität nicht konnte: In Wirklichkeit hatte er nie mit einem Gewehr geschossen, lernte nie reiten, konnte erst im höheren Alter weit reisen. Er war ja sogar im Gefängnis gewesen, weil er gestohlen und betrogen hatte. Im Buch aber waren die Betrügereien des Helden nicht strafbar, weil er sie für eine gute Sache einsetzte. Es musste für den Ex-Häftling May, der so oft mit der Polizei und den Gerichten zu tun gehabt hatte, eine Wonne sein, seinen Helden Kara Ben Nemsi Polizisten bestrafen und Richter beleidigen zu lassen und sie sogar selbst ins Gefängnis zu stecken. May war schüchtern, klein, schwach und unsicher. Old Shatterhand war mutig, groß, stark und selbstsicher.

     
Immer mehr verwischte Karl May die Unterschiede zwischen der Buchfigur und seiner Person. Einerseits wollte er seine Fans, die fest an seine Heldentaten glaubten, nicht enttäuschen, andererseits wollte er die Verehrung so tief wie möglich genießen. Am Anfang hatte er wohlnur einzelne Nachfragen zu seinen Büchern beantwortet und dabei so getan, als sei das Geschilderte wahr. Dann musste er immer mehr erklären, erzählen und ergänzen, so dass er sich schließlich heillos in seine Lügen verstrickte. Es war einfach zu schön, verführerisch und angenehm, als Held und tugendreicher Mensch zu gelten! May kannte bald kaum noch Grenzen. Er nannte sein prächtiges Haus in Dresden »Villa
Shatterhand« und begann, seine Briefe mit »Old Shatterhand« zu unterschreiben. Schließlich ließ er sich für Autogrammkarten fotografieren, auf denen er als Cowboy und als Orientreisender gekleidet war. Unter den Fotografien stand: »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand« .
      In den Büchern hatte May inzwischen auch die Ã"hnlichkeiten zwischen sich und seinen Helden verstärkt. Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi ist ein deutscher Schriftsteller, der seine Erlebnisse aufschreibt, um mit dem Geld dafür neue Reisen finanzieren zu können. Er heißt »Karl«, er kommt aus Sachsen, wohnt sogar in Dresden: alles genau wie Karl May. Jeder musste also denken, der Autor sei tatsächlich um die Welt gereist und habe alle Abenteuer bestanden, die er Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand erleben ließ. Und irgendwann hatte sich May so sehr in der Grauzone zwischen Wirklichkeit und Buchwirklichkeit verloren, dass er in Briefen schrieb: »Ich habe jene Länder wirklich besucht und spreche die Sprachen der betreffenden Völker.« Oder: Es »muss und wird jeder Fachmann aus meinen Werken ersehen, dass ich solche Studien unmöglich in der Studierstube gemacht haben kann. Die Gestalten, welche ich bringe haben gelebt oder leben noch und waren meine Freunde ...« Besonders be geisterten Lesern schickte Karl May Locken von Winnetou; die Haare stammten aus einem Pferdeschweif.
      Seine Fans glaubten ihm aufs Wort. Daran änderte sich auch nichts, wenn sie Karl May persönlich auf einer Lesung oder bei einem Vortrag trafen. Dabei maß er doch bloß 1,60 Meter und war offensichtlich nicht besonders muskulös. Wie sollte so ein Kerlchen Bären erlegen können und kräftige Männer mit einem Fausthieb niederschlagen? Wie sollte er die Standard-Heldenausrüstung, von der in seinen Abenteuerbüchern immer die Rede war, auch nur tragen können: den Henrystutzen, den schweren Bärentöter, zwei Revolver, ein Bowiemesser und ein langes Lasso?
Man kann sagen, Karl May war eine Zeit lang etwas verrückt, weil er Dinge behauptete, die offensichtlich nicht stimmen konnten. Aber waren die Menschen, die ihm die Angebereien glaubten, nicht verrückter? Zu hunderten kamen sie, wenn der berühmte Autor ihre Stadt besuchte. Zu tausenden schrieben sie ihm Fanbriefe. Zu hunderttausen-den kauften sie seine Bücher. Es gab Kinder darunter und Alte, Arme und Reiche, Katholiken und Protestanten, Handwerker und Königliche Hoheiten. Sie bewunderten und feierten ihn wie einen Popstar. Als er einmal in einem Münchner Hotel wohnte, erschien eine solche Verehrermenge, dass sie die Straße versperrte. Alle wollten den Helden Karl May sehen, der so viele Gefahren bestanden hatte, der Löwen, Bären, Tiger, Panther, Elefanten geschossen hatte, der klüger war als die meisten Gelehrten und scharfsinniger als jeder Detektiv. Niemand, nicht einmal die Straßenbahn konnte damals durchkommen. Schließlich musste die Feuerwehr die Menge seiner Verehrer mit dem Wasserschlauch auseinandertreiben.
      So verrückt waren die Menschen, dass May bald die unglaublichsten Dinge behaupten konnte. Und es waren kluge Erwachsene, es waren sogar Journalisten, die ihm ohne jeden Zweifel zuhörten. Sie hätten ihm unbedingt auf die Schliche kommen müssen, weil er doch zu schamlos log. Ein Reporter schrieb zum Beispiel über Karl May, er beherrsche 1200 Sprachen.
      Dass ihn auf einmal alle verehrten, muss für den ehemaligen Sträfling ein wahr gewordener wunderschöner Traum gewesen sein. Ein paar Jahre herrschte vollkommenes Glück. Doch dann, als man Karl

May schließlich doch auf die Schliche kam und ihn in Zeitungen als Betrüger beschimpfte, wandelte sich der Traum in einen Albtraum. Bitter holte ihn die Wirklichkeit ein. Die Leser, die ihm am meisten geglaubt und ihn am herzlichsten geliebt hatten, waren am tiefsten getroffen und beleidigt. Die ganze Ã-ffentlichkeit schien sich gegen ihn verschworen zu haben, und das in dem Moment, als er gerade zum ersten Mal wirklich den Orient bereiste. Kurz vor der Reise in den Nahen und Fernen Osten hatte er noch Reportern gegenüber behauptet, er besuche die Helden seiner Bücher. Als er unterwegs war, wurde zu Hause alles als Lüge bezeichnet. Karl May erlebte eine Katastrophe, aus der er zeitlebens nicht mehr herausfand. Weil er so lange gelogen hatte, weil er dem Publikum erzählt hatte, was es hören wollte, glaubte man ihm nun fast gar nichts mehr. Erst recht nicht, als er versuchte, sich herauszureden. May behauptete, er habe alles nur symbolisch gemeint. Er habe immer über sich selbst geschrieben, doch die Abenteuer und Reisen in seinen Büchern seien nicht wörtlich zu verstehen. Schließlich sei das Leben selbst ja ein Kampfund ein Abenteuer. Er habe seine eigenen Erlebnisse einfach eingekleidet, so wie man ein Kostüm anzieht. Genauso, erklärte er, verhalte es sich mit seiner Behauptung, er sei Old Shatter-hand oder Kara Ben Nemsi. Auch das gelte nur bildlich. Er habe seine Person aufgespalten in verschiedene Figuren, eben in Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und in Hadschi Halef Omar.
      Vielleicht wurden bei Hadschi Halef Omar einige Leser hellhörig und erkannten, dass nicht die großen Helden, sondern der kleine Aufschneider viel mehr Ã"hnlichkeiten mit Karl May hatte. Weil er aber nicht »ich« sagte, ließen sich die meisten Leser täuschen. Tatsächlich fällt auf, dass Karl May und Hadschi Halef Omar beide klein sind, beide oft und gern reden, beide sehr gern Geschichten und Lügenmärchen erfinden, beide sehr spendierfreudig sind, beide gern Rollen spielen und sich für jemand anderen ausgeben.
      Wie nah ihm diese Figur stand, wie sehr sie ihm selbst entsprach, zeigte sich, als Karl May im dritten Band des Reiseromans »Im Reich des Silbernen Löwen« den Tod von Hadschi Halef Omar beschloss. Er schrieb sich langsam zu der Stelle hin und bereitete im Text alles auf den Tod vor. Hadschi Halef Omar denkt an sein Sterben, er wird schwer krank und muss schließlich mit seinem Pferd einen überaus gefährlichen Sprung über eine tiefe Schlucht wagen. Kein Leser konnte bis zu diesem Punkt daran zweifeln, dass Hadschi Halef Omar sterben würde. Die Erwartung entsprach auch dem Plan von Karl May. Es gab keine Alternative. Was aber dann geschah, berichtet seine Frau, Klara May: »Einmal, während er am I

II.

Band seines >Silbernen Löwen< schrieb, klagte er mir händeringend: >Ich bringe es nicht übers Herz, meinen Hadschi Halef sterben zu lassen. Es geht über meine Kraft. Ich habe den kleinen Burschen zu lieb, ist er doch ein Teil meines eigenen Ich.

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