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Schreiberlust und dichterfrust

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Nichts Unfertiges aus der Hand geben



Paul Valery meinte: »Ein Werk wird nie beendet, nur aufgegeben.« Die Gründe, trotzdem aufzuhören, liegen für Valery außerhalb der Bücher und außerhalb des Autorenwillens. Er ist überzeugt, »dass ein Werk niemals anders als durch einen äußeren Anlass beendet wird wie Müdigkeit, Zufriedenheit, den Zwang abzuliefern oder den Tod; denn ein Werk ist auf Seiten dessen, der es herstellt, nur ein Zustand in einer Folge innerer Verwandlungen.«

Valery weiß, dass Vollendung in der Kunst nicht möglich ist. Autoren merken oft gegen Ende eines Werks, dass sie das Bestmögliche noch nicht erreicht haben. Hier fehlt noch etwas, da steht ein Ausdruck, der ungenau ist, oder die einzelnen Teile passen noch nicht ideal zueinander. Also feilen sie weiter an ihren Texten, als seien es Eisenteile, in einen Schraubstock gezwängt. Viele müssen dabei aufpassen, dass bei all dem Verdichten und Konzentrieren am Ende noch etwas übrig bleibt. Manche Schriftsteller haben die Angewohnheit, nachdem eine erste Fassung fertig ist, alles noch einmal zu schreiben und dabei zu verbessern, zu verändern, zu verdichten. Dann folgt eine dritte Niederschrift, dann eine vierte und immer so weiter. Bis das Kunstwerk in möglichst reiner Form vorliegt. In der Chemie nennt man so etwas »destillieren«.
      Gustave Flaubert nahm diesen Vorgang der Perfektionierung sehr genau: »Mögen eher die Vereinigten Staaten untergehen als ein Prinzip! Möge ich lieber wie ein Hund krepieren, als meinen Satz, der nicht reif ist, um eine Sekunde früher fertig machen.« Auf diese Weise arbeitete er an seinem Roman »Madame Bovary« ziemlich lange: Für etwa 400 Druckseiten brauchte Flaubert von September 1851 bis April 1856. Das entspricht etwa sieben Seiten pro Monat. Immerhin war er schließlich zufrieden genug, dass sein Roman erscheinen konnte. »Madame Bovary« wurde durch seinen Fleiß und sein Genie so gut, dass er heute zu den besten der Weltliteratur gezählt wird. Flaubert selbst - einmal Perfektionist, immer Perfektionist - erklärte später, das Werk sei fehlerhaft.

     
Andere dagegen kommen aus den Verbesserungen einfach nicht heraus. Malcolm Lowry schrieb seinen Trinker-Roman »Unter dem Vulkan« mindestens viermal vollkommen neu. Mehr als doppelt so lang wie Flaubert feilte Lowry an dem Buch: zehn Jahre! Manchmal überfielen ihn Schreibblockaden, doch meist arbeitete er unter Zweifeln, aber mit Eifer. Ständig erschien ihm etwas nicht mehr angemessen genug: Wörter, Sätze, Abschnitte, Kapitel, Strukturen, Namen. Bei Lowry verknüpften sich Schreibzwang, Perfektionismus und Angst vor dem Fertigwerden. Sein Verleger musste ihm die Blätter fast entreißen. Er war begeistert von dem Werk und wollte es gleich drucken, doch Lowry forderte bald dieses, bald jenes Kapitel zurück, um es zu verbessern. Als er schließlich tatsächlich dem Druck zugestimmt hatte und die von den Setzern zum Druck vorbereiteten Seiten bekam, um zu überprüfen, ob die vielleicht Fehler gemacht hätten, fing er wieder an, überall zu verändern. Hart kämpfte der Verleger, um das Buch endlich doch auf den Markt bringen zu können. Mehr erschien von Lowry zu Lebzeiten nicht.
     

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