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Die zwiespältigen Gefühle nach der Geburt



»Die Buchgeburt«, so sollte mein Buch ursprünglich einmal heißen, weil so viele die Entstehung eines Buches mit der Zeugung, dem Wachstum und dem Gebären eines Kindes vergleichen. Für das Ende einer Schriftstellerarbeit stimmt der Vergleich sehr oft: Geburt nach einer langen Zeit der Schwangerschaft. Sogar die widerstreitenden Gefühle ähneln sich: Freude, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Glück, Entfremdung, Zufriedenheit, Unglauben. Plötzlich, manchmal nach vielen Jahren, ist das Ziel erreicht.

      Virg inia Woolf ging es ganz wunderlich, als sie nach langem Kampf ihren Roman »Die Wellen« abgeschlossen hatte. 1931 schreibt sie in einem Brief: »In den wenigen Minuten, die bleiben, muss ich - dem

Himmel sei Dank - das Ende der Wellen melden. Vor fünfzehn Minuten habe ich die letzten beiden Worte niedergeschrieben - nachdem ich in einem derartigen Rausch durch die letzten zehn Seiten getaumelt bin, dass ich nur noch meiner eigenen Stimme nachzuwanken schien oder vielmehr irgendeiner Art von fremdem Sprecher ... Jedenfalls ist es geschafft und ich habe diese fünfzehn Minuten dagesessen in einem Zustand der Verzückung und inneren Ruhe; auch ein bisschen geweint... Wie körperlich man den Triumph und die Erleichterung empfindet! Ob gut oder schlecht, es ist geschafft; und wie ich gegen Ende fühlte, nicht nur fertig, sondern auch abgerundet und vollendet, was zu sagen war gesagt ...« Als einen Fischzug beschreibt Woolf dann die Suche nach literarischer Vollendung. Mit »Die Wellen« ging ihr wirklich ein dicker Fisch ins Netz und sie fühlte eine glückliche Erschöpfung.
      Georges Simenon dagegen beschlich oft als Erstes nach dem Ende ein ungutes Gefühl: »Heute Morgen Roman [»Betty«] abgeschlossen ... Sieben Tage äußerster Anspannung. Nichts erschien mir wichtiger. Heute Morgen, nachdem ich das Wort Ende geschrieben habe, kommt mir das alles sehr nichtig, fast absurd vor. Ich frage mich, warum die Leute in einigen Monaten Geld ausgeben sollen, um es zu lesen. Und ich fürchte den Augenblick, in dem ich mich an die Durchsicht machen muss. Das Drama, um so ein großes Wort zu gebrauchen, besteht vielleicht darin, dass ich zwischen zwei Romanen nicht daran glaube ... Seltsames Handwerk.« Immer wenn Georges Simenon seine eigenen Werke später als fertige Bücher im Regal stehen sah, wurden sie ihm sehr fremd.
      So geht es vielen Kollegen. Arno Schmidt, der über dieses Gefühl eine Abhandlung geschrieben hat, meinte, es liege daran, dass gute Autoren alles gäben, um ein Buch auf die Welt zu bringen. Sie opferten Herzblut, gingen bis an die Grenzen dessen, was sie aushalten könnten. Nach einer so auszehrenden Anstrengung trennten sie sich innerlich vollkommen von dem Werk. Es wieder zu lesen rufe zu viele schmerzliche Gedanken wach.
     
Ebenfalls keine Geburtsfreuden empfindet die amerikanische Nobelpreisträgerin Toni Morrison . Sie bedauert am Ende eines Romans, von den Figuren, von der Welt des Werks und von dem speziellen Schöpfungsgefühl Abschied nehmen zu müssen. Joseph Conrad beschrieb achtzig Jahre zuvor seine Gefühle nach dem Schlusspunkt in einem Brief noch etwas deprimierter: »Mit Trauer und Schmerz muss ich Sie über den heute Morgen um drei Uhr eingetretenen Tod von Herrn Kaspar Almayer informieren. Es ist vorbei! Ein Kratzen der Feder, die das letzte Wort schreibt, und plötzlich wird die ganze Gesellschaft von Menschen, die mir ins Ohr gesprochen, vor meinen Augen gestikuliert, so viele Jahre mit mir zusammen gelebt hat, zu einer Menge von Phantomen, die sich entfernen, verschwinden, sich auflösen.«

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