Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust

Index
» Schreiberlust und dichterfrust
» Eigenwillige Figuren
» Stil, das ist die Kunst, Worte richtig und schön zu setzen

Stil, das ist die Kunst, Worte richtig und schön zu setzen



Jetzt weiß der Autor schon so viel über seine Figuren, aber etwas ganz Grundlegendes fehlt noch: die Sprache. Und das gilt sogar für das ganze Buch, denn die Darbietungsweise und die Wörter müssen zu den Figuren und zur Geschichte passen - und natürlich zum Autor. Wie er seinen Stil findet, ob er überhaupt nur einen Stil oder immer neue Schreibarten verwendet, das ist von Schriftsteller zu Schriftsteller verschieden.

      Was aber heißt Stil eigentlich? Er setzt sich aus allen möglichen Einzelheiten zusammen: Formuliert man sehr lange oder sehr kurze Sätze, oder wechselt man ab? Wählt man ganz ungewöhnliche Wörter, bildet man sogar neue oder schreibt man eher, wie die Leute auf der Straße reden? Erklärt man hauptsächlich oder beschreibt man mehr oder deutet man nur an? Setzt man Ironie ein oder setzt man auf dramatische Ausbrüche, herrschen Ernst oder Pathos? Lässt man die Figuren selbst sprechen oder gibt man nur wieder, was sie sagen? Welche Haltung nimmt der Erzähler ein? Gibt es einen oder mehrere? Stimmt man die Worte nach dem Klang und die Sätze nach ihrem Rhythmus aufeinander ab oder reiht man sie unauffällig aneinander? Sucht man blumige Vergleiche, gewagte Metaphern oder zieht man eine technisch präzise Schreibweise vor?
Stil ist keineswegs etwas nur Ã"ußerliches. Die Thriller- und Krimiautorin Patricia Highsmith meinte, die Wahl des Stils gehöre zu den »entscheidenden Fragen«, die möglichst bald zu klären von großem Vorteil sei: »Schon früh in der Entwicklungsphase muss sich der Schreibende diese entscheidenden Fragen stellen: >Soll der Held am Ende als Sieger oder Besiegter dastehen?< Ferner: >Welche Atmosphäre soll vorherrschen - Komödie, Tragödie oder eine Mischung von bei-dem? Oder ist es eine Art glatter Berichterstattung von Ereignissen und Schicksalsschlägen, aus denen der Leser machen kann, was er will?< Auch die Prosa muss, genau wie eine konkret stattfindende Szene, Atmosphäre haben.«
Selbst Meister des Stils wie Gustave Flaubert kämpften mit dem Ausdruck und waren unzufrieden mit sich selbst: »Ich weiß, wie man es machen muss. O mein Gott, wenn ich den Stil schriebe, dessen Idee mir vorschwebt, was für ein Schriftsteller wäre ich!« Und dann stellt Flaubert sich sein Ideal eines Buches vor: »Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne äußere Bindung, das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast kein Sujet hätte, oder bei dem das Sujet zumindest fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.«
Der Autor braucht Zeit, um seinen Stil zu finden, er lernt oft von Kollegen der Vergangenheit und Gegenwart. Aber am Ende muss er sich entscheiden, was für ihn das Richtige ist. Für seine Figuren ist es besonders entscheidend, wie sie sprechen, denn es macht sie unverwechselbar und einzigartig. Man denke nur an das Telefonieren: Wenn ein Freund oder Verwandter anruft, weiß man gleich, wer es ist, weil man Stimme und Redeweise kennt. Schriftsteller benutzen manchmal ganz einfache Tricks, um Figuren zu charakterisieren. Sie geben ihnen einen Sprachfehler, einen Dialekt oder einen »Tick«. Der besteht zum Beispiel darin, dass sie immer wieder dasselbe Wort oder denselben Satz verwenden. Bei dem Abenteuerschriftsteller Karl May gibt es unzählige solcher Figuren. Der Fallensteller und Westmann Sam Hawkens sagt regelmäßig »Wenn ich mich nicht irre« und kichert danach »hihihihi«, der arabische Diener Selim sagt immer wieder »richtig, sehr richtig« und wackelt dabei mit dem Kopf. Auch Thomas Mann wendet den Trick gern an. In seinem Roman »Der Zauberberg« gibt es eine Frau Stöhr, die nicht sehr gebildet ist und doch gebildet sprechen möchte. Thomas Mann charakterisiert sie, indem sie immer wieder falsche Wörter verwendet, zum Beispiel »desinfiszieren« statt »desinfizieren«, »Fomulus« statt »Famulus« und Beethovens dritte Sinfonie nennt sie »Erotica« statt korrekt »Eroica«. Ihre Sprache ist im Grunde »gestöhrt«.
      Wenn ein Autor nicht besonders gut schreiben kann, erkennt man das besonders häufig am Dialog, also der wörtlichen Rede. Manchmalreden alle Figuren ähnlich daher oder sie reden »Papier«, das heißt, sie sprechen wie in einer schriftlichen Abhandlung, nicht wie im wirklichen Leben. Dann wirken sie nur künstlich und tot.
      »Jetzt reicht es aber!«

»Wie bitte? Wer spricht da? Was wollen Sie?«
»Ich bin die eigenwilligste der eigenwilligen Figuren. Und du hast offenbar vergessen, dass das Kapitel nach mir benannt ist. Wie lange soll ich denn noch auf meinen Auftritt warten? Meinst du, das macht Spaß?«
»Wieso duzen Sie mich eigentlich? ... Und außerdem ging es doch schon um eigenwillige Figuren.«
»Ausflüchte, dumme Ausflüchte. Und ich steh mir die Beine in den Bauch! Wenn das so weitergeht, fliege ich einfach zum Kisuaheli-Ler-nen auf's Dach.«

»Moment, bist du etwa Karlsson vom Dach?«
»Bist du etwa Karlsson vom Dach? Na, du bist ja ein siebengescheiter Blitzmerker. Klar bin ich das! Und du solltest jetzt mal flugs meine Geschichte erzählen! Denn ich bin ungeheuer eigenwillig ... Ãobrigens hast du mich auch gerade geduzt. Aber das stört ja keinen großen Geist.«
»Okay, dann fange ich an. Aber bitte, Karlsson, lass mich in Ruhe erzählen.«
»Geht in Ordnung! Sowieso! Genau! Ich setz mich seelenruhig hier aufs Regal.«
Puh, Verzeihung, lieber Leser, das hätte ich mir eigentlich denken können, gerade in diesem Kapitel und noch mehr bei Karlsson vom Dach...
      »Endlich geht's los!«

»Du hast versprochen, still...«
»Okay, okay, okay. Still wie 'ne Maus zu Haus.«
Also: Karlsson vom Dach hieß eigentlich »Herr Lilienstengel« und Astrid Lindgren hatte die Figur für »Land der Dämmerung« erfunden. Für ein weiteres Buch wollte sie die Figur noch einmal verwenden: »... doch ohne mich zu fragen, hatte er einfach seinen Charakter geändert. Und wie! Er war so selbstherrlich und eigenwillig geworden, dass man ihm kaum noch beikommen konnte! Er selbst war absolut der Meinung, er sei ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in den besten Jahren ... und darum musste er unbedingt anders heißen. Vollkommen anders! Warum aber gerade Karlsson vom Dach? Als kleines Mädchen hatte ich besonders gerne unsere kaputten Schuhe zum Schuster gebracht, denn dieser Schuster hatte an der Wand ein paar schauerliche Farbdrucke hängen, die mir unheimlich gut gefielen ... Er hieß Karlsson, und er wurde von allen Leuten Karlsson vom Fass genannt. Der Rhythmus dieses Namens muss in mir herumgespukt haben, als ich Herrn Lilienstengel umtaufen wollte. Er wurde zum Karlsson vom Dach, hatte jedoch mit dem redlichen Schustermeister gar nichts gemein.«
Und auf diese Weise entstand eine Figur, die zu Lindgrens merkwürdigsten ...
      »und schönsten und klügsten und weitbesten und ...« »Karlsson, ich danke dir für deine bescheidenen Einwürfe und denke, du solltest jetzt wirklich weiter auf dem Dach Kisuaheli üben.« »Pah! Dann sieh nur zu, wie du allein klarkommst!« Uff! Da fliegt er fort mit seinem Propeller auf dem Rücken! Wirklich eine eigenwillige Figur!

 Tags:
Stil,  das  Kunst,  Worte  richtig  schön  setzen    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com