Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Bestimmte Werke können nur von jungen Leuten geschrieben werden. Georges Simenon Niemand wird als Schriftsteller geboren, allerdings auch niemand als Ingenieurin oder Erzieher oder Pilotin. Es wäre s
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Schreiben spielen: Die Bronte-Geschwister



Man muss allerdings nur an Freunde und Verwandte denken, die unglaublich langweilige E-Mails schreiben oder beim Erzählen nicht auf den Punkt kommen. Oft weiß man auch schon vorher, was sie gleich sagen werden, und gähnt, bevor sie angefangen haben. Arthur Schopenhauer , der als erstklassiger Denker und Autor wusste, wovon er schrieb, meinte einmal, ein Autor, der die Leser gewinnen wolle, müsse entweder etwas ganz Unerhörtes, völlig Neues berichten oder etwas, das jeder kennt, so beschreiben, dass es vollkommen neu erscheine; nur das zweite sei wirklich eine Kunst.

      Kinder und Jugendliche haben fast nie etwas erlebt, das noch niemand kennt, auch wenn für sie selbst alles neu ist. Sie können auch oft noch nicht so gut schreiben, um etwas Altbekanntes auf ganz neue Weise zu schildern. Das sind wichtige Gründe dafür, dass sie als Autoren von Erwachsenen meist nicht ernst genommen werden. Was also tun, wenn man trotzdem sein literarisches Talent erproben will?
Vor etwa zweihundert Jahren fanden vier Geschwister eine einfache Lösung: Sie schrieben für sich selbst, ohne auf ein Publikum zu schielen, ja sogar im Geheimen, als ein Spiel. Mit Spielzeug fing alles an.
      Im Jahr 1826 bekommt der englische Pfarrerssohn Branwell Bronte eine Schachtel mit zwölf Holzsoldaten geschenkt. Die zwölf Soldaten kommen aus Leeds und haben eine Uniform an, die, wie Branwell später schreibt, »aus einer hohen Mütze mit verschiedenen hieroglyphenartigen Zeichen darauf besteht, deren Bedeutung heute unbekannt ist. Ihr Mantel, eher eine Jacke, glich dem der Matrosen; seine Farbe war ein helles Scharlachrot. Dazu trugen sie dünne Hosen von derselben Farbe ...« Branwell ist damals neun Jahre alt und lebt mit seinem Vater - die Mutter ist schon gestorben - und seinen drei Schwestern Charlotte , Emily und Anne in Yorkshire. Da die Geschwister keine rechten Spielkameraden haben, denken sie sich etwas aus: eine eigene Welt. Und die zwölf Holzsoldaten sind ihre Helden. Jeder bekommt einen Namen und einen Charakter. Zusammenerleben sie in den Fantasiereichen Angria und Gondal und in der Stadt Glass Town, die sich die Kinder ausgedacht und an der Westküste Afrikas angesiedelt haben, gefährliche Abenteuer. Die Holzsoldaten kämpfen mit wilden Tieren und bösen Angreifern, sie gründen Städte und erforschen fremde Gegenden. Manchmal, wenn es gar zu brenzlig für die Soldaten wird, greifen unerwartet allmächtige Schutzgeister in die Handlung ein und retten ihre Lieblinge. Die Schutzgeister der Brontes heißen Tallii, Brannii, Emmii und Annii. Keine Frage, wer eigentlich dahintersteckt! Es reicht den Geschwistern nicht, sich Geschichten auszudenken, sie zeichnen auch Karten, schreiben Angrias und Gondais Geschichte auf, schildern deren Verwaltung und Regierungsform, ja, geben sogar eine Zeitung ihres Fantasiereichs heraus, in der Neuigkeiten, Anzeigen und Klatsch stehen. Das alles halten sie mit winziger Schrift in Dutzenden von Heftchen - meist nur in der Größe von drei mal fünf Zentimeter - fest, die sie mit einem Einband aus Tapete versehen. Einerseits sollten die Büchlein ja zu den Maßen der kleinen Holzsoldaten passen, andererseits konnte man sie leicht verstecken.
      Leider gingen viele der Büchlein verloren, doch an den übrigen kann man erkennen, was für eine wundervolle Fantasie die vier hatten.

     
Wie kamen die Brontes, die ganz einsam im Pfarrhaus und praktisch ohne Spielkameraden lebten, nur auf all diese Ideen? Schließlich gab es kein Kino, kein Radio, kein Fernsehen, keine Computerspiele, keine Mangas. Nun, der Vater erlaubte den Kindern zu lesen, was sie wollten - und sie lasen alles! Noch dazu alles durcheinander: Erzählungen, Religionsbücher, Dramen, Reisebeschreibungen, die Bibel, Modemagazine, Zeitungen und Zeitschriften. Am wichtigsten war »Blackwood's Magazine«, denn dort veröffentlichten Afrikaforscher ihre Reiseberichte. Von dort stammten denn auch zahlreiche Ereignisse und Namen, die von den Bronte-Geschwistern ausgeschmückt, verändert und in ihre Zauberwelt eingebaut wurden.
      Dass sie den größten Teil ihrer kindlichen Freizeit mit dem Erfinden und Schreiben von Geschichten verbrachten, heißt nun nicht, dass sie alle von Beruf Schriftsteller wurden. Das Autorendasein war damals, besonders für Frauen, ziemlich schwierig. Gleichwohl gelang es Anne, Emily und Charlotte, wenn auch teilweise unter männlichen Pseudonymen und neben ihren Haupttätigkeiten, Gedichte und Romane zu veröffentlichen. Sie werden noch heute gelesen. Der arme Branwell dagegen kam - ob als Angestellter, Maler, Unternehmer oder Literat - später nie auf einen grünen Zweig, er trank, nahm Opium und starb schon mit 31 Jahren.

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