Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Bestimmte Werke können nur von jungen Leuten geschrieben werden. Georges Simenon Niemand wird als Schriftsteller geboren, allerdings auch niemand als Ingenieurin oder Erzieher oder Pilotin. Es wäre s
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Ein Mädchen und die streikende Tod



Weil wir alle träumen, sind wir in gewisser Weise alle Dichter. Was für merkwürdige, wilde, schöne, erschreckende, unverständliche Dinge geschehen da im Schlaf! Wie stark empfindet man die Träume, wie lange gehen sie einem nach! Und fast immer gelingt es uns nicht, sie richtig aufzuschreiben oder jemandem in der Art zu erzählen, dass sie genauso anschaulich wirken, wie wir sie geträumt haben. Manche Menschen wollen Träume rasch abschütteln, weil sie sonst zu sehr vom Alltag abgehalten werden, andere sehnen sich nach ihnen, weil im Reich der Träume fast alles möglich ist.

      Die sehr junge französische Autorin Flavia Bujor entschied sich für das Zweite; sie wies dem Traum eine besondere Rolle in der Wirklichkeit zu: »Ich habe niemandem Lektionen zu erteilen, aber ich glaube, dass Träume uns retten können - wenn man an sie glaubt.« Dieser Satz ist die Botschaft ihres Romans »Das Orakel von Oonagh«, den sie mit zwölf Jahren schrieb. Zwei Jahre später hat sie mit ihm, der in 16 Sprachen übersetzt wurde, zigtausende Menschen erreicht. Die Geschichte dieses internationalen Erfolgs wirkt traumhaft. Traumhaft verläuft auch die Handlung - ein todkrankes Mädchen von heute träumt sie. Vor dem Leser breitet sich also ein Traumreich aus, in dem drei 14-jährige Mädchen gegen das Böse kämpfen müssen. Auf ihrem Weg begegnen sie Monstern, Gefahren und dem Tod. Der ist aber kein Er, sondern eine Sie, ein kleines Mädchen mit wenig Selbstbewusstsein, das trotzig streikt, weil niemand es liebt, jeder es fürchtet.
      Wie gelang es Flavia Bujor, sich diesen Roman voller Geschichten und voller Geschehnisse auszudenken, ohne viel erlebt zu haben? Wiefand sie die Zeit, neben der Schule, in der sie sehr gut war, neben Klavierunterricht und Treffen mit den Freundinnen über 300 Seiten zu schreiben? Einerseits hatte sie die kluge Idee, Fortsetzungen zu verfassen, so musste sie nur jeweils wenige Seiten am Stück schreiben. Die Kapitel gab sie erst einem Freund der Eltern zu lesen und verteilte dieverbesserten Texte dann nach und nach an ihre Schulkameradinnen. Andererseits ließ sie sich von dem anregen, was sie gelesen hatte. »Das Orakel von Oonagh« erinnert oft an andere Bücher, die in Fantasiereichen spielen, an John R. R. Tolkiens »Der Herr der Ringe«, an Michael Endes »Die unendliche Geschichte« und an Joanne K. Rowlings »Harry Potter«. Einzelne Szenen kommen sogar ähnlich in dem Film »Star Wars« von George Lucas vor. Flavia Bujor kennt den Film, hat die drei literarischen Werke gelesen und dazu zahlreiche andere Bücher, hauptsächlich
Märchen, die sie bereits als ganz kleines Mädchen von ihren Eltern hörte. Schon bevor sie schreiben konnte, dachte sie sich selbst Märchen aus und schrieb später eigene Geschichten. Die Märchen und die Fantasy-Literatur gaben ihr Modelle und Muster vor, wie man Geschichten erzählen könnte, und regten ihre Vorstellungsgabe an. Indem sie sich an ihnen orientierte, vermochte sie, ihre Fantasien und Träume in geordnete Bahnen zu lenken. Schließlich verknüpfte sie das Fantastische noch mit der heutigen Realität, mit ihrer eigenen Welt, indem sie das todkranke Mädchen träumen lässt.
      Die Zeitungen in Frankreich und im Ausland beurteilten Bujors Roman meistens sehr positiv, wobei sie aber immer wieder eine Einschränkung machten: Für eine 14-Jährige sei das erstaunlich. Von einer Dreißigjährigen hätte man so etwas nicht gelesen oder jedenfalls mitweniger Spaß. Das Buch sei also nur lesenswert, weil es von einer so jungen Autorin stamme. Ob das stimmt, kann jeder Lesende selbst entscheiden. Es stimmt aber auf jeden Fall, dass wir ein Buch anders wahrnehmen, wenn wir etwas vom Autor oder der Autorin wissen. Obwohl sich ja an den Wörtern nichts ändert.
     

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