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Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
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Wem gehört das Leben?



Weil Hemingway so viel veränderte, weil er so viele eigene Erlebnisse in die Geschichte verwob, sie so mit eigenen Gedanken anreicherte und so kunstvoll darbot, eignete er sie sich vollkommen an. Anselmo Hernandez hätte deshalb vor Gericht vergeblich geklagt, hätte er behauptet, jemand habe ihm seine Geschichte gestohlen. Anders sieht es aus, wenn eine Autorin so über ihren ehemaligen Mann schreibt, ein Autor so über seine Kollegen, dass man sie klar wiedererkennen kann. Wenn sie als komische Figuren, als dumm, unanständig, brutal oder gar verbrecherisch dargestellt werden, wenn ihre Geheimnisse ausgeplaudert werden, dann kann ein Gericht durchaus die Verleger solcher Bücher wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte verurteilen, selbst wenn dort niemand mit Namen genannt wird.

      Natürlich könnte man nun mit gutem Recht die künstlerische Freiheit verteidigen und wie Thomas Mann behaupten: »Wenn ich aus einer Sache einen Satz gemacht habe, was hat der Satz noch mit der Sache zu tun?« Er verteidigte hier sich selbst, hatte man ihm doch vorgeworfen, in dem Roman »Die Buddenbrooks« seine ganzen Familiengeheimnisse offenbart und einige Bürger seiner Geburtsstadt Lübeck lächerlich gemacht zu haben. Thomas Mann widerspricht dem nicht vollkommen. Aber er bleibt bei seiner Meinung: Als Künstler sei Welt, Geschichte, Menschenschicksal für ihn nur ein Ã"ußerliches. Seine Aufgabe sei es, das alles in Kunst zu verwandeln: »Wie aber kann ich mein ganzes Selbst preisgeben, ohne zugleich die Welt preiszugeben, die meine Vorstellung ist? Meine Vorstellung, mein Erlebnis, mein Traum, mein Schmerz? Nicht von euch ist die Rede, gar niemals, seid des nun getröstet, sondern von mir, von mir ...«
Wenn es um Sachen geht, ist das Problem nicht so groß, aber bei Menschen? Darf man alles beschreiben, was man mit Freunden, Gc liebten, Fremden erlebt? Wann wird Kunst zur Beleidigung oder zum Fall für die Gerichte? Thomas Mann hat sich die Frage selbst gestellt. Was, wenn er selbst von einem Kollegen als Figur in einem Kunstwerkverwendet würde und darin als Schurke erschiene? Er behauptet, es komme auf die Kunst an und auf den Ernst des Künstlers. Wenn beides unstreitig sei, dann werde er sich - überrascht zwar - damit abfinden.
      Eine richtige, eine klare Antwort auf die Frage kenne ich nicht. Ich habe Mitleid mit jemandem, der in einem Buch gegen seinen Willen vorkommt, sich falsch dargestellt oder verleumdet fühlt. Ich habe Mitleid mit einem Künstler, der vor Gericht gezerrt wird, weil irgendjemand sich in seinem Buch wiedererkannt zu haben glaubt. Ich schätze künstlerische Freiheit wie auch Wahrheitsliebe. Ich schätze die Freiheit des Einzelnen, darüber zu bestimmen, wer etwas über ihn erfahren soll. Sehr berühmte Werke der Weltliteratur wie Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« oder »Ulysses« von James Joyce oder Sylvia Plaths »Glasglocke« beschreiben Figuren aus dem Umfeld des Autors oder der Autorin. Ist das also jedem Dichter erlaubt? Entscheiden müssen im Streitfall die Richter. Leicht haben sie es nicht.
     

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