Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
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Kunst kommt von Kunst



Die Musik, die Literatur, die Malerei, sie alle kennen ja die Variation von Themen, das Zitat, die Weiterführung von Gedanken, die ein Vorgänger entwickelt hat. Die Kunst insgesamt gleicht darin einem unendlichen Teppich, an dem immerzu fortgewebt wird. Da nimmt jemand ein vorgegebenes Muster auf und ändert es nach eigenem Geschmack, ein anderer will etwas ganz Neues entwerfen, doch auch er webt am Teppich weiter und bezieht sich fast unausweichlich auf das, was andere Künstler geschaffen haben. Viele alte Bücher, Geschichten und Figuren sind außerdem so eindrucksvoll, so lebendig oder so sinnreich, dass sich Künstler in jeder Generation neu von ihnen angezogen fühlen. Die Bibel gehört dazu, die griechischen und römischen Götter- und Heldensagen, die Rittergeschichten um König Artus. Das tragische Liebespaar Romeo und Julia inspirierte sicherlich schon hunderte von Erzählungen, Romanen, Gedichten, Kompositionen, Filmen oder Gemälden. Die Sage von Doktor Faust, dem die Wissenschaft aus Büchern nicht mehr genügt und der deshalb einen Vertrag mit dem Teufel schließt, regte schon im 16. Jahrhundert Christopher Marlowe an, im 18./19. Johann Wolfgang Goethe und nach ihm immer weitere Künstler, bis heute.

      Natürlich bringt es Vorteile, über einen Stoff zu schreiben, der schon berühmt ist oder den berühmte Vorgänger behandelt haben. Man hat Beispiele, wie man sein Werk gestalten könnte. Man kann ihre Art ins Gegenteil verkehren, sich von ihnen absetzen oder einiges von ihnen übernehmen. Man erregt vielleicht allein schon mit der Wahl des Stoffes Aufsehen. Die Nachteile liegen auch auf der Hand: Man muss sich mehr anstrengen, dem Stoff etwas Neues abzugewinnen, und gerät in Gefahr, gegenüber den Meistern der Vergangenheit abzufallen oder als ideenarm und unoriginell zu gelten.
      Gleichwohl suchen Schriftsteller oft die Auseinandersetzung oder die Konkurrenz. Manchmal fühlen sie sich auch unzufrieden mit dem Buch eines Vorgängers, es fehlt ihnen etwas darin, und so schreiben sie es um oder weiter. Jules Verne dachte sich beispielsweise zu Edgar Allan Poes fantastischer See- und Gruselgeschichte »Die Erzählung des Arthur Gordon Pym aus Nantucket« eine Fortsetzung aus, die er mit dem Titel »Die Eissphinx« versah. Günter Grass baute in seinen Roman »Ein weites Feld« über die Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung die Titelfigur seines Kollegen Hans Joachim Schädlich aus dessen Roman »Tall-hover« ein. Immerhin fragte Grass um Erlaubnis und drehte den Namen in »Hoftaller« um.

     
Es gibt noch mehr Vorteile, seinen Stoff aus der Literatur zu nehmen. Wer an den Geschichten über den griechischen Kriegs- und Seehelden, den listenreichen Odysseus, weiter schreibt, besitzt schon einmal eine Figur, die sehr berühmt ist. Dazu gibt es so eine Menge von Abenteuern, die Odysseus erlebt, dass man genügend Anregungen für Nacherzählungen, Varianten und Fortführungen hat.
      Auf die Bedeutung der Literatur für die Entstehung von Literatur werde ich noch öfter zurückkommen. Hier ist nur wichtig, dass alle Bücher, die je entstanden sind, mit all ihren Figuren und Geschichten zu unserer Welt gehören und deshalb - genau wie Revolutionen, Erdbeben oder Kindergärten - von Autoren als Stoff für ihre Bücher verwendet werden können. Geistiger Diebstahl wird es erst, wenn zu wenig Eigenes dazukommt, wenn seitenweise nacherzählt und gar abgeschrieben wird.
      Oft kommt es auch vor, dass sich verschiedene Kunstformen gegenseitig befruchten: Modest Mussorgskij komponierte seine Klavierstücke »Bilder einer Ausstellung«, die von Aquarellen und Zeichnungen seines Freundes

V.

Hartmann angeregt wurden, Nikolai Rimskij-Korsakow wählte Märchen aus »Tausendundeiner Nacht« als Thema für seine Komposition »Scheherazade«. Maler reizte es oft, Figuren oder Szenen aus Büchern zu malen, und umgekehrt beeindruckten Szenen auf Gemälden immer wieder Schriftsteller so stark, dass sie einen Text dazu verfassten. Ein besonders berühmter Fall trug sich im Winter 1801/1802 in der Schweiz zu.
     

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