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Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
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Findeglück und Fälschung



In diesem Haushalt wächst Thomas Chatterton auf. Die ersten Lebensjahre hält man ihn für einen sehr dummen Jungen, aber mit sechs Jahren fallen ihm Pergamentblätter auf, mit denen die Mutter den Ofen anschürt. Die farbigen Bilder auf einigen der Blätter wecken sein Interesse und offensichtlich auch seinen Geist. Innerhalb eines Jahres holt er seine Altersgenossen an Wissen ein, ja, er überholt sie sogar. Seit er acht ist, sperrt er sich stundenlang in eine Rumpelkammer ein, um sich in Büchern zu verlieren. Von Rittern liest er gern, von Burgen, von Wappen und bald kennt er sich in den alten Zeiten besser aus als in seiner eigenen. Mit zehn schreibt er sein erstes Gedicht und ist ein hervorragender Schüler. 1764 wohl fängt er an, alle alten Pergamentstückchen im Haus zusammenzusuchen. Angeblich soll er einen Teil der Mutter weggenommen und nach dem Lesen ausgerufen haben: »Ich habe einen Schatz gefunden!« In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Papiere, Bücher und Pergamente. Die meisten sind gar nicht so interessant: Es sind Urkunden, Verträge, Stammbäume, alte Kirchenschriften. Aber Chatterton kann sich mit ihrer Hilfe in die Zeiten des Mittelalters zurückversetzen. Er studiert mit allem Fleiß die alte Schrift, er lernt die alten Wörter. So gut versteht er sich bald auf die Dokumente, dass er in ihrem Stil eigene Texte ver-fasst und sie auf freie Flächen der Pergamente schreibt, oft sind es Gedichte und Lieder. Erwachsene, denen er seine Werke zeigt, glauben tatsächlich, sie stammten aus grauer Vorzeit.

      Chatterton ermutigt das so sehr, dass er sich immer neue Gedichte und Legenden in alter Schreibweise ausdenkt, die ab und zu sogar in der Zeitung veröffentlicht werden; dazu Wappen und Stammbäume von adligen Geschlechtern. Er erfindet auch noch verschiedene Dichter der Vorzeit, die all das verfasst haben sollen. Da gibt es den Mönch Thomas Rowley, der Gedichte und Balladen geschrieben, oder einen John de Bergham, der 1320 die »Romaunte of the Cnyghte« verfasst haben soll. Obwohl manche seiner Betrügereien entlarvt werden, gelingt es ihm, die meisten Menschen zu täuschen, zuweilen sogar Experten für mittelalterliche Texte. Ohne Zweifel handelt Chatterton wie ein Betrüger, selbst wenn er die Leute nur wenig schädigt.
      Obwohl er sehr fleißig arbeitet und sehr sparsam lebt, reicht das Geld nicht zum Überleben. Wenn er doch einmal etwas mit Artikeln oder Gedichten verdient, schickt er Geschenke nach Hause, um zu beweisen, dass er es geschafft hat. Doch so etwas bleibt die Ausnahme. Die Zeitungen zahlen schlecht und spät, die Aufträge sind selten. Chatterton muss hungern, er verbirgt, so gut es geht, seine Not und lehnt sogar Einladungen zum Essen ab. Am 25. August 1770 sieht er keinen Ausweg mehr, nimmt Gift und stirbt. Als man seine Zimmertür aufbricht, findet man den 18-Jährigen inmitten seiner in tausend Stücke zerrissenen Schriften. Einige Zeit nach dem Tod sammelt man seine «gefälschten« Dichtungen und veröffentlicht sie nun unter Chattertons Namen - mit größtem Erfolg. Bedeutende Schriftsteller erklären ihn zum ebenbürtigen Kollegen. Zu spät.
     

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