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Schreiberlust und dichterfrust
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» Ein Psychologe seiner selbst: Karl Philipp Moritz und sein »Anton Reiser«

Ein Psychologe seiner selbst: Karl Philipp Moritz und sein »Anton Reiser«



Sehr eindrucksvoll, vielleicht unerreichbar, tut dies Karl Philipp Moritz in seinem Werk »Anton Reiser. Ein psychologischer Roman«. Hier beschreibt er die Kindheit und Jugend von Anton Reiser. Eine ganze Menge von dem, was der Held erlebt, stimmt mit dem überein, was Moritz selbst erlebt hat. Und doch wird es im Buch etwas vollkommen anderes. Ein Erzähler berichtet nämlich von Antons Erlebnissen oder Lebensumständen und deutet sie gleichzeitig.

      Anton wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, seine Eltern streiten die ganze Zeit und schimpfen mit ihm bei jeder Gelegenheit. Der Erzähler erklärt nun, dass Anton, weil er nur extrem wenig Liebe und Lob bekommt und nur alte, geflickte und schlechte Kleidung anhat, sich selbst immer mehr verachtet, sich nicht traut, Gleichaltrige auch nur anzusprechen, und dadurch innerlich abstumpft. Nie vorher und selten danach hat ein Autor die Entwicklung eines Menschen unter wechselnden Umständen so klar und so bis in die feinsten Regungen hinein beschrieben und erklärt. Obwohl das Buch schon über zweihundert Jahre alt ist, wirkt es, bis auf wenige Seiten hie und da, sehr aktuell. Viele Leser von heute finden ihre Gefühle in dem Roman wieder und verstehen sich selbst hinterher besser. »Anton Reiser« erzählt nämlich nicht nur eine traurige Geschichte über einen jungen Menschen, der durch Eltern, Lehrer, Arbeitgeber und die Lebensumstände beinahe zerstört wird, der im Lesen als Sucht und im Schreiben als Krankheit Entlastung findet. Indem er seine Lebenserfahrungen in einen »psychologischen Roman« eingehen lässt und darin verwandelt, hilft Karl Philipp Moritz, »die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.«
Moritz erklärt damit, warum sich Menschen so sehr für Bücher über das Schicksal anderer Menschen interessieren: Wenn sie lesen, wie ernst jemand sein Leben bis in die Einzelheiten hinein nimmt, beginnen sie auch, sich selbst und ihre eigene Geschichte ernster zu nehmen.

     
Deshalb kreisen Dichter quasi im Dienst des Lesers um sich selbst. Gerade ihre Konzentration auf die eigene Person, ihre Selbstbezogenheit, führt zu überzeugenden Büchern. Die Partner der Autoren leiden trotzdem nicht selten darunter.
     

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Ein  Psychologe  seiner  selbst:  Karl  Philipp  Moritz  sein  »Anton  Reiser«    





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