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Schreiberlust und dichterfrust
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Ein Fischer im Netz der Weltliteratur: Hemingways »Der alte Mann und das Meer«



Die besondere Aufmerksamkeit der Autoren beschränkt sich nicht nur auf das eigene Leben. Sie nehmen die Welt um sich herum und die Menschen darin oft sehr genau wahr. Das eine wie das andere steckt voller Geschichten. Bei Ernest Hemingway verlief die Stoffsuche oft sehr glücklich. Er fand das Sujet für seine Bücher in seinem abenteuerlichen Dasein als Reporter, Kriegsberichterstatter, Großwildjäger, Hochseefischer, andererseits in Erzählungen und Charakteren der Menschen, mit denen er zusammentraf.

      Man könnte sagen: Er beutete gnadenlos alle in seiner Umgebung als Stoff für seine Bücher aus. Manche beklagten sich darüber, andere machte es stolz, in die Weltliteratur eingegangen zu sein. Wie den kubanischen Fischer Anselmo Hernandez, der am 21. Oktober 1965 über das Meer nach Key West in die USA geflüchtet war. Er erzählte, er sei der Held aus Hemingways Buch »Der alte Mann und das Meer« . Hemingway habe ihm vor dem Krieg schon versprochen, einen Roman über ihn zu schreiben. Die Witwe des Schriftstellers widersprach ihm zwar heftig: Er sei nicht der erste Fischer, der das behaupte. Ein Literaturwissenschaftler fand jedoch ein Foto von den Dreharbeiten zu dem Spielfilm »Der alte Mann und das Meer« , auf dem Hemingway, der Hauptdarsteller Spencer Tracy und eben Anselmo Hernandez zu sehen sind. Es liegt auf der Hand, dass Hemingway als literarischer Ratgeber und Hernandez als Fachmann fürs Fischen und seine Geschichte bei den Dreharbeiten anwesend waren.
      Dass Mary Hemingway jeden Anschein vermeiden wollte, ihr Mann habe die Handlung von »Der alte Mann und das Meer« nicht erfunden, sondern übernommen, war ganz überflüssig. Eine Geschichte ist schließlich nur so gut, wie sie erzählt wird. Von wem sie stammt, interessiert höchstens Literaturwissenschaftler, Historiker und ganz selten Rechtsanwälte. Hemingway selbst kannte die Geschichte offensichtlich schon seit 1936, denn damals hatte er in einer Reportage kurz beschrieben, worum es im Buch geht:
»Ein alter Mann fischt alleine in seinem Boot und bekommt einen Marlin [er ähnelt dem Schwertfisch, ist aber größer] an den Haken, der ihn und das Boot an der Leine weit in die See zieht. Zwei Tage später nehmen einige Fischer den alten Mann 60 Meilen weiter östlich auf, der Kopf und der vordere Teil des Marlins sind noch am Boot festgezurrt. Das, was vom Fisch übrig geblieben war, weniger als die Hälfte, wog 350 kg [hier flunkert Hemingway oder der Fischer, denn das wäre doppelt so viel, wie die größten Exemplare wiegen]. Der alte Mann hatte mit ihm einen Tag, eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht ausgehalten, während der Fisch tief schwamm und das Boot zog. Als er hochkam, hatte der alte Mann das Boot an ihn herangezogen und ihn harpuniert. Die Haie hatten den längsseits festgezurrten Fisch angegriffen und der alte Mann hatte sie ganz allein im Golfstrom in seinem kleinen Boot bekämpft, hatte sie geschlagen, nach ihnen mit der Harpune gestoßen, auf sie mit dem Ruder eingedroschen, bis er erschöpft war und die Haie so viel, wie sie bei sich behalten konnten, gefressen hatten. Er weinte in seinem Boot, als die Fischer ihn aufnahmen, halb verrückt über seinen Verlust, und immer noch kreisten die Haie um das Boot.«
Ob der Fischer dieses Abenteuer tatsächlich erlebt hat, ob er es Hemingway damals erzählte, spielt für das Buch »Der alte Mann und das Meer« keine große Rolle. Nach fast zwanzig Jahren konnte sich der Autor sicherlich nur noch an die ungefähren Daten erinnern. Alles andere musste er sich ausdenken. Der Fischer in Hemingways Buch ist denn auch ein typischer Hemingway-Held, das Buch ist ein typisches Hemingway-Buch. Es tummeln sich darin lauter Themen, die er schon so lange umkreiste, wie die Haie das Boot des Fischers: das Alleinsein, das Fischen, die Vergeblichkeit, die Weigerung, eine Niederlage hinzunehmen, die Fähigkeit, Leiden auszuhalten, schließlich: auf eine unerwartete Weise gewinnen, obwohl man offensichtlich verloren hat, und der Kampf am Abgrund des Todes. Ein Wahlspruch Hemingways lautet: »Ein Mann kann zerstört, aber nicht besiegt werden.«

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