Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
Index
» Schreiberlust und dichterfrust
» Die Karte der »Schatzinsel«
» Ein Bild als Auslöser für einen Dichterwettbewerb

Ein Bild als Auslöser für einen Dichterwettbewerb



Bei dem Schweizer Schriftsteller Heinrich Zschokke waren drei Autoren zu Gast: Ludwig Wieland, Heinrich Geßner und Heinrich von Kleist. Aus einer fröhlichen Stimmung heraus kamen die vier Kollegen auf die Idee eines »poetischen Wettkampfs«. Zschokke erzählt später, wie es dazu kam: »In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich >La cruche cassee< [Der zerbrochene Krug]. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolikakruge und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe zu einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden. Kleists Zerbrochener Krug hat den Preis davongetragen.« Den vierten im Bunde, Heinrich Geßner, hat Zschokke vergessen. Der war schlau und faul zugleich. Er erinnerte sich nämlich, dass schon sein Vater ein Gedicht geschrieben hatte, das auch »Der zerbrochene Krug« hieß. Das überarbeitete er einfach im Februar 1802. Die heitere Laune, ein reizvolles Bild und Wettkampf-Geist versorgten also in diesem Fall die Dichter mit einem Stoff für ihre Werke.

      Wirklich berühmt wurde allerdings nur das spannende Lustspiel von Kleist , das noch heute oft aufgeführt wird. Ein Richter ermittelt darin gegen sich selbst, was nur er weiß, weshalb er dauernd,aber vergeblich versucht, die Schuld auf andere zu lenken und den Pro-zess zu beenden. Doch je länger das Verfahren dauert, umso tiefer reitet er sich selbst hinein, bis er am Schluss fliehen muss. Welche Geschichte hinter der Szene auf dem Bild steckte, beschrieb Heinrich von Kleist in der Vorrede zu seinem Drama. Wenn man den Kupferstich genau ansieht, merkt man, wo sich Kleist falsch erinnert oder nicht richtig hinsieht: »Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich ein historisches Factum, worüber ich jedoch keine nähere Auskunft habe auffinden können, zum Grunde. Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich, den ich vor mehreren Jahren in der Schweiz sah. Man bemerkte darauf eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren, zu demonstrieren: Beklagter, ein junger Bauernkerl, den der Richter, als überwiesen [überführt], andonnerte, vertheidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte , spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze; wer ein falsches Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter dastehen: und der Gerichtsschreiber sah jetzt den Richter mißtrauisch zur Seite an ... Darunter stand: der zerbrochene Krug. - Das Original war, wenn ich nicht irre, von einem niederländischen Meister.«
Und? Die Fehler gefunden? Der Richter sitzt ganz ruhig da, schreit gar nicht. Der Schreiber sieht einfach geradeaus zur Alten. Der Titel ist französisch und hieß nicht nur »Der zerbrochene Krug«, sondern auch noch »Le Juge« [Der Richter]. Alle anderen Personen, die noch zu sehen sind, erwähnt Kleist gar nicht. Aber es kommt bei Literatur ja nicht immer darauf an, alles genau zu beachten. Wichtiger als die exakte Beschreibung ist, dass Kleist in dem Bild eine ganze verwickelte Geschichte sah, deren Gewirr er in seinem Lustspiel auflöste. Wenn einem nichts einfallen sollte, ist das Verfahren übrigens sehr empfehlenswert: einfach irgendein Bild suchen, das geheimnisvoll oder spannend wirkt, und überlegen, was wohl dahintersteckt, die Personen genau beschreiben, ihnen eine Herkunft und Lebensumstände erfinden. Schon entsteht, wenn man ein wenig dichterisches Talent hat, eine wunderbare Geschichte.
      Fast unheimlich erscheint es, dass beinahe zeitgleich mit Zschokke, Kleist, Geßner und Wieland, ebenfalls in der Schweiz, von einigen anderen Autoren noch ein Schreib-Wettstreit veranstaltet wird. Auch in diesem Fall gewinnt ein Werk unbestritten den Preis. Auf ganz gespenstische Weise findet die Gewinnerin Mary Shelley, die wir schon kennen, zu ihrem Stoff: Er sucht sie als albtraumhafte Vorstellung im Bett heim. Im Sommer 1816 halten sich Mary Shelley- gerade 18 Jahre alt - und ihr Mann Percy Shelley in der Schweiz auf. Ganz in der Nähe wohnt der damals schon berühmte Dichter Lord George Gordon Noel Byron mit seinem Leibarzt John Polidori. Weil das Wetter schlecht ist, liest man sich deutsche Gespenster- und Gruselgeschichten in französischer Ãobersetzung vor. Danach kommt Lord Byron eine Idee. Er schlägt vor, jeder von ihnen solle eine unheimliche Geschichte schreiben. Nur Polidori und Mary Shelley gelingt es, ihre Werke zu beenden, doch erst lange nach dem gemeinsamen Schweiz-Aufenthalt: Im Jahr 1819 erscheint »Der Vampir«, der Roman des Leibarztes, zwei Jahre vorher schon ist Shelley mit ihrem »Frankenstein« fertig.
      Ganz grundsätzlich überlegt Shelley in ihrem Vorwort, wie ein Autor überhaupt zu seinem Stoff komme und was es bedeute: »Erfinden, das muss man in aller Bescheidenheit zugeben, heißt nicht, aus dem Nichts schaffen, sondern aus dem Chaos; das Material muss zunächst einmal da sein. Erfinden kann dunklem, gestaltlosem Stoff eine Form geben, aber es kann den Stoff selbst nicht erschaffen. Bei allem Entdecken und Erfinden, sogar bei dem von der Fantasie abhängenden, werden wir ständig an die Geschichte von Columbus und seinem Ei erinnert. Erfinden besteht aus der Fähigkeit, das Potential eines Stoffes zu erfassen, und in dem Talent, Gedanken zu formen und zu gestalten, die ihm entsprechen.«
Als der Gruselgeschichten-Wettbewerb begann, hatte Mary Shelley keinen Schimmer, worüber sie schreiben sollte. Lange quälte sie sichdamit, aber es wollte keine zündende Idee erscheinen. Endlich führten Gespräche der Freunde sie auf die richtige Spur. Die redeten über Experimente mit Leben und Tod, über die elektrische Reizung von Muskeln, über die Wiederbelebung von Toten. So kam sie darauf, ihr gruseliger Text könnte vielleicht davon handeln, Leichen wiederzubeleben! Sie erzählt: »Die Nacht verging über diesem Gespräch, und selbst die Geisterstunde war vorüber, bevor wir uns zur Ruhe begaben. Als ich mich ins Bett legte, konnte ich nicht einschlafen, aber auch von Nachdenken konnte keine Rede sein. Ungebeten hatte meine Fantasie völlig Besitz von mir ergriffen und verlieh den wechselnden Bildern, die vor mir auftauchten, eine Lebendigkeit, die über die übliche Tagträumerei weit hinausging. Ich sah - zwar mit geschlossenen Augen, aber klar vor meinem geistigen Blick - ich sah den blassen Adepten [Schüler] heilloser Künste neben dem Wesen knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das abscheuliche Phantom eines Mannes ausgestreckt daliegen und plötzlich mit Hilfe einer gewaltigen Maschine Lebenszeichen von sich geben und sich mit einer noch schwerfälligen und ungelenken Bewegung rühren.« Shelley steigert sich in eine Szene hinein, in der die zum Leben erweckte Leiche am Bett ihres Schöpfers steht: »Entsetzt öffnete ich die Augen. Die Vorstellung nahm mich so gefangen, dass mich ein Angstschauer überlief, und mir lag daran, das grässliche Trugbild meiner Fantasie mit der mich umgebenden Wirklichkeit zu vertauschen.« Wenig später erkennt sie, was ihr da im Halbwachen eingefallen ist: »Ich habe sie ja gefunden! Was mich entsetzt hat, wird auch andere entsetzen, und ich brauche nur die Erscheinung zu beschreiben, die meine nächtliche Ruhe gestört hatte.« Ganz so einfach, wie Shelley hofft, lässt sich das Grauen dann nicht auf das Papier bannen, es dauert Monate, aber die grundsätzliche Idee trägt die Arbeit an der Geschichte sicher und erfolgreich bis zum Ende.
     

 Tags:
Ein  Bild  als  Auslöser  für  einen  Dichterwettbewerb    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com