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Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
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Die Bedeutung des Stoffs



Im Schicksal des armen Chatterton spielte der Zufall eine große Rolle. Wäre er nicht der Sohn des Kirchendieners gewesen, hätten die Truhen nicht auf dem Dachboden der Kirche gestanden, wären die Pergamente nicht im Hause verwendet worden, hätte er sich nicht für die Bilder darauf begeistert... dann wäre Thomas Chatterton vielleicht ein Anwaltsschreiber geworden und wahrscheinlich länger am Leben geblieben.

      Aber hatte Chatterton eine andere Wahl? Er fühlte sich jedenfalls so, als gäbe es keine. Die alten Handschriften begeisterten ihn vom ersten Moment an so sehr, dass er unbedingt eigene Werke in ihrer Art schaffen und anderen damit imponieren wollte. Es war ein innerer Drang, eine Seelenverwandtschaft mit der Zeit des Mittelalters und seine Werke trafen den Nerv der Zeit. So zufällig er seinen Stoff gefunden hatte, war es doch der richtige und er blieb ihm treu bis zum Tod.
      John Updike , der es satt hatte, immer das Gleiche gefragt zu werden, antwortete einem Journalisten auf die Frage, woher er seine Stoffe habe: »Von einem Versandhaus in Ohio.« Natürlich meinte weder er noch der Journalist Samt, Seide oder Baumwolle. Der Begriff »Stoff« bezeichnet in der Literatur allerlei. Vor allem aber ein Geflecht von Figuren und Handlungen, von Beziehungen und Erlebnissen. Oft existiert so ein Stoff schon, bevor ihn der Autor literarisch gestaltet. Das Märchen vom Rotkäppchen könnte beispielsweise ein Romanautor als Stoff wählen und in unsere Zeit übertragen. Manche Stoffe stammen aus Mythen und Religionen, andere aus Büchern oder aus der Geschichte. Aber auch ein politischer Skandal, eine moralische Tat oder ein Mord kann Stoff für Literatur sein.
      Die Suche nach dem Stoff steht jedoch nicht unbedingt am Anfang eines Buches. Manchmal gibt es eine Figur, die einen Autor fasziniert und für die er nun eine Handlung suchen muss. Manchmal geht es um ein Thema wie die Judenverfolgung oder die Umweltverschmutzung, manchmal sogar um eine Stimmung, die einen Schriftsteller anregt zu schreiben.
      Ãoberraschenderweise geht es vielen Schriftstellern ähnlich wie Chatterton: Seltsame Gelegenheiten helfen ihnen, wenn sie ein Buch schreiben wollen. Oder der Zufall ist der Geburtshelfer ihres Werks. Dabei könnten Autoren ja eigentlich über buchstäblich alles schreiben: Naturkatastrophen, Hochleistungssportler, traurige oder glückliche Liebesgeschichten, die Leute im Bus, die Abenteuer eines Eichhörnchens. Die große Beliebigkeit endet aber spätestens dann, wenn sie mit dem Schreiben anfangen. Dann heißt es klug auswählen, denn die Entscheidung für einen Stoff hat Konsequenzen, manchmal über Jahre hinweg. Will der Autor über Monate und Monate den Sorgen von Kleingarten-Besitzern nachspüren? Will sich die Autorin wirklich einen ganzen Roman lang mit Polarforschern herumschlagen?
Für sich genommen ist ein Stoff so gut wie der andere. Es gibt scheinbar langweilige Stoffe wie eine Bahnfahrt von Moskau nach Petuschki. Aber Wenedikt Jerofejew macht in seinem Roman »Die Reise nach Petuschki« daraus eine unvergleichlich eigensinnige, traurige und komische, eine kunstvolle Trinkergeschichte, in die sich sogar der Teufel und einige Engel einmischen. Vielleicht war Jerofejew der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der über diese Zugfahrt schreiben konnte. Ein Stoff und ein Autor passen nämlich nicht immer zusammen, was aber manchmal erst sehr spät klar wird.
     

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