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Schreiberlust und dichterfrust
Wie man zu seinem Stoff kommt Sieben geheimnisvolle Eichenkisten, mit Eisen beschlagen, stehen auf dem Dachboden einer Kirche in England. Eines Tages, Mitte des 18. Jahrhunderts, sprengt man die Schl
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Der Stoff findet seinen Autor: Die Karte der »Schatzinsel«



Wenn sie jedoch zusammenpassen, dann geschehen kleine oder größere Wunder. Bei manchen Stoffen glaubt man sogar, sie hätten auf geheimnisvolle Art nur auf einen Autor gewartet, der sie aufschreibt. So erging es Robert Louis Stevenson mit seinem berühmtesten Buch, das in gewisser Weise sein erstes war: »Die Schatzinsel«. Keineswegs hatte er sich 1883 vorgenommen, eine Geschichte über Piraten und ihre blutig erkämpften Schätze zu verfassen, die einen Jun-gen in ein gefahrenreiches Abenteuer ziehen. Stevenson dachte nicht im Traum an gefährliche Seefahrt, an das Belauschen von Banditen in einem Fass oder an eine Insel mit vergrabenen Schätzen und Skeletten als Wegweisern. Und schon gar nicht an einen Roman. Als Jugendlicher hatte er zwar einige Machwerke verbrochen, danach immer wieder kleinere Geschichten verfasst, die ihm durchaus gelangen, aber einen Roman nicht. Immer wieder unternahm er Anläufe, doch er blieb mitten im Schreiben stecken, kam nicht weiter und brach die Versuche enttäuscht ab. Vielleicht half ihm bei der »Schatzinsel« der Umstand, dass er quasi unabsichtlich einen Roman begann, nämlich so:

Stevenson ist schon dreißig Jahre alt und verdient kaum genug für sich und seine Familie. Da fährt er eines Tages mit seiner Frau, seinem Vater und seinem Stiefsohn Lloyd Osbourne zur Erholung ins schottische Hochland. Dort malt der Junge zum Zeitvertreib, weil das Wetter schlecht ist.
      Darüber, was dann folgt, gibt es zwei leicht unterschiedliche Fassungen. Lloyd behauptet, er selbst habe die Karte einer Insel gezeichnet. Später habe sein Stiefvater sie von ihm übernommen, mit manchen Details angereichert und sie zum Ausgangspunkt einer Geschichte für ihn gemacht. Stevenson dagegen schreibt: »Bei einer dieser Gelegenheiten zeichnete ich die Karte einer Insel; sie war detailreich und - dachte ich - wunderschön bunt; ihre Umrisse packten meine Fantasie unaussprechlich; sie wies Häfen auf, die mir so gefielen wie Sonette; und in der Bewusstlosigkeit des Vorherbestimmten nannte ich meine Hervorbringung Schatzinsel.«
Wer recht hat, ist nicht so wichtig; immerhin widmet Stevenson das fertige Buch Lloyd Osbourne. Wichtig ist, was die Karte damals in Schottland bewirkt. Es geschieht etwas, das die meisten Dichter kennen: Ein Ding, eine Begebenheit, ein Mensch löst einen unwiderstehlichen Fantasie- und Schreibschub aus. Da Stevenson seit je Karten liebt, erheben sich aus den flächigen Umrissen der Insel unermessliche Wälder, die Figuren des Buches erscheinen plötzlich von selbst, sie streifen umher, kämpfen, suchen den Schatz. Und das Schreiben kann beginnen.

Als Nächstes listet Stevenson Kapitel auf, wie er es schon so oft vergeblich getan hat. Doch diesmal ist er zuversichtlicher, denn es soll »nur« eine Geschichte für Jungens werden , die weder tiefe Psychologie noch stilistische Feinheiten benötigt. Stevenson denkt sich das Schiff, die »Hispaniola«, aus, mit dem die Reise zur Schatzinsel unternommen werden soll. Er gestaltet eine der Hauptfiguren, John Silver, nach einem guten Freund, wobei er dessen kultivierte Seite vernachlässigt und nur dessen Stärke, Mut, Schnelligkeit und großartige Genialität übernimmt. Dann geht es los: »An einem fröstelnden Septembermorgen begann ich in der Nähe eines lustigen Feuers und während der Regen an die Scheiben trommelte, den See-Koch, denn das war der ursprüngliche Titel.« Munter fließen Arbeit, Tinte und Worte. Täglich liest er - Tage lang - seiner Familie ein neues Kapitel vor und nimmt deren Anregungen auf. Doch am 16. Tag fließt auf einmal nichts mehr, kein Sterbenswörtchen. Eine richtige Schreibkrise erwischt ihn. Er ist zufrieden mit dem, was er geschaffen hat - aber es bleibt noch so viel zu tun!
Statt zu verzweifeln, beschäftigt sich Stevenson mit anderen Dingen. Ein paar Monate später fährt er nach Davos in der Schweiz, um seiner Gesundheit aufzuhelfen, und liest dort eine Menge. Da geschieht das zweite Wunder: »An meinem Ziel angekommen, setzte ich mich eines Morgens an die unbeendete Geschichte, und siehe da! es strömte aus mir wie ein leichtes Gespräch; in einer zweiten Flut begeisterten Fleißes und wieder mit der Quote von einem Kapitel pro Tag beendete ich die Schatzinsel.« Ãoberglücklich, endlich, endlich einen Roman beendet zu haben, schickt Stevenson das Manuskript und die Karte der Schatzinsel an den Verleger. Doch dort kommt die Karte angeblich nie an; sie bleibt verschwunden! Da sie für das Buch so wichtig ist, muss Stevenson - sein Vater, der darin sehr geschickt ist, hilft ihm immerhin - alles mühselig aus seinem Text neu erschließen. Obwohl eine schöne Karte der Insel dabei herauskommt, die seitdem in den Ausgaben abgedruckt wird, ist sie für Stevenson nur eine wenig befriedigende Ersatzlösung, denn: »Ich habe gesagt, sie [die Karte] war die Hauptsache der Handlung. Ich könnte fast sagen, sie war sie vollständig.« Und dann beschreibt Stevenson ausführlich, warum sie derart wichtig für ihn war. »Es ist wohl nicht häufig so, dass eine Karte eine so bedeutende Rolle in einer Geschichte spielt; aber sie ist stets wichtig. Der Autor muss seine Landschaft kennen wie seine Hand; die Entfernungen, die Himmelsrichtungen, der Ort des Sonnenaufgangs, der Mondwechsel, all das muss über alle Krittelei erhaben sein. Und wie problematisch so ein Mond ist!... Aber es ist meine tiefe Ãoberzeugung -mein Aberglaube, wenn Sie es so wollen - dass derjenige, der seiner Landkarte treu bleibt und sie regelmäßig konsultiert und von ihr seine Inspiration her bezieht, täglich und stündlich, handfeste Unterstützung erfährt und nicht nur eine bloß negative Immunisierung gegen Zufälle. Die Geschichte hat hier ihre Wurzel; sie wächst in dieser Erde; sie hat ein eigenes Rückgrat hinter den Wörtern. Besser ist es freilich, wenn das Land existiert und derjenige jeden Meter dort gewandert ist und jeden Meilenstein kennt. Aber man tut selbst bei erfundenen Orten gut daran, damit zu beginnen, eine Landkarte zu erstellen. Während man sie studiert, werden einem Beziehungen aufgehen, an die man zuvor nicht gedacht hat. Man wird offensichtliche, jedoch unerwartete Abkürzungen und Trampelpfade für seine Boten entdecken; und selbst wenn eine Landkarte nicht die ganze Handlung ist, wie es bei der Schatzinsel der Fall war, wird sie sich doch als eine Fundgrube von Anregungen erweisen.« üb Friedrich Schiller, Vladimir Nabokov oder Arno Schmidt, sehr viele Autoren waren mit Stevenson einer Meinung und widmeten sich dem Planen, wie im Kapitel »Ja, mach nur einen Plan« ausführlich nachzulesen ist.
      Das Buch wird eine Goldgrube für Stevenson. Es nimmt außerdem den Fluch von ihm, keine Romane schreiben zu können, denn allerlei weitere Romane und Novellen erscheinen in den nächsten Jahren. Manche, wie »Dr. Jekyll und Mr. Hyde« oder »Das Flaschenteufelchen« werden ähnlich berühmt wie »Die Schatzinsel« und alle drei werden immer wieder verfilmt.
     

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