Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Über Realismus, Glaubwürdigkeit, Details und die nötige Abweichung Sehr viele Autoren schreiben irgendwann ein literarisches Werk über ihr Leben. Ob sie es in einen Roman verwandeln, in dem sie Orte,
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Die Recherche: Von teilnehmender Beobachtung, Tratsch und ausführlicher Lektüre



Wie aber schreibt man realistisch? Nehmen wir an, du willst einen Roman über eine TV-Serien-Schauspielerin verfassen. Es soll um hinterhältige Gemeinheiten gehen, die ihr von neidischen Kollegen angetan werden, also richtiges »TV-Mobbing«. Sie soll mit Drogen Probleme bekommen. Der Beleuchter soll sich in sie verlieben. Dann erleidet sie mitten im Drehen einen totalen Zusammenbruch und verliebt sich anschließend in die Krankenschwester, die ihr den Blutdruck misst. Sie weiß jetzt, dass sie lesbisch ist.

      Jetzt hast du eine Handlung grob geplant und könntest loslegen. Aber: Wie läuft so ein TV-Drehtag eigentlich ab? Wie nennt man die Frau, die dafür sorgt, dass die Anschlüsse der Szenen passen, und wie all die anderen bei der Aufnahme? Wie groß ist so ein Studio? Wie sieht die Kleidung einer Krankenschwester aus? Solche und viele andere Fragen können wichtig werden, um die Geschichte glaubwürdig erzählen zu können.
      Je mehr sich die Autoren der Wirklichkeit als Stoff zuwandten, umso mehr mussten und wollten sie darüber erfahren. Manche arbeiteten wie Forscher und andere wie Reporter, einige sowohl als auch.

     
Der Franzose Emile Zola schrieb im 19. Jahrhundert einen Zyklus von 20 Romanen, genannt die »Rougon-Macquart«. Die Werke schilderten am Beispiel einer Familie das Leben verschiedener Schichten in Frankreich - vom Arbeiter über den mittleren Bürger bis zum Millionär. Als er für einen dieser Bände, den er »Ger-minal« betitelte, den Alltag der Bergarbeiter im Norden des Landes als Thema wählte, las er nicht nur Bücher und Artikel über die Landschaft, die Wirtschaft, die Technik, die Geschichte. Er reiste dort hin und sah sich in der Gegend von Lille sehr genau um, besuchte die ärmlichen Siedlungen, sprach mit Bergarbeitern und fuhr sogar einmal mit ihnen in die tiefen, kalten, nassen Kohlestollen hinunter. So erlebte er wenigstens für Momente das Leben der armen Bergleute, die fast wie Sklaven oder Tiere gehalten wurden. Für den Roman »Das Tier im Menschen« versuchte er, alles über den Alltag der Eisenbahner zu erfahren. Weil ein Lokführer der Held war, fuhr Zola selbst auf einer Lok mit.
      So hielt er es möglichst immer. Er sammelte alle schriftlichen Informationen, die er bekommen konnte, dann alle persönlichen. Zum Beispiel fragte er Freunde nach ihren Bordellbesuchen und Huren nach ihren Erfahrungen mit Freiern. Er machte eine Wallfahrt nach Lourdes mit und sah sich in gefährlichen Pariser Vierteln um. Der Ortstermin bedeutete ihm sehr viel: Er wollte selbst hören, riechen, schmecken, spüren, worüber er schrieb. Und immer machte er sich Notizen. Als einer der ersten Schriftsteller ließ er in seinen Romanen die ärmsten und einfachsten Leute so sprechen, wie sie es wirklich taten: im Argot, einer Art Umgangssprache, die von feinen Leuten verachtet wurde. Bis dahinwaren Dialekt und Umgangssprache höchstens mal als komische Effekte in der Literatur verwendet worden.
      Für viele Bürger erschienen Zolas Bücher wie Neuland, obwohl es doch um Frankreich ging und um ein Leben, das vor ihren Haustüren stattfand. Die meisten, die Bücher kaufen konnten, hatten ihr gutes Auskommen und kümmerten sich nicht um das Elend der Arbeiter, Wäscherinnen oder Kaufhausangestellten. Vom Alkoholismus, von der Gewalt, den Verbrechen, dem Elend unter diesen Leuten wollten die Bürger nichts wissen. Aber Zola konfrontierte sie damit auf erschreckende Weise. Halb entrüstet, halb fasziniert lasen sie die Romane fast wie Expeditionsberichte. Der Autor aber wurde reich mit dieser Art von Texten. Bald leistete er sich ein eigenes Haus. Ein paar Mal ließ er dort Anbauten anfügen und nannte sie nach den Titeln der Romane, die ihm das Geld dafür eingebracht hatten.
      Der Grund für seinen Erfolg lag aber nicht nur im ungewöhnlichen Stoff, zumal er auch über die Bürger und ihre Niedertracht, Geldgier und Verlogenheit schrieb. Zola bot sein so akribisch gesammeltes Material aufreizend, spannend, übertrieben dar. Wie ein Fotograf seine Bilder nachträglich bearbeitet, um sie deutlicher und wirkungsvoller zu machen, so bearbeitete Zola die Daten und Fakten. Er wusste auch, dass sich sex and crime bestens verkauft. Deshalb mangelt es seinen Romanen nie an Verbrechen und es gibt Vergewaltigungen, tierhaften Beischlaf ohne Zeit und Zärtlichkeit, Verführungsszenen. Zola hatte keine Skrupel, seine Bösewichter besonders böse zu zeichnen, seine Armen besonders elend oder seine wenigen gutherzigen Charaktere besonders leiden zu lassen. Eigentlich verriet er dadurch seine realistische Schreibweise, die ja möglichst exakt sein sollte. Weil er aber wirken wollte und in den Grundzügen wahrheitsgetreu blieb, scheute er die Ãobertreibungen nicht.

     

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