Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Schreiberlust und dichterfrust
Über Realismus, Glaubwürdigkeit, Details und die nötige Abweichung Sehr viele Autoren schreiben irgendwann ein literarisches Werk über ihr Leben. Ob sie es in einen Roman verwandeln, in dem sie Orte,
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Der Kampf um die Wirklichkeit in der Kunst



Wenn sich ein Autor aber auf unsere Welt und ihre Geschichten beschränkt, stellt sich schnell die Frage: Was soll er eigentlich beschreiben und wie? Lange Zeit gab es sogar noch die Frage: Was darf er in seine Werke aufnehmen?

Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein galten beispielsweise ungeschriebene Gesetze, die hauptsächlich mit den Herrschaftsverhältnis-sen zu tun hatten. So durfte man sich über Könige nicht lustig machen, Bauern oder Bürger dagegen taugten nur dazu, dass man über sie lachte. Realistisch war das nicht, denn natürlich machten sich auch Herrscher mal lächerlich, aber darauf kam es weder den literarischen Gesetzgebern noch den staatlichen Zensurstellen an.
      Schon seit Aristoteles, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte, gab es das so genannte »Grässlichkeitsverbot«. Es besagte, dass man in der Kunst und auf der Bühne keine grausamen Taten vorführen sollte. Wenn also König Ã-dipus plötzlich erkennt, dass er seine Mutter geheiratet, mit ihr Kinder gezeugt hat und sich deshalb aus wütender Verzweiflung die Augen aussticht, dann wird das nicht auf der Bühne gezeigt, sondern eine Figur berichtet anderen Figuren das schreckliche Geschehen, bevor schließlich der blinde Ã-dipus erscheint.
      Ãoberhaupt forderten Gesetzgeber der Kunst und des Staates immer wieder von den Schriftstellern, nur das Schöne oder das Tragische zu beschreiben, das Hässliche und das Alltägliche habe nichts mit Kunst zu tun. Die Kunst solle eine graue, langweilige, kleine und traurige Welt bunter und schöner machen, nicht verdoppeln.
      Gegen solche Regeln rebellierten einige Autoren schon sehr früh -und begeisterten mit ihren wirklichkeitsgetreuen Büchern viele Leser. So beschrieb 1668 Hans Jacob Christoffel von Grimmeishausen in seinem heute noch spannend zu lesenden Roman »Der abenteuerliche Simplicissimus« die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, der ab 1618 das Deutsche Reich buchstäblich verwüstet hatte. Einen Trick wendet er dennoch an, damit der Roman nicht nur fürchterlich, traurig und erschreckend wirkt: Sein Held ist ein naiver, eingebildeter, recht einfacher Charakter, weswegen er auch Simplicius Simplicissimus heißt. Das ist Latein und auf Deutsch hieße er: Einfacher Am-Ein-fachsten. Weil er so einfach gestrickt ist, beschreibt Simplicius das Schreckliche seltsam verwundert und auf diese Weise wird dem Realistischen etwas die Spitze genommen, es wird komisch, es wird ironisiert, es wird Kunst.
      Es blieben dennoch, gerade in Deutschland, wenige Autoren, die sich trauten, den normalen Alltag zu beschreiben. Er erschien so gewöhnlich, so langweilig und so hässlich. Die Kunst sollte aber dochdas Schöne darstellen. Vor allem in Frankreich und England änderte sich das spätestens im 19. Jahrhundert. Die Realisten und Naturalisten nahmen sich vor, rücksichtslos darzustellen, was sie sahen, was ihnen auf der Seele lag, was sie bedrängte. Viele wollten mit ihren Büchern nicht nur unterhalten, sondern eine menschliche und politische Wirkung erzielen. Auch deshalb war es für sie besonders wichtig, wahr-heits- und wirklichkeitsgetreu zu schreiben. Damit setzte sich eine Schreibart durch, die bis heute bedeutsam ist: das realistische Erzählen. In Deutschland nahmen Autoren wie Theodor Fontane und in der Schweiz Gottfried Keller diese Tendenz mit besonderer Kunstfertigkeit auf.
     

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Der  Kampf  um  Wirklichkeit  der  Kunst    





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