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Die Vorteile und die Bedingungen von Auftragswerken



Da scheint es doch gar nicht so schlecht, wenn man einen klar definierten Auftrag bekommt, also in etwa: Bitte schreiben Sie mir einen Roman mit 24 Kapiteln und 256 Seiten, in dem ein Unfall vorkommt. Das klingt erst einmal nicht nach Kunst. Schließlich ist ein Autor kein Schreiner, der 37 Sprossenfenster der Größe 60 x 120 Zentimeter liefern soll. Doch wenigstens bekommt man auf jeden Fall ein Honorar. Und oft weiß man sogar, für welche Zielgruppe man schreiben soll.

      So bestellte die schwedische Schulbehörde bei Selma Lagerlöf ein spannendes und lehrreiches Buch für Schüler, in dem viel über die Heimat vorkommen sollte. Ein völlig von sich überzeugter Künstler hätte vielleicht abgelehnt und geantwortet, er schreibe nur, was ihm selbst wichtig sei. Selma Lagerlöf aber fand die Idee interessant und erfand die »Wunderbaren Reisen des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen«. Das ist eine märchenhafte Geschichte, in der ein Junge so schrumpft, dass er mit den Wildgänsen hunderte von Kilometern durch Schweden fliegen kann. Die Schüler liebten das Buch sofort und lernten ganz nebenbei mit Nils Holgersson ihr eigenes Land kennen, dazu viel über Tiere und Pflanzen. Das Auftragswerk wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher von Lagerlöf, die immerhin auch den Nobelpreis bekam. Das in sehr viele Sprachen übersetzte Werk wird bis heute gern gelesen.
      Auch der französische Autor Paul Valery erwähnte einmal, dass seine besten Werke sich einem zufälligen Auftrag verdankten und nicht einem persönlichen Bedürfnis. Das Schreiben nur für sich selbst hat Valery wohl gehemmt, das Schreiben im Auftrag dagegen befreit.
      Manche Verleger bestellen bei Autoren förmlich Maßarbeit. Sie legen die Themen fest, den Umfang, die Entwicklung der Geschichte und oft sogar die Helden und die Handlungsorte. Es handelt sich dabei um so genannte »Trivialliteratur«, »Heftchenliteratur« oder »Nackenbei-ßer«-Romane - weil auf dem Titel häufig ein Mann abgebildet ist, der sich über eine Frau mit tief ausgeschnittenem Kleid beugt, als wolle er sie in den Nacken beißen.
     
Die billigen Heftchen oder Taschenbücher werden wie am Fließband geschrieben, manchmal von einem Autorenteam, auf jeden Fall sehr schnell. Es ist Schema-Literatur, in der genau das geschieht, was die Leser erwarten. Viele kaufen die Bücher im Supermarkt oder in der Bahnhofsbuchhandlung, am Kiosk, im Kaufhaus oder an der Tankstelle. Sie freuen sich daran, dass sie etwas Verlässliches nach Hause tragen, in einer Welt, in der sich alles so schnell ändert.
     

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