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Die Macht der Leser



Natürlich hatte er auch Glück, denn seine Art zu schreiben traf den Geschmack der Leser und entsprechend gut verdiente er. Schnell war er zu so etwas wie einer Marke geworden. Die Leute lasen Dickens, wie man heute eine bestimmte Jeans trägt oder ein bestimmtes Auto bevorzugt. So ein Markenbewusstsein artete aber manchmal in Zwang aus. Als Karl May nach vielen Jahren seinen erfolgreichen Stil änderte und mehr Symbolisches als Abenteuerliches schrieb, protestierten Leser und Verleger so heftig, dass er einen Rückzieher machen musste. Ein bisschen ähnlich erging es Arthur Conan Doyle , der die Detektivfigur Sherlock Holmes erfunden hatte, die bei den Lesern extrem beliebt war. Eines Tages wollte Doyle mit der Figur Schluss machen, weil er seine anderen Werke für bedeutender hielt und weil er keine Lust mehr hatte, immerfort Sherlock-Holmes-Erzählungen zu schreiben; also ließ er sie kurzerhand sterben. Wütend, ja geradezu aggressiv reagierten da die Leser, als hätte er wirklich einen Menschen und nicht eine literarische Figur umgebracht. Unnachgiebig forderten die Leser von ihrem Autor, dass Sherlock Holmes auferstehen müsse. Im Kapitel »Fortsetzung folgt« erfährst du, wie Arthur Conan Doyle reagierte.

      Dieses seltsame Verhältnis zwischen Leser und Autor machte Stephen King zum Thema seines Romans »Sie«: Ein Autor gerät nach einem Unfall in die Hände einer fanatisch begeisterten Leserin seiner Bücher, die aber bestimmte Dinge in ihnen nicht mag. Sie hält den Hilflosen gefangen und zwingt ihn, so zu schreiben, wie sie es sich wünscht.
      Solche Macht ist in der Wirklichkeit natürlich selten, aber einen großen Einfluss haben Leser schon. Man sollte sie sich nicht unnötig zum Feind machen! Manchmal ist es jedoch nötig, weil man erkennt, dass man etwas ganz Neues ausprobieren will. So erging es Herman Melville , der in seinem Heimatland den USA mit Seefahrer- und Südsee-Romanen wie »Typee«, »Omu« oder »Weißjacke« berühmt geworden war. Eines schönen, aber verhängnisvollen Tages traf er sich wieder einmal mit seinem älteren, sehr angesehenen Kollegen Nathaniel Hawthorne . Die beiden Autoren gingen oft spazieren. An diesem Tag erzählte der Jüngere dem Ã"lteren von seinem neuen Buch: »Moby Dick«. Hawthorne gab ihm den Ratschlag, aus diesem Werk mehr zu machen als eine weitere Seegeschichte, denn es stecke Großes in dem Stoff. Tatsächlich vergrub sich Melville Monate und Jahre in der Arbeit an dem Werk, bis es über tausend Seiten dick und mit keinem Buch bis dahin zu vergleichen war in seiner Schönheit, Mannigfaltigkeit, Vielschichtigkeit. Noch heute gehört die Geschichte vom weißen Wal, der von Kapitän Ahab gnadenlos gejagt wird, am Ende aber das Schiff der Walfänger versenkt, zu den wichtigsten Werken der Weltliteratur.
      Die Leser indessen waren enttäuscht, so enttäuscht sogar, dass sie hinfort von Melville kaum mehr etwas wissen wollten. Er geriet in Geldschwierigkeiten und konnte schließlich nur mit Glück und Beziehungen eine Stelle als Zollschreiber ergattern, um wenigstens den Lebensunterhalt zu sichern. Verbittert meinte er: »Was ich wirklich schreiben will, ist verdammt, alle meine Bücher sind für die Katz.«
Seiner Kunst blieb er trotzdem treu und verfasste zum Beispiel »Bartleby, der Schreiber«. Das ist der Text mit dem wohl seltsamsten Helden der Literaturgeschichte, denn der zeichnet sich dadurch aus, dass er eigentlich alles - lieber nicht möchte. Seine letzten zehn Lebensjahre schrieb Melville neben der Arbeit fast unentwegt an einer gewaltigen Verserzählung mit dem Titel »Clarel, ein Gedicht und eine Pilger-fahrt im Heiligen Land«. Das etwa 18 000 Verse lange Werk wollten nur 110 Leute kaufen. Und ob die es überhaupt lasen? Ein schrecklicher Misserfolg. Melville hat nicht mehr erlebt, dass er weltberühmt wurde. Arm und tief enttäuscht starb er - wie so viele andere Dichter auch.
     

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