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Sachkultur und gesellschaftsstil

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Sauf- und Freßliteratur



Das Thema Essen und Trinken hatte auch eine komische Seite. Küchenhumor gehörte seit der Antike zu den beliebtesten Formen der Komik. In der höfischen Literatur begegneten solche Motive meistens in bewußter Entgegensetzung zum höfischen Gesellschaftsideal. Unmäßigkeit im Essen und Trinken kennzeichnete das Benehmen des jungen Parzival, der ohne Kenntnis höfischer Sitten aufgewachsen war. Im Zelt der Herzogin Jeschute »kümmerte er sich nicht darum, wo die Wirtin saß. Gute Bissen aß er und trank danach in langen Zügen.« Ebenso wurde die Ungeschlachtheit des jungen Rennewart in seinen Verstößen gegen die höfischen Tafelsitten veranschaulicht: »Er stopfte die Backen so voll mit dem Essen, das vor ihm stand, daß keine Schneeflocke mehr hineingegangen wäre.« Das Bekenntnis zu den Freuden der Tafel konnte auch kritisch eingesetzt werden. Im >Willehalm< wurde erzählt, daß die französischen Fürsten vom Schlachtfeld abzogen, weil sie das bequeme Leben am Hof den Strapazen des Krieges vorzogen. »Dort haben wir viele Schlemmereien, an denen wir den Leib laben können.« Der Erzähler ließ keinen Zweifel daran, daß ihm eine solche Haltung verdammungswürdig erschien. Eine andere Form des Küchenhumors begegnet im >Nibelungenlied< in der Gestalt des burgundischen Hofküchenmeisters Rumolt, der die Könige von der gefährlichen Reise ins Hunnenland mit der Aussicht auf das gute Essen, das sie zu Hause bekämen, abzu-halten suchte und ihnen als besondere Leckerei »in Ã-l gebacke-ne Teigschnitten« in Aussicht stellte. Es ist kein Zufall, daß der einzige deutsche Text aus dieser Zeit, in dem die einzelnen Gänge einer Mahlzeit beschrieben wurden, parodistischer Natur ist. Im >Helmbrecht< wurden beim Festmahl für den zurückgekehrten Sohn in komischer Häufung Herrenspeisen und Bauernspeisen gemischt. Als »ersten Gang« gab es »kleingeschnittenen Kohl« mit einem Stück Fleisch. Den zweiten Gang bildete »ein fetter, reifer Käse«115. Dann folgte eine Gans am Spieß sowie »ein gebratenes und ein gekochtes Huhn« und noch mehrere Speisen, »die ein Bauer niemals kennengelernt hat«"7.

      Im 13. Jahrhundert begegnen epische und lyrische Texte, die die Freude an der guten Mahlzeit und den reichlichen Genuß von Wein ohne Skrupel besangen. In welcher Weise diese Stük-ke an die Tradition der lateinischen Trinkliteratur anknüpften, ist noch nicht genügend aufgehellt. Mit Strickers >Weinschlund< und dem anonymen >Weinschwelg< begann schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Reihe der sogenannten Zechreden, in denen die Vorzüge des Weins gegen die typischen Formen höfischer Geselligkeit ausgespielt wurden. »Ich will den Wein mehr preisen als Turnier und Tanz. Krone, Reif und Kranz, Seide, Brokat und Scharlach, alle Herrlichkeit der Welt würde ich nicht dem Wein vorziehen.« In Strickers >Wein-schlund< rechtfertigte der Säufer seine Vorliebe für den Wein mit dem Argument, er sei nicht reich genug, um am höfischen Leben teilzuhaben: »Ich besitze keine Jagdhunde, keine Windspiele und keine Beizvögel; ich habe auch nicht genügend Pferde, um auf Turniere zu reiten oder zum ritterlichen Kampf. Ich kenne keine Damen, die mich freundlich empfangen würden. Ich besitze auch nicht so vornehme Kleider, daß es mir Freude machen würde, mich darin öffentlich zu zeigen. Soll ich nak-kend zum Tanz gehen? Da wäre ich ein Gespött der Leute.«1

  

Die eigentlichen Sauf- und Freßlieder kamen in Deutschland erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf, mit den Herbstliedern von Steinmar und Hadloub. Der Herbst war die Zeit der Ernte und der Tafelfreuden. Mit dem Ruf: »Ich will das Schlemmerleben beginnen« bekannten sich die Sänger zu den Genüssen des Herbstes und verbanden dieses Bekenntnis mit einer Absage an den höfischen Minnedienst: »Da sie mich nicht belohnen will, für die ich oft gesungen habe, seht, so will ich rühmen den, der meinen Kummer stillt, den Herbst, der das Gewand des Maien von den Zweigen fallen läßt. Ich weiß wohl, es ist eine alte Sache, daß ein geplagtes Minnerlein ein rechter Märtyrer ist. Seht, in dieses Joch war ich gespannt. Wohlauf, das will ich lassen und mich der Völlerei ergeben.«

   In diesen Liedern haben sich die Dichter keine Zurückhaltung mehr bei der Benennung einzelner Speisen auferlegt. Das Schwelgen in der Fülle der Gerichte gehörte zum Stil der Herbstlieder. »Wirt, du sollst uns Fische vorsetzen, mehr als zehn verschiedene Arten, außerdem Gänse, Hühner, Vögel, Schweine, Würste, auch Pfauen soll es geben, dazu Wein aus Italien. Von allem gib uns viel und laß uns die Schüsseln füllen. Becher und Schüsseln leere ich bis auf den Grund.«1"" Mit Ausnahme der Darmwurst hat Steinmar hier nur Herrenspeisen aufgeführt. Später traten in immer größerem Umfang solche Gerichte hervor, die in der höfischen Epik überhaupt nicht vorgekommen waren. Hadloubs Herbstlied >Herbst wil aber sin lop niuwen< zählt fünfzehn »Gänge« {trabteN) auf: fetter Braten {veizer brateN), Würste und Schinken {Würste und hammeN), eine gute Schlachtplatte {guot gestechtE), Innereien , nämlich Därme und Magen {terme und ma-geN), Halsstücke {krageN), Gekröse {kroesE), Kopf und Füße

[houbt und vüezE), Hirn , Schlegel , Knoblauchwürste , Bug und Grieben . Der komische Effekt solcher Lieder lag nicht zuletzt in der Häufung und Mischung solcher Küchenwörter. Einen Höhepunkt erreichte diese deftige Poesie im 14. Jahrhundert in >Neidharts GefräßHelmbrechtTrink, Herr, trink, trink! Trink das aus, ich ziehe mit!< Er war ein Affe und ein Narr, wer sich mehr um eine Frau bekümmert hat als um den guten Wein. Wer lügen kann, der ist höfisch. Betrügen ist heute Hofsitte.« Die Didaktiker und die Prediger des späten 13. Jahrhunderts haben bestätigt, daß Völlerei und Trunksucht beim Adel nicht nur literarische Motive waren. Im >Renner< von Hugo von Trim-berg spielten »Herr Fraß und Herr Schlund« eine große Rolle; und Berthold von Regensburg geißelte die »Unmäßigkeit des Mundes«126, das überezzen und übertrinken als eine Untugend speziell des deutschen Adels und der reichen Bürger: »Diese Sünde wird nirgends so häufig angetroffen wie hier in Deutschland, vor allem bei den Herren auf den Burgen und bei den Bürgern in den Städten.« Solche Auslassungen besaßen gewißeine konkrete Wirklichkeitsbeziehung. Falsch ist jedoch die Vorstellung, daß die adlige Gesellschaft um 1200 anders gelebt hätte, daß damals die poetischen Ideale höfischer Tugendhaftigkeit wirklich praktiziert worden seien. Die Klagen über Prasserei und Zecherei des Adels begegnen schon in der Zeit um 1200. >Der Winsbeke< mahnte: »Mein Sohn, Schlemmerei und Spiel bringen Körper und Seele zu Fall.«128Nicht der angebliche Verfall des Rittertums, sondern Veränderungen im Literaturbetrieb und im literarischen Geschmack waren der Grund dafür, daß die luoder-Thematik sich erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts voll entfaltet hat.
     

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