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Modische Veränderungen



Nach den neueren kostümgeschichtlichen Darstellungen von Joan Evans und Erika Thiel hat der Abbau modischer Extravaganzen, der Verzicht auf übermäßigen Prunk und die Tendenz zu größerer Schlichtheit und Einfachheit die Entwicklung der Mode vom 12. zum 13. Jahrhundert bestimmt. Dieses Bild der Entwicklung stützt sich hauptsächlich auf Beobachtungen an einigen Werken der Großplastik, für Deutschland vor allem auf die Figuren in Bamberg, Straßburg, Magdeburg und Naumburg. Dabei handelt es sich jedoch durchweg um figürlichen Kirchenschmuck oder um Grabplastiken, für die eine ernste und feierliche Darstellungsform und der Verzicht auf weltlichen Kleiderprunk angemessen erscheinen mußte. Die literarischen Zeugnisse, die von der kostümgeschichtlichen Forschung kaum berücksichtigt worden sind, zeigen ein anderes Bild. Sie sind um so wichtiger, als die höfischen Dichter die Vorstellungen und Wünsche ihres adligen Publikums unverstellter zum Ausdruck bringen konnten als die Bildhauer, die in kirchlichem Auftrag arbeiteten. Richtig ist, daß die langen Hängeärmel und die breiten Zierborten im 13. Jahrhundert nicht mehr so viel Zuspruch fanden. Aber im ganzen ist die Adelskleidung im 13. Jahrhundert nicht schmuckloser und einfacher geworden; im Gegenteil, sie wurde immer anspruchsvoller und raffinierter. Es gibt übrigens auch zahlreiche bildliche Quellen des 13. Jahrhunderts, die den Kleiderluxus dieser Zeit bezeugen. Es sind dies die Illustrationen zu weltlichen Texten, die meistens im Auftrag von Laienfürsten angefertigt worden sind und dahernicht den moralischen Restriktionen der Kirchenkunst unterworfen waren.

      Die Grundformen der höfischen Kleidung sind offenbar weitgehend unverändert geblieben. Das ganze 13. Jahrhundert hindurch wurden die eng an den Körper geschnittenen und an den Seiten geschnürten Kleider mit langem, faltenreichem Rock getragen. Daneben kannte man, wie schon im 12. Jahrhundert, den weiter geschnittenen Kleidertyp, der mit oder ohne Gürtel getragen wurde. Die modischen Veränderungen betrafen eher Einzelheiten, die aber dem Erscheinungsbild der Kleidung neue Akzente gegeben haben.
      Immer beliebter wurden im 13. Jahrhundert, bei Männern und Frauen, die weiten Ãobergewänder. Die Namen dafür sind durchweg französisch: surköt, suckeme, kursiv, ein Zeichen dafür, daß auch diese Mode aus Frankreich gekommen ist. Die französischen Wörter kommen schon kurz nach 1200 im >Parzi-val< vor, suckenie vielleicht schon im >Graf Rudolf< . Bildliche Darstellungen scheinen jünger zu sein. Nach den Miniaturen der Weingartner und der Großen Heidelberger Liederhandschrift gehörten die ärmellosen Ãobergewänder am Ende der höfischen Zeit zu den häufigsten Kleiderformen.
      Neu war im 13. Jahrhundert auch der Tasselmantel; jedenfalls scheint es keine sicheren bildlichen oder textlichen Belege aus dem 12. Jahrhundert zu geben. Dieser Manteltyp hat seinen Namen von den beiden Mantelspangen {tassein: ebenfalls ein französisches LehnworT), die rechts und links unterhalb des Kragens befestigt waren. Eine Schnur von der einen Tassel zur anderen hielt den Mantel zusammen. Literarische Zeugnisse gibt es schon aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts . Es handelte sich zunächst durchweg um Damenmäntel, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß fast immer nur Frauenkleider ausführlich beschrieben worden sind. Später ist der Tasselmantel auch von Männern getragen worden, zum Beispiel vom Grafen Konrad im Naumburger Westchor. Daneben hat sich auch der ältere Nuschenmantel gehalten, der auf der Brust von einer Spange zusammengehalten wurde. Die Ecclesia am Südportal des Straßburger Münsters trägt einen solchen Mantel.
      Am stärksten ist die modische Erscheinung der adligen Dame durch einen neuen Kopfschmuck verändert worden: das Ge-bende, bestehend aus einer Kinnbinde und einem gesteiften Stirnband, das wie eine Krone getragen wurde. Auch diese Neuerung scheint aus Frankreich gekommen zu sein . Das altfranzösische Wort dafür {guinplE) ist auch ins Deutsche übernommen worden: als wimpel und gimpel: »Ihr Kinn hat sie hochgebunden: die gimpel gehen ihr an den Mund, ganz nach höfischer Sitte.« Meistens hat man das deutsche Wort gebende benutzt, das schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts für den Kopfschmuck der Frau gebraucht wurde ; ob damit bereits die moderne französische Form gemeint war, ist nicht klar. Den Dichtern der Zeit um 1200 war das Gebende wohlbekannt; in der bildenden Kunst taucht es erst etwas später auf. Das Gebende galt als Abzeichen der verheirateten Frau, wurde aber auch von Unverheirateten getragen. Die Binden um Kinn und Wange verdeckten den größten Teil des Gesichts. Kundrie mußte erst ihr Gebende abnehmen, bevor sie am Artushof erkannt wurde . Auch beim Sprechen, beim Lachen, beim Essen und beim Küssen war das Gebende hinderlich. Knemhild »schob ihr Gebende nach oben« , um ihren zweiten Mann, Etzel, mit einem Kuß zu begrüßen. Kein Wunder, daß das Gebende als Symbol der Frauenzucht betrachtet wurde. Einer Dame, die ihr Gebende lockerte, sagte man lose Sitten nach .
     

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