Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sachkultur und gesellschaftsstil

Index
» Sachkultur und gesellschaftsstil
» Historische Waffenkunde

Historische Waffenkunde



Für die Waffen des hohen Mittelalters ist die Quellenlage ungleich günstiger als für die zivile Kleidung. Ein ganzer Wissenschaftszweig, die Waffenarchäologie, betreut die reiche materielle Hinterlassenschaft. Die erhaltenen Stücke stammen zum größten Teil aus Bodenfunden. Es sind Schwertklingen, Speerspitzen, Sporen und Steigbügel, alles stark korrodiert, so daß vom ursprünglichen Glanz nicht mehr viel zu erkennen ist. Außerdem gibt es ein paar kostbare Einzelstücke, die unversehrt erhalten geblieben sind, zumeist Prunkwaffen, die niemals für den militärischen Gebrauch bestimmt waren, wie das Reichsschwert in der Wiener Schatzkammer, oder Totenschilde, die über den Gräbern adliger Herren aufgehängt wurden. Die vollständigen Ritterrüstungen, die heute in Schlössern und Museen zu sehen sind, stammen dagegen alle aus viel späterer Zeit.

      Um sich ein genaueres Bild von der ritterlichen Bewaffnung zu machen, muß auch die historische Waffenkunde auf sekundäre Quellen zurückgreifen. Dafür steht ein umfangreiches Bildmaterial zur Verfügung, dessen wichtigster Teil die Siegel-bilder sind, die zumeist genau datiert werden können. Leider sind die deutschen Siegel bisher noch nicht einer systematischen Untersuchung ihrer Bildgehalte gewürdigt worden. Auch das reiche Anschauungsmaterial, das die Waffenbeschreibungen in der höfischen Dichtung bieten, ist von der historischen Waffenkunde nur selten genutzt worden. Die Dichter haben die Einzelheiten der ritterlichen Bewaffnung mit demselben Detailrealismus geschildert wie die höfische Kleidung, und die Ausführlichkeit dieser Beschreibungen zeigt, daß sie damit einem Interesse ihres Publikums entsprachen. Man kann vermuten, daß die Waffenschilderungen in erster Linie für den männlichen Teil der Zuhörerschaft berechnet waren, während die Kleiderbeschreibungen eher den Interessen der Damen entgegenkamen. Manche waffentechnischen Einzelheiten können überhaupt nur poetisch belegt werden.
      Die höfische Waffenterminologie bestand zum großen Teil aus französischen Lehn- und Fremdwörtern. Die alten deutschen Bezeichnungen für die Hauptwaffen, heim, swert, sper und schilt, behielten zwar in der höfischen Zeit ihre Geltung; aber die Veränderungen an diesen Waffen wurden meistens mit französischen Fachwörtern bezeichnet. So übernahm man für die neue Eisenplatte am Helm das Wort barbiere. Der figürliche Helmschmuck wurde mit zwei französischen Wörtern, zimiere und kroier, benannt. Für den Schildbeschlag wurde französisch buckel entlehnt. Das französische Lehnwort lanze ist in der höfischen Zeit zu einem Hauptwort für die lange Stoßlanze des Ritters geworden. Es trat an die Stelle von spiez, das noch im >Rolandslied< ohne Einschränkung gebraucht wurde, später aber nur noch in der Heldenepik begegnet, meistens in der Bedeutung »Wurfspieß« oder »Jagdspieß«. Als ein anderes Wort für die Lanze wurde glavie, glevin übernommen. Das Fähnlein an der Lanze -wurde ebenfalls französisch benannt . Für die Leibrüstung besaßen die Dichter eine große Zahl verschiedener Bezeichnungen: werc , geruste, gesmi-de, gewant , wät , rock , gar, ge-rehte, geserwe, wer, wäfen . Am häufigsten wurden brünne und halsberc gebraucht, die sich sachlich nicht klar voneinander trennen lassen. Es scheint, daß der halsberc immer eine angearbeitete Eisenkapuze besaß, die brünne nicht. Während brünne vor allem in der Heldendichtung beliebt war, benutzten die höfischen Epiker lieber halsberc, neben dem französischen
Lehnwort harnasch, das zuerst die ganze Ausrüstung des Ritters bezeichnete, seit Wolfram von Eschenbach aber speziell den ritterlichen Panzer. Im >Parzival< kommt fünfmal das Wort halsberc vor, niemals brünne, aber mehr als sechzigmal das französische harnasch. Die Einzelteile des aus Ringen gefertigten Panzers wurden fast nur französisch benannt. Die Harnischkapuze hieß koife oder hersenier, ihre Verlängerung, die über Kinn und Mund gezogen wurde, finteile. Der Harnisch wurde auch panzier und häbergoel genannt. Er besaß manchmal einen besonderen Brustschutz . Zur Rüstung gehörten ferner Armeisen , Kniepanzer {schinnelieR), Beinschienen . Die Polster, die man unter der Rüstung trug, hießen senftenier, der Lendengürtel lende-nier, der Schulterschutz spaldenier, der Halsschutz kollier. Dieses ganze Vokabular war bereits um 1200 in Deutschland vorhanden und gehörte zum modernen Stil der höfischen Dichtung. Von der Bewaffnung der Trojaner hieß es bei Herbort von Fritzlar: Sie hatten pancir kollir Krocanir testir Armysen vü. plate . Hier steht ein einziges deutsches Wort unter lauter französischen. Wie sehr der modische Klang solcher Wörter geschätzt wurde, beweisen auch die deutschen Neubildungen mit Hilfe französischer Ableitungssilben, zum Beispiel brustenier »Brustschutz des Pferdes« vom deutschen Wort brüst oder müsenier »Armschutz« vom deutschen Wort müs »Armmuskel«.
      Die französische Waffenterminologie ist wahrscheinlich in großem Umfang literarisch vermittelt worden. Daß jedoch die sprachliche Entlehnung nicht nur über die Literatur lief, zeigt der Erlaß Kaiser Friedrichs I. über die Heeresdisziplin vom Jahr 1158, worin das Wort harnasch im Sinn von »Rüstzeug« begegnet . Das französische Wort harnais war offensichtlich damals bereits in Deutschland bekannt. Wie in anderen Bereichen der Sachkultur ist auch für die Waffen damit zu rechnen, daß zusammen mit den Wörtern die Sachen, die sie bezeichneten, übernommen worden sind. Das ist im einzelnen schwer zu belegen, weil das archäologische Material dafür nicht ausreicht. Alles deutet jedoch darauf, daß die ritterliche Bewaffnung in Deutschland nicht anders aussah als in Frankreich. Da eine Reihe von Neuerungen in Frankreich früher belegt werden können, besteht kaum ein Zweifel daran, daßdie Gemeinsamkeit durch die Ãobernahme französischer Formen zustande gekommen ist. Nur wenige Einzelheiten sind in Deutschland unbekannt geblieben, wie die schwanzartigen Bänder hinten am Helm, die auf französischen Siegeln des 12. Jahrhunderts häufig vorkamen und die entweder als Nak-kenschutz gedient haben oder nur Zierrat -waren. Französische Herstellungsorte waren Ausweis für die hohe Qualität einzelner Waffen: Helme aus Poitiers , Speereisen aus Troyes , Halsberge aus Chambly und aus Anjou , Brustplatten aus Soissons . Diese Namen wurden nicht willkürlich eingesetzt: sie standen für berühmte Waffenschmieden, die international bekannt waren.
     

 Tags:
Historische  Waffenkunde    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com