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Exkurs I: RechtsverhÄfltnisse



Der Begriff der .Klassenjustiz' ist fiir diese Zeit sprichwortlich geworden. Liefie man selbst die unzÄfhligen Belege aus der alltÄfgli-chen politischen Praxis beiseite, so reichten noch die Literatur- und Kunstprozesse hin, das dumpf-reaktionÄfre, machtgefÄfllig-bosartige Klima der damaligen Justiz zu demonstrieren. Beriicksichtigt man nul alle die Hochverrats-, Schmutz- und Schund-, Zersetzungs-, die Zensur-Prozesse gegen Kunsder, dann lieBe sich eine Literaturge-schichte der Weimarer Republik fast als ihre Justizgeschichte schreiben.

      So nimmt es nicht wunder, daft Justizkritik fiir die zeitgenossische Prosaliteratur eine Moglichkeit der Radikalkritik uberhaupt zu bieten schien.
      ,Denn sie wissen was sie tun' - unter diesem Titel hat Ernst Ottwalt in einem .Tatsachenroman' mit der Justiz der Zeit gerechtet.' Anhand einer erfundenen Figur namens Friedrich Wilhelm Dick-mann lÄfGt er die Justiz der Zeit, ihre Institutionen, Typen und Falie, Revue passieren: ihre Klassenabgrenzung, ihren Kastengeist, den Chauvinismus, Antisemitismus, die Frauenfeindlichkeit, den Anti-kommunismus, den Sozialistenhafi und die Demokratieverachtung.
      Der Titel seines Buches legt nahe, daft Ottwalt die Grenzen literari-scher Ideologiekritik erkannt hat: Wenn das Objekt der Kritik selbst weilS, was es tut, kann die Beweisfuhrung nicht dessen SelbstaufklÄfrung, sondern nur dessen reale Entmachtung zum Ziele haben. Die Opfer dieser Justiz erfahren deren Schreckensherrschaft am eigenen Leibe und benotigen nicht deren literarische Transforma-tion. Wenn sie also nicht handeln , muft das jenseits dessen liegen, was der Roman am Justizzynismus zu entlarven vermag.
      Am ehesten konnte man daher den Roman als Selbstreflexion literarischer Intelligenz dariiber lesen, dafi man weift, was man tut und es dennoch tut, und dariiber, wie die Bedingungen eines Handelns aussÄfhen, das dies Äfndern konnte. Das wird schon deshalb nahegelegt, weil Ottwalt selbst ,umdisponiert' hat und vom Freikorps-Milieu zur Kommunistischen Partei ubergewechselt ist.
      Die Intention, Dispositionen vorzufiihren, die es ihrerseits ermogli-chen, umzudisponieren, setzt zunÄfchst keine bestimmte PrÄfferenz fiir ein literarisches Verfahren voraus. Ottwalt entscheidet sich fiir ein ,gemischtes' Verfahren. Er montiert einerseits Falie der Justiz, deren dokumentarische Belegbarkeit er eingangs betont, andererseits lÄfBt er eine fiktionale Figur durch diese hindurchgehen.
      Er zeigt also am dokumentarischen Material die institutionali-sierten sozialen Determinanten, die die Klasse zusammenhalten und die einzelnen Mitglieder an sie binden - und er propagiert, an der erfundenen Figur, die personliche Verantwortung des Einzelnen fiir sein Verhalten, das ihm durch sein Milieu doch vorgegeben wird. In diesem Dilemma mufi sowohl die Entscheidung fiir das Mitmachen wie die fiir das Ausscheren uner-griindbar scheinen, als Ergebnis von ZufÄfllen. Die damalige Rezep-tion des Romans scheint dies zu bestÄftigen. Das linksliberale Umfeld erkennt in Dickmann dankbar eine einmal nicht schwarz-weift gezeichnete Figur, in der Darstellung der Justiz ,Realismus'.
      Georg Lukâcs hat Ottwalts Roman zum Anlafi genommen, vor .gefÄfhrlichen' Tendenzen zu warnen. Der Reportage- oder Tatsa-chenroman ist fiir ihn Ausdruck einer fetischistischen Verzerrung der Wirklichkeit, Mangel an Gestaltung und TotalitÄftserfassung. Darauf antwortet Ottwalt mit der Rechtfertigung, es sei das 'Hervorrufen praktischer Konsequenzen" die vordringlichste Aufgabe der proletarisch-revolutionÄfren Literatur. Eben dies wird aber nicht erreicht, nicht etwa weil der Roman zu wenig Roman in Lukâcs' Sinne wÄfre, sondern weil er sich zwischen Reportage und Roman nicht entscheidet.
      Den Anspruch, das System verinnerlichter Muster, das .generative Schema' von Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, von deren Konservierung und VerÄfnderung, deutlich zu machen, erfiilkn die Gerichtsreportagen Paul Schlesingers weitaus eher.

     
   Die Spezifik einer Romanliteratur, wie sie Lukâcs vorschwebt, kann man am Gegenstand der Justiz in Jakob Wassermanns ,Der Fall Maurizius' analysieren. In dem 1928 erschienenen Roman hat Wassermann - fiir Jean Amery der 'wahrscheinlich letzte unter den groften konventionellen Romanciers der Deutschen" - in breit angelegten HandlungsstrÄfngen vorwiegend familialer Zusammen-hÄfnge den Verlauf eines Justizirrtums in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg dargestellt.
      Der Oberstaatsanwalt Wolf von Andergast, ein starrer, fanatischer Vertreter des Obrigkeitssystems und der Justiz als dessen Garanten, der dem Erhalt der Ordnung unbedingten Vorzug vor der Idee der Gerechtigkeit gibt, wird von seinem Sohn Etzel, ebenso fanatisch wie der Vater, aber eben von der Idee der Gerechtigkeit besessen, dazu gebracht, sich mit dem ,Fall Maurizius', einem Justizirrtum, an dem Andergast selbst wissentlich beteiligt war, neuerlich zu befassen. In endlosen GesprÄfchen, Konfrontation von Positionen und Riick-blenden auf Vorgeschichten, wird der gesellschaftliche Horizont der Vorkriegsburgerwelt ausgebreitet. Gleichzeitig wird darin der Preis des selbstschutzenden Ordnungszwangs plastisch: fiir Andergast Scheidung und Entfremdung des Sohnes, fiir Maurizius, sein Opfer, ein grausames Dahinleiden. Aber trotz aUer endloser GesprÄfche und Rasonnements iiber Recht, Gerechtigkeit, Justiz, Strafe, Vollzug oder Gnade, 'erschaut", so Jean Amery, Wassermann 'keine gesellschaft-lichen Strukturen, teils weil es nicht in der Zeit lag, teils weil er stets nur Individuen und Prinzipien sah." Das Auseinandertreten und Aufeinanderprallen von Individuen und Prinzipien, das Wasser-manns Roman charakterisiert, tendiert zur endlosen Perpetuierung -gerade weil die Strukturen, die VerhÄfltnisse, die das Auseinandertreten von Individuen und Prinzipien, das Agieren von Individuen im Namen von Prinzipien, begiinstigen und erzeugen, darin nur in ihren Ergebnissen erfaBt werden. Der Roman tendiert zur Fortschreibung der VerhÄfltnisse, die er kritisiert - nicht nur, weil sein Autor von ihr leben mu(i. Wassermann schreibt eine Trilogie. Deren zweiter Bând trÄfgt den Namen Etzel Andergasts und darin wird - in variierender Wiederholung - die Struktur deutlich, in der die Einzelnen und ,ihre' Prinzipien handeln.
      In dem Roman wird zunÄfchst Leiden und LÄfuterung des Land-arztes Joseph Kerkhoven in der Vorkriegszeit geschildert, um spÄfter, nach dem Krieg, in der 'Mit-Welt" einsetzend, das weitere Schicksal Etzel Andergasts vorzufuhren, seinen Weg als Sucher nach Abso-lutem, nach Eindeutigkeit und Reinheit. Auch hier, nach dem signifi-kanten Umweg iiber die Biindische Jugend, endet die Suche fiir die von ihr Heimgesuchten katastrophal: Quasi vatennordend zersttirt Etzel den Lebensplan seines von ihm erkorenen Seelenfuhrers Kerkhoven. Mehr noch als im ersten Roman wird hier die Triebdynamik deutlich, das Pulsieren zwischen unbedingter Triebwunscherfullung und moralisch-intellektuellem Reinheits- und Eindeutigkeitspostulat. Es wird ersichtlich, wie sehr in der jugendlichen Unbedingtheit der Äfltere Autor das Bedrohliche, Destruktive, das Lebensfeindliche dieser Lebenssuche wahrnimmt.
      Darin antizipiert er, was damals aktuell, virulent und durchaus fatal wirksam ist.
     

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