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Romane der weimarer republik

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Die amerikanisierte Judenrepublik



Mit dem Ersten Weltkrieg, schreibt Sloterdijk, 'beginnt die heifie Phase der Zersetzung alter NaivitÄften - etwa jener iiber das Wesen des Kriegs, das Wesen der gesellschaftlichen Ordnung, des Fort-schritts, der biirgerlichen Werte, ja, der Zivilisation iiberhaupt." Das erinnert an Walter Benjamins Uberlegungen:

'Nie sind Erfahrungen griindlicher Liigen gestraft worden als die strategi-schen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die korperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverÄfndert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstorender Strome und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkorper."
Die Vorstellung vom Krieg als ZÄfsur war allgemein. So schreibt Thomas Mann noch aus dem Exil:
'Das Ende der biirgerlichen Kultur-Epoche wiirde ich nicht erst 1933, sondern schon 1914 ansetzen. Die Erschiitterung, die wir damals empfanden,griindete ja in dem Gefuhl, dai? der Ausbruch des Krieges das Ende der Welt und den Anfang von erwas vollig Neuem historisch markierte."
Und unterm Titel ,Von der Kunst zur Politik' beginnt Erwin Piscator seine Darstellung:

'Meine Zeitrechnung beginnt am 4. August 1914.
      Von da ab stieg das Barometer: Was ist da ,personliche Entwick
13 Millionen Tote lung'? Niemand entwickelt sich da
11 Millionen Kriippel .personlich'. Da entwickelt etwas
50 Millionen Soldaten, die anderes ihn. Vor dem ZwanzigjÄfh-marschierten rigen erhob sich der Krieg. Schicksal.
      6 Milliarden Geschosse Es machte jeden anderen Lehrmei
50 Milliarden Kubikmeter Gas ster iiberflussig."
Allein diese Zeilen zeigen signifikante Verbindungslinien der damaligen Kunst zum Krieg: die Funktion von Statistik und Montage, Unterwerfung unter Abstraktion, Erfahrung individueller Austausch-barkeit und Gleichgiiltigkeit vor der Maschinerie und den Daten des Krieges - und der Adoption durch den Krieg an Vaters Statt - als belehrende AutoritÄft. Die Fixation auf den Krieg als einschneidendes Datum der Gesellschafts- und Individualgeschichte wurde noch verstÄfrkt durch dessen Ende im Biirgerkrieg, in der - unvollendeten, gescheiterten - Revolution.
      Diese deutsche Revolution hat Walter Rathenau aus der Sicht des liberalen und gebildeten Wirtschaftspolitikers so kommentiert:
'Es war keine Revolution. Blofi ein Zusammenbruch. Die Tiiren sprangen auf, die Aufseher liefen davon, das gefangene Volk stand im Hof, geblendet, seiner Glieder nicht mÄfchtig. WÄfre es eine Revolution gewesen, dann hÄftten die KrÄffte und Ideen, die sie erzeugte, fortgewirkt. Das Volk wollte nichts als Ruhe . Das erste Jahr hat ein MaK an Ordnung gebracht. Das war zu erwarten, denn wir sind ein ordentliches Volk ..."
Was Rathenau derart Anlaft zu nachsichtiger Ironie gibt, gilt anderen Zeitgenossen jedoch als eigentlicher Schrecken des Krieges -die Auflosung in Anarchie und Chaos und die bestÄfndig drohende Wiederkehr der Unordnung.
      Der kurrente Spruch, ,HÄfngt sie auf, die Judensau, den gottver-dammten Rathenau', alsbald, 1922, von rechtsradikalen Offizieren im Mord ,eingelost', zeigt an, wohin die Reaktionen der am direktesten Betroffenen, der tief sich Äfngstigenden biirgerlichen Mittelschichten fuhrten.
Das wurde begfeitet und verstÄfrkt von der Inflation, deren Wirkung Heinz Liepmann im Roman ,Der Friede brach aus', 1930 so reflektieren lÄfftt:

'Erich ging der Witz der Inflation auf: dieser Witz verwirrte die Fundamente vieltausendjÄfhriger Kultur, um deren sinnloser Ernsthaftigkeit willen Millionen Menschen sich in einen erwiirgenden Alltag gefiigt haben: Moral, Biirgertum, Ordnung und Sinn waren nichts als die Strohhalme derer, die glaubten, sich daran iiber Wasser halten zu konnen."

   Just diese Verunsicherung lÄffk eine um so groBere Ordnungswut entstehen, die duckmÄfuserhaft sich gegen die schwachen ,Starken' richtet, gegen den neuen Staat, die Republik, und gegen die -vermeintlich - okonomisch Herrschenden, die Juden. Was Joseph Roth 1923 in der .Frankfurter Zeitung' berichtet, ist keineswegs ein Einzelfall: 'Im Berliner Westen sah ich zwei Gymnasiasten. Sie sangen: ,Nieder, nieder, nieder mit der Judenrepublik, / Pfui, Juden-republik! Pfui, Judenrepublik!' Und die Erwachsenen wichen den beiden Jungen aus. Und niemand gab ihnen eine Ohrfeige. . ."
Aber auch von links gibt man der Republik keine Chance. Unterm Titel .Weimar' schreibt 1919 die ,Rote Fahne':
'Das Tacken der Maschinengewehre, der Donner der Geschiitze und der Minenwerfer in den StraBen Berlins, der viehische Meuchelmord an RoÅYa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Hunderte RevoluÅ£ionare in den GefÄfng-nissen Berlins, die SÄfbelherrschaft der Luttwitz und Merker, der Pritzelwitz und Gerstenberg, das Hcnkerwerk an Bremen, die geschwungene Hunger-peitsche gegen die Arbeitslosen, die in Moabit kiihl arbeitende Maschinerie der Klassenjustiz, der Belagerungszustand ohne selbst die Rechtsgarantien des Belagerungszustandes, das sind die Operationswerkzeuge, die die National-versammlung ans Tageslicht gebracht haben. In dieser Entstehung ist ihr histo-rischer Charakter unwiderruflich gezcichnet."'
Fiir alles das hat Alfred Doblin den ohnmÄfchtig-treffenden Ausdruck von der 'Republik ohne Gebrauchsanweisung" geprÄfgt.

     
   In diesem Sinne memoriert Rudolf Kayser, Redakteur der ,Neuen Rundschau' 1930:
'Es kam mit dem Zusammenbruch unserer Valuta die gewaltige Inflation der Gefuhle und der Worte, die ungeheure Verschwendung an seelischen Werten ; es kamen Verzweiflung, Bankrott und Selbstmord; es kam die Lehre vom Untergang des Abendlandes." - soweit noch einmal der schon damals wahrgenommene Zusammengang von wirtschaftlicher und geistig-kultureller Krisen- und Katastrophenstimmung. Aber dann, schreibt Kayser weiter, 'als alles dies schliefilich vorbei war, entdeckte man das Geheimnis der guten GeschÄffte. Es lÄfbt sich wieder leben!"

   Es kommt, mit dem Dawes-Plan und den nach Deutschland stro-menden Spekulationsgeldern, ein jÄfher, ebenso steiler wie kurzle-biger wirtschaftlicher Aufschwung - noch iiberhoht von der prompten, sich iiberschlagenden Emphase der kulturellen Intelli-genz. Sie begeistert sich fiir die sozialen, mehr noch: Äfsthetischen, Rând- und Begleiterscheinungen des US-gesteuerten Wirtschaftsim-pulses: Technik, Kollektiv, Sport, Freizeit. Alles, was irgend den Anstrich von AktivitÄft, Tempo und NovitÄft hat, wird begeistert aufgegriffen. Man gibt sich betont kiihl, lÄfssig, sportlich, bis hin zu -kultivierter - PrimitivitÄft und Rohheit, allemal jedoch ironisch bis hohnisch gegeniiber der offenkundig schwachen, obsoleten Kultur der Vorkriegszeit und ihren burgerlich-humanistischen Traditionen.
      'Ich lebe jetzt wie ein Wilder, wie ein Urwaldmensch im ,Dickicht der StÄfdte" ", befindet Erich, der Held von Liepmanns Roman iiber sich - und nimmt damit Bezug auf die intellektuelle Leitfigur, das enfant terrible dieser sich jung und neu gerierenden Generation, auf Bertolt Brecht: Ein Bertolt Brecht, der sich gem gemeinsam mit dem Boxer-Idol Samson-Korner zeigt, der auf eine Umfrage nach dem besten Buch 1926 die Autobiografie des Sportidols Arne Borg ,Wie ich um die Welt schwamm' nennt, der als Juror in einem Lyrik-Wett-bewerb sÄfmtliche eingeschickten 400 Gedichte beiseitewischt, um eins aus einer Sportzeitung, auf den Sechs-Tage-Champion Reggie MacNamara, zu kiiren, der sich fiir Kriminalromane als avantgardisti-sche Lektiire stark macht, der das Kollektiv preist , der es nicht verschmÄfht, ein Werbegedicht auf die .Singenden SteyrwÄfgen' zu schreiben, um an ein Auto zu kommen.'
Brecht war es allerdings dann auch, der - nach Art des trendsetters - als erster die Selbstkritik zu alledem liefert, etwa in dem iiberaus sarkastischen Gedicht , Intellektuelle beten einen Oltank an' und in seiner Hinwendung zum Marxismus.

     
   Dies ist die Tendenz einiger weniger Jahre - zwischen 1924 und 1927 etwa - und die Tendenz einer kleinen, insgesamt eher margi-nalen Gruppierung, einer Avantgarde der Kulturindustrie, die sich in der provokatorischen Zurschaustellung des Betriebsgebarens, der technischen Mittel, des einzigen Zwecks: Geld, ab- und ausgrenzt, ehe das als gelÄfufiger Komment des Betriebs gilt und seinen Provoka-tionswert verliert.
      Wie aber schlechthin die alten Strukturen im Staats- und Sozialap-parat mit um so heftigerer Verbissenheit verteidigt und zementiert werden, je starker die neuen KrÄffte auf verÄfnderte VerhÄfltnisse drangen, so ist literarisch die Kritik an den VerhÄfltnissen fixiert auf das ,illegitim' weiterbestehende Alte. Kaum anders ist der grofie Erfolg von Heinrich Manns .Untertan' zu erklÄfren.
      Insbesondere die Instanzen der Verwaltung, Militar, Schule, Kirche, Justiz, sind als reale Bastionen des kaiser-deutschen Obrig-keitsstaates bevorzugte Ziele moralischer Emporung.
     

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