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Amerikanismus: Leder- oder Zwangsjacke



Peter Sloterdijk schreibt iiber den ,Zauberberg':
„Thomas Mann mit der Aufgabe gerungen, den Geist der Anpassung, des Mitmachens und der Bejahung, der in diesem Jahrzehnt unwiderstehlich ins zynische Fahrwasser geraten war, aufzugreifen und eine .positive Gesin-nung' darzustellen, die nicht auf der pseudo-souverănen Bejahung der todlich-sachlichen Gegebenheiten beruht. Auf dem Zauberberg gedeihen, wie zum letzten Mal, Bilder von einer Humanităt, die geistreich bleibt, ohne zynisch zu werden."
Mag das etwas verklărt sein, richtig ist, daK die Tendenz der Jahre nach 1924 dem ,Geist des Zauberbergs' sehr entgegenstand.
      Wo Thomas Mann, der sein miihevoll kiinstlich, „hermetisch" entwickeltes Individuum unversehens der Realităt des mechanisierten Massentodes auszusetzen sich genotigt sieht, den Helden - dessen Bewegungsweg „als Revision der ihren Urspriingen entfremdeten Aufklărung" angelegt war - der Zerstiickelung durch die Produkte einer wildgewordenen Wissenschaft iiberlassen muB, da setzt sich in der folgenden Zeit bei der jiingeren Generation der literarischen Intelligenz eine gegenlăufige Tendenz durch: Begeisterung fur dieses entindividualisierende technische Zeitalter, das in der Kriegsmaschi-nerie seine Allmacht so iiberdeutlich demonstriert hatte - und Begeisterung fur die mutmafilichen Erfordernisse der anbrechenden tech-nisch-kollektivistischen Epoche.
      Was insbesondere die ăltere, humanistisch geschulte Generation beklagt, wird von der jiingeren, meist expressionistisch initiierten, gefeiert: das Verschwinden des biirgerlichen Individuums. Man will von der Reflexivităt, Indirektheit, Vermittelt- und Verstelltheit, der stăndigen Anspannung in Ambivalenzen und Widerspriichen sich nun endlich radikal entlasten und befreien durch die Anpassung an die mutmaBlichen Gegebenheiten der technisierten und massen-haften Umwelt: Tempo, Effektivitat, Rationalisierung. Das trăgt auffăllig asketische Ziige: Man gibt sich betont kiihl und niichtern. Zum Vorbild dient ein idealtypisch-fiktiver Typus ,des Arbeiters', oder mehr noch, der - intellektuellere - Typus des Ingenieurs. Das Spektrum , in dem solch modische Mimikry sich bewegt, ist breit. Es reicht von Bertolt Brechts dezent edelproletarischer Arbeitskluft biszu Johannes R. Bechers obligatorischer Ledermontur des motorrad-fahrenden Polit-Kommissars.
      Friedrich Sieburg schreibt 1926 bissig : „Wo man fruher Samtrdcke und Flatterschlips trug, geht man heute in der Lederjacke. Ich sehe keinen Unterschied." Das geht aber iiber die Kluft hinaus in die ideologische Selbstkonzeptionen der jungen literarischen Intelligenz. Am deutlichsten vielleicht wird es in Ernst Jiingers Mischung von punktuellen Phănomenwahrneh-mungen und verquasten Mystifikationen in seinem 1932 unter dem Titel ,Der Arbeiter' erschienenen Traktat. Aber auch in der Prosa Walter Benjamins ist eine technizistisch inspirierte Metaphorik unverkennbar. So schreibt er in seiner Textsammlung von 1928, ,EinbahnstraKe', gleich im ersten Text, unter dem Titel ,Tankstelle':
„Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit mehr in der Gewalt von Fakten als von Uberzeugungen. Unter diesen Umstănden kann wahre literarische Aktivităt nicht beanspruchen, in literarischem Rahmen sich abzuspielen - vielmehr ist das der iibliche Ausdruck ihrer Unfruchtbarkeit. Die bedeutende literarische Wirksamkeit kann nur in strengem Wechsel von Tun und Schreiben zustande kommen; sie mul? die unscheinbaren Formen, die ihrem Einfluft in tătigen Gemeinschaften besser entsprechen als die anspruchsvolle Geste des Buches, in Flugblăttern, Broschiiren, Zeitschriften-artikeln und Plakaten ausbilden. Nur diese prompte Sprache zeigt sich dem Augenblick wirkend gewachsen. Meinungen sind fur den Ricsenapparat des gesellschaftlichen Lebens, was Ol fur die Maschinen; man stellt sich nicht vor eine Turbine und ubergieBt sie mit Maschinenol. Man spritzt ein wenig davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen muK."
Die Altbackenheit dieses letzten Vergleichs konnte durchaus dazu dienen, den Hohn Friedrich Sieburgs zu bestătigen: „Welch eine Weltfremdheit spricht doch aus dieser Ingenieur-Romantik, die nicht versteht, wie ein Vergaser arbeitet und deshalb aus dem Pochen von sechs Zylindern den Atem unserer Zeit heraushort."'
Was Benjamin optimistisch formuliert, wird bald seine negativen Ziige voii entfalten: Der „Riesenapparat", von dem er bewundernd schwărmt, wird sein wahres Gesicht in der audiovisuellen Medienin-dustrie zeigen und die Aktualitătsbegeisterung der Flugblătter und Plakate wird sich im Strom der Reklameindustrie und der Nazipro-paganda merklich erkălten.
      So ist es durchaus nicht unsymptomatisch, dafi ein immer grofierer Teii der literarischen Intelligenz in der Kulturindustrie, speziell in der Werbebranche, sein Auskommen suchen wird, wovon Indizien die damaligen Zeitromane liefern, deren Figuren mehr oder weniger ungliicklich in Werbeabteilungen agieren, etwa Kăstners .Fabian' oder die Figuren in Martin Kessels „Herrn Brechers Fiasko' . Der Ort nun, aus dem das neue Bild des lngenieurs, als eines kiihl-funktionalen Spezialisten, importiert wird, ist Amerika. Genauer: Das Ingenieur-Bild ist Bestandteil eines - weithin projek-tiven - Bildes der USA.
      Rudolf Kayser fragt angesichts der Amerikanismus-Welle 1925, ob man denn uberhaupt ein Bild des modernen Amerikaners habe, und verneint antiquiert mit dem Hinweis auf weitgehende Unkenntnis der zeitgenossischen amerikanischen Literatur. „Aber", schreibt er weiter „wir haben anderes: Trusts, Hochhăuser, Verkehrspolizei, Film, Technikwunder, Jazzband, Boxen, Magazine und Regie. Ist das Amerika? Vielleicht." Um dann fortzusetzen:
„Amerikanismus ist einc neue europăischeMethode. Sie ist eine Methode des Konkreten und der Energie und vollig eingestellt auf geistige und mate-rielle Realităt. Ihr entspricht das neue Aussehen des Euro-păcrs; bartlos mit scharfem Profil, zielstrebigem Blick, schmalcm stahlernen Korper; und der neue Frauentypus : knabenhaft, linear, beherrscht von lebendiger Bewegung, vom Schreiten, vom Bein. Uberhaupt gehort es zur Methode des Amerikanismus, daG cr selbst stark im Korperlichen sich ausprăgt, dafi er Korperseele besitzt."
Auf solche Weise versucht man die neuen Phănomene zu erfassen. Sicherlich ist in diesen Beobachtungen richtig, dai? im ideologischen Syndrom des Amerikanismus eine Faszination entindividualisierter, funktionaler Korperlichkeit dominiert - eine bewufke Veranstaltung moglicherweise, mit dem Trauma des korperzerfetzenden Krieges fertig zu werden, indem er sich ans Korperbild der strahlenden Sieger halt.
      Unter dem Schlagwort Amerikanismus verquicken sich die unter-schiedlichsten Momente, beginnend mit industrieller Fliefiband-technik, Rationalisierung, Standardisierung und Effektivităt bis hin zu Vorstellungen sozialer Mobilităt und Klassenindifferenz. Amerika, die kriegsentscheidende Ubermacht, wird zur friedenszeitlichen Allmacht aus industriell-kapitalistischer Potenz und kultureller Unbekiimmertheit. Gerade die kulturelle Traditionslosigkeit und das, gemessen am europăischen Konventionalismus, amerikanische ,Barbarentum' faszinieren die literarische Intelligenz. Daher z. B. die Bewunderung fur Boxen und Jazz. Wie aber in Boxen und Jazz in den USA von Anfang an Volkstiimlichkeit und Kommerz verquickt waren, so tăuschen sich die deutschen Intellektuellen lange Zeit liber den Charakter einer Volkskultur im kapitalistischen Kommerzgriff. Sie begeistern sich fur die demokratisch-massenhaften Moglichkeitenund iibersehen die kapitalistischen Konditionen, unter die sie dadurch selbst geraten.
      Karikaturhaft deutlich wird das Amerikanismus-Syndrom in der ressentimentgeladenen Antwort, die Gottfried Benn 1928 auf die Frage einer amerikanischen Zeitschrift nach dem amerikanischen Geist in Deutschland gibt:
„Es gibt eine Gruppe von Dichtem, die glauben, sie hătten ein Gedicht verfalk, indem sie .Manhattan' schreiben. Es gibt eine Gruppe von Dramati-kern, die glauben, sie manifestierten das moderne Drama, wenn sie die Hand-lung in einem Blockhaus in Arizona spielen lassen und wenn cine Flasche Whisky auf dem Tisch steht. Die ganze junge deutsche Literatur scit 1918 arbeitet mit dem Schlagwort Tempo, Jazz, Kino, Obersee, technische Akti-vităt, bei betonter Ablehnung allcr seelischen Probleme. Der EinflulS des Amerikanismus ist so enorm, weil er in mancher Hinsicht anderen Geistesstro-mungen ăhnelt, die den jungen Deutschen heute formen: Marxismus, die materialistische Geschichtsphilosophie, die rein animalistische Gesellschafts-doktrin, Kommunismus, deren niveaulose Angriffe gegen das individualisti-sche und das metaphysische Sein gcrichtet sind.
      Ich personlich bin gegen Amerikanismus. Ich bin der Mcinung, daăsthetik fuhrte geradewegs in die Fetischisierung der Warenăs-thetik.

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