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Romane der weimarer republik

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Lehre fur die Jugend



Worum geht es bei der grofien Sache?
Oberingenieur Birk, 57 Jahre alt, ein 'Entdecker und Pionier, noch aus dem heroischen Zeitalter der Technik" , ehedem durch ererbtes Vermogen und eigene Erfolge wohlhabend, durch die Inflation jedoch verarmt, hatte 'als Kapitalist ausgelitten und erwachte als Proletarier" , nÄfmlich angestellt im riesigen Konzern von ,Karl dem Grofien', des Mannes, 'der blofi auf den Knopf zu driicken braucht, und die deutsche Republik wird'n Negerstaat! Gibt nichts, was der nicht kann" . Birk ist im Mai 1929 fur den Konzern mit dem Bau einer 42 Meter hohen Briicke beschÄfftigt, als er sich sagt 'was er wufite: wir sollen arbeiten, Kinder haben und sterben. Eins ist nicht trauriger als das andere; wir miissen es nur ertrÄfglich machen durch Hingabe und durch Ironie. Beide, Ironie und Hingabe, fuhrten dazu, dafi er ubertrieb, zu viei arbeitete und zu viele Kinder hatte. Was den Tod betraf- Er wich ihm nicht mehr ganz entschlossen aus." Deshalb halt Birk es fur an der Zeit, die grofie Sache in Gang zu setzen: 'Die Sache lag fertig da und wartete nur auf ihre Gelegenheit. Birk verfolgte im Grunde erzieherische Absichten, gab frei-lich zu, da Schon das mag hinreichend bcstÄftigen, was damals Thomas Mann sogleich bemerkte, daB hinter Birks 'Maske - cin wenig - des sechzigjÄfhrigen Dichters Antlitz sich verbirgt!"


   Nach einem dubiosen Arbeitsunfall zieht Birk sich in eine Klinik, in die Obhut seines Sohnes Rolf zuriick, um von dort seinen Schwiegersohn Emanuel Rapp, einen etwas unprofilierten DreifiigjÄfhrigen, dem Birk vaterlich liebevoll zugetan ist, auf die 'grolSe Sache" zu stofkn. Die 'groRe Sache" ist eine Erfin-dung Birks, ein Sprengstoff hochster Brisanz, eine Bombe, die 40 Millionen Reichsmark cinbringen soli. So schickt er Emanuel auf den Weg, sein Gliick, mehr aber noch: Erfahrungen zu machen, d.h. zum einen, zwischen seiner Frâu Margo und seiner SchwÄfgcrin Inge sich entscheiden zu Iernen, mit seinen zwielichtigen Freunden fertig zu werden, vor aliem aber den AnschlÄfgen Schattichs zu cntkommen. Gegenspieler Birks ist nÄfmlich der ehemalige Reichskanzler und jetzige Konzerndirektor Dr. Karl August Schattich, Jugendfrcund Birks, der dessen Vermogen an sich gebracht hat und jetzt obendrein die Erfindung fur den Konzern, d.h. zur eigenen Bereicherung reklamiert. In Schattich hat Heinrich Mann eine weitere Figur der Zeit .abgeschrieben'. Schattich erinnert an den ehemaligen Reichskanzler und zeitweiligen Oberbiirgermeister Essens, Dr. Hans Luther, - durch den ihm attestierten kahlen 'Domkopf" und den Umstand, da/ die ungenannte Stadt seines Wirkens im 'Westen" angesiedelt ist. Die Figur Schattich ist mit bosem Blick gesehen; z. B. seine stÄfndige Existenzangst: ',Wir haben es alle nur auf Widerruf und leben in ewiger Angst. Die Begehrlich-keit der Massen! Moskau! Die Wirtschaftskrise!'
Gram und Verbitterung zcichneten den Mann. Sichtbar wurde, dai? der Gene-raldirketor, genau wie seine fristlos kiindbaren Untergebenen, Angst hatte zu verhungern. Auch er unterlag dem Zeitgeist. Gliicklicherweise ging es vorbei. Bei seinen Angestellten hielt es auch nicht an. Alle hatten die Fliichtigkeit gemeinsam."
Diese Fliichtigkeit unter anderem ist es, die Birk der Jugend aber-ziehen will. Das geschieht im Roman - scheinbar paradox - durch gehÄfufte Flucht und Verfolgung. Es beginnt das, was Ernst Weil? seinen Lesern so beschrieben hat:
'Es setzt eine rasante Hetzjagd auf diese Erfindung ein, deren ohne UnterlaB und ohne Motivierung wechselnde Phasen auch nur annÄfhernd zu entwirren,ein detektivisches Genie erfordern wurde. Ein Treiben, Jagen, Intrigieren, Mine und Kontermine, Explosion auf Explosion. Wobei an Wahrscheinlich-keit und Lebensechtheit ebensoviel verloren geht, als die Geschichte an Abenteuerlichkeit, an auRerer brutaler Spannung gewinnt -.",
Man kann tatsÄfchlich den Ablauf des hektischen Durcheinanders kaum skizzenhaft geordnet wiedergeben. Nur so viei: Beteiligt sind an dem Unternehmen nicht nur die beiden Ä,lteren, Birk und Schattich, sondern vor aliem, als Objekte von deren Machinationen, die Jugend: Birks sechs Kinder, deren Freunde und Bekannte. Und das heilk, es geschieht so ziemlich alles, was damals gerade Mode war. Man raucht Opiumzigaretten, ist in Liebesdingen locker, sachlich - wie man iiber-haupt stÄfndig ,sachlich' und ,sportlich' ist -, geht hÄfufig ins Kino, will selbst Filmstar werden, wenigstens aber Kfz-Mechaniker. Man besucht BoxkÄfmpfe und ist mit Boxern befreundet. Einer, Bruno Briistung, ist ein Konterfei Max Schmelings, ein anderer, namens Mulle, nennt sich selbst, im wunschhaften Vorgriff, 'Morder Mulle", tobt mit der erklÄfrten Absicht durch den Roman, der jiingste Doppel-morder der Welt zu werden: 'Ich schlage den Rekord. Sind die Herren von der Presse da?" Zu diesem Zweck verfolgt Mulle Direktor Schattich im Auftrag von dessen Frâu Nora. Gleichzeitig stellt er aber - um den Doppelmord zu bewerkstelligen - seiner Auftraggeberin selbst nach. Sie kommt jedoch, um den Preis einer Vergewaltigung, mit dem Leben davon. Auch Schattich iiberlebt -und Mulle entpuppt sich als dessen illegitimer Sohn.
      Heinrich Mann scheut keinen Aufwand an Kolportage. Es wird bestÄfndig telefoniert, in Bars herumgesessen, vorziiglich aber mit dem Auto gerast und gar im Flugzeug geflogen. Hierbei tut sich insbe-sondere Margo, die Lieblingstochter Birks, hervor, indem sie, als Pilot verkleidet, ,Karl den Groften' nach Berlin fliegt, um unterwegs in kiihnem GesprÄfch - im Verein mit den ubernaturlichen telepathi-schen KrÄfften des Vaters, der sich plotzlich gar teleportieren kann -das gliickliche Ende herbeizufiihren. Es beÅYtelit darin, dafi die Bombe sich tatsÄfchlich als Birks Erfindung, nÄfmlich als pure Fiktion heraus-stellt. Schattich, um alle Chancen gebracht, aufs Christliche reuig sich besinnt und merkt, 'daB die Welt richtiger und der Menschennatur entsprechender wiirde, wenn sie besser wurde. Es wÄfre unendlich leichter gewesen, keine Inflationen zu treiben, die Familien und Klassen nicht zugrunde zu richten und besonders seinem alten Freund Birk nicht nachzustellen. Solche, aus den Gesetzen herausfal-lenden Sitten konnten zeitweilig Erfolg haben, dann aber rÄfchten sie sich bitter Die giitigeren KrÄffte, die in Karl August wohnten, wie Reue und LÄfuterung, der Junge begriff sie noch nicht." Dafiir wird aber Emanuel, wie das gesamte Personal, 'aui?er der Reihe und in mÄfrchenhafter Weise befordert." Was man aber nicht annimmt, weil man nun gelernt hat, aus eigener Kraft zu existieren. Das jeden-falls kann Birk, bevor er selig sterben darf, noch verkiinden, dai? iiber dem, was den Roman lang die jungen Leute umgetrieben hatte: 'Beziehungen" und ' Verbrechen", ein Drittes, die Arbeit, das Wich-tigste sei:
'Ihr seid Menschen wie alle und wcrdet immer arbeiten. Grade darum habt ihr so viei Begabung fur die Freude. Niemand kann sich freuen wie ein guter Arbeiter. VergeKt es doch nicht, wenn ihr klagt, dafi die Gesellschaft euch euer Leben abkauft und daiS ihr immer nur der Bruchteil einer Kraft, nie die ganze Kraft seid. Dafiir seid ihr die ganze Freude. In jedem von euch ist alle Freude, dieesgibt."
Aber schlitzohrig gibt der Altmeister noch hinterdrein:
'Wenn ich Arbeit sage, meine ich Arbeit, Geschicklichkeit und
Zufall. Die drei fiihren weit." (S. 298
Ein derartiger Schiul? ist in der damaligen Zeit verschÄfrfter Arbeits-losigkeit mindest so provokativ, wie das wilde Gewirr der Handlungzuvor.
     

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