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Romane der weimarer republik

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,Bronzene Munzen auf Marmor'



Karl Justus Obenauer schreibt 1933 in seiner nicht unangreifbaren, aber hochst anregenden Studie zur .Problematik des Äfsthetischen Menschen in der deutschen Literatur' iiber die Briider Mann:
'Da wo Thomas Mann langsam, iibergrundlich und beschaulich dem ruhigen Studium der Auflenwelt verschrieben war, erschien Heinrich Mann als aufge-wiihlter Ichmensch, der das VisionÄfre und Ausdruckshafte der jiingeren Generation schon teilweise erreichte . Thomas Mann hatte stets versucht, das Unverantwortliche, Abenteu-ernde und rein Geniefiende dieser Haltung durch Bindung an Volk, Familieund Umwelt zu iiberwinden. Bei aller Kritik an der Dekadenz der biirgerlichen Welt seines Herkommens blieb er im tiefsten Herzen verzehrt von der Sehn-sucht nach dem Unabenteuerlichen, Einfachen, Unzerspaltenen. Heinrich Mann vertrat einen sehr viei ausschliefienderen Äfsthetischen Aristokra-tismus und Individualismus, dem es im letzten Grunde doch nur auf Selbst-genul? ankam. Er ist der Entwurzeltere der bciden Briider: unbiirgerlicher, radikaler, farbiger, kampfbereiter, ein Satiriker : seine Kunst ist sehr viei kÄflter, entwurzelter, substanzarmer."


Und Obenauer fiihrt zum Beleg fur Heinrich Manns Kunstbegriff eine Stelle aus dessen Roman ,Die Gottinnen' an:
'Meine Dichter sind klare Meister des Wortes; sie verschmÄfhen die kleinen weinerlichen Menschlichkeiten Ihre Verse geben, wenn wir sie ausspre-chen, einen Klang, als fielen bronzene Munzen nieder auf Marmor."
Im ,Schlaraffenland', bei Turkheimer, rollen Munzen unbeachtet unter Tische und SchrÄfnke, in der Weimarer Republik bestimmen sie - so Heinrich Mann - abstrakt und entÄfsthetisiert als Geld die Gesell-schaft. Er schreibt im Vorwort zur Neuausgabe des ,Untertan' 1929:
'Man kann auch in der Republik ein echtcr Untertan sein. Dafiir geniigt, dai? man irgcndeine andere Macht gcwÄfhren lÄfKt, die Geldmacht. Man beugt sich unter ihren Willen wie unter das Schicksal selbst ."
Eine solche Welt ist den Dichtern, deren Verse wie 'bronzene Munzen nieder auf Marmor" fallen, nicht sehr gunstig - und am Anfang der Weimarer Republik rottet Heinrich Mann denn in seiner Prosa die Kiinstlerfiguren, die Dichter und ,Geistigen' geradezu aus. In ,Kobes der Novelle iiber die 'Gierigsten-Herrschaft", laBt er seinen Philosophen namens Sand versuchen, den 'untiefen Materialismus", den Pragmatismus von Kobes radikal zuende zu denken, den 'Kobesmythos" zu entwerfen und unters Volk zu bringen, Kobes als diktatorischen Ubermenschen aufzu-bauen und in seinem Namen das Volk in einen Rausch der Unterwer-fung zu fiihren. Aber Kobes, eine Mixtur aus Stinnes und Henry Ford, ist nicht die Fiihrerfigur, die Sand gem in ihm sÄfhe; die Devise von dessen System lautet vielmehr: 'Gute GeschÄffte macht man nur in der Mitte. Immer nuchtern!" Daher bleibt Sand, dem 'kleinen Mann", am Ende nur noch der Selbstmord ubrig.

     
   Die Welt des herrschenden Kapitals ist, so Heinrich Mann, keine der charismatischen Figuren, sondern der grauen Handlanger eines abstrakten Systems. An diesem System scheitert der Geistige selbst dann, wenn er - heruntergekommen - als Demagoge sich versucht.

     
Ä,hnlich geht es den ,Geistigen' im letzten Roman der Kaiserreichs-Trilogie, ,Der KopP. Terra, eine Mischung aus einem Selbstbild Heinrich Manns und Ziigen Frank Wedekinds, der alles daransetzt, in einem Iangen Marsch durch die Institutionen - der Wirtschaft, hier reprÄfsentiert durch Knack - im Namen von AufklÄfrung und HumanitÄft gegen die industrielle Inszenierung des Krieges zu kÄfmpfen, und Mangolf, ein Mixtum aus Maximilian Harden und Thomas Mann, ein kleinburgerlich opportunistischer Karrierist, diese beiden Intellektuellen miissen am Ende ihr Scheitern einsehen: Terra hat mit seinen guten Absichtcn immer nur das GeschÄfft der Gegner betrieben und Mangolf, zum Reichskanzler ernannt, erkennt, daK er stets eine Marionette der herrschenden Industriellen war. Folglich begehen die beiden Jugendfreunde gemeinsam Selbstmord, kreuzweis ubereinander ins Romanende fallend.

     
   Heinrich Mann liebt krÄfftige Effekte, bedeutungsvolle Gesten, allegorische Konstruktionen. In ihnen sucht er deutlich zu machen, dafi in der durch und durch kapitalisierten Welt der KonzernmÄfchte und der ihnen gehorchenden Politiker keine Chance fur den radi-kalen Idealismus der ,Geistigen' mehr bestehe. Fur ihn sind, eine bittere Erkenntnis, Groftindustrielle die 'einzigen erfolgreichen RevoluÅ£ionare", und selbst diejugend bietet keinen Anlafi, zu hoffen. 1929 schreibt er iiber ,Die jungen Leute':
'Ungenial, geistig nicht besonders interessiert, abcr in Technik und GeschÄfft recht tiichtig; weder Schwindler noch kiihne Neuerer; sehr auf Erhaltung und Sammlung bedacht ; ein iiberwiegend konservatives Geschlecht".
      Und geradezu von Verachtung zeugen die Zeilen:
'Junge Leute, die mit so energischen Dingen zu tun gehabt haben, mit Hand-granaten, elektrischen StacheldrÄfhten, herauf mit wer weifi wievielen anderen Sachwerten und einem toii gewordenen Kurszettel, werden spÄfterhin ganz gewift die besten Biirger."

   Aber aus Verachtung und Skepsis entsteht der - fiirs Werk riskante - Verstich, sich in den Romanen an die fur gegeben erachteten Tatsa-chen, die UmstÄfnde, wie sie nun einmal sind, die MentalitÄft der neuen Schichten als neues Publikum anzupassen. Die Bedingungen, von denen man ausgehen mul$, sind fur ihn das herrschende MittelmaB, ohne geistige und moralische, visionÄfre Impulse, und der Umgang mit technischen Errungenschaften, hinter denen man geistig und mora-lisch zuriickgeblieben ist.
      Das bedeutet zwangslÄfufig fur Heinrich Mann, sich selbst in seinem Metier an neuen Standards, Gewohnheiten und Wiinschen zu orientieren.

     
'Wer heute anfÄfngt, spricht zugleich zu LÄfufern, TÄfnzern und Schwimmern, anstatt zu Eingeweihten. Als Leser hat er keine miifiig Gebildeten, fast keinen mehr, der das Schreiben unermefilich hoch iiber das Boxen stellte, und bestimmt keinen, der ihn fur eine groKe Personlichkeit halt."
Darum versucht er beispielsweise neue Publikumsschichten anzu-sprechen, indem er im Warenhaus liest, und indem er sich an den Genres und Medien orientiert, die massenhaft Publikumserfolge haben, Kriminalroman und Groteskfilm.
      Er hat sich mehrfach mit dem Kriminalroman auseinandergesetzt, vor aliem mit Edgar Wallace, der seinerseits in Deutschland grofSen Publikumserfolg hatte. Heinrich Mann akzeptiert die evasiven, kompensatorischen Unterhaltungsbediirfnisse:
'Detektiv-Romane sind etwas Niitzliches, weil sie Vergniigen machen . . . Aber sie solltcn von einem ticferen Wissen und von gutigen Absichten bestimmt sein. Ihnen fehlt noch zu oft der gottliche Zweifel, der das Beste-hende nicht zu ernst nimmt, und der gottliche Glaube, daK wir es bessern konnen."
Was er am Kriminalroman zu kritisieren hat, fafk folgender Satz zusammen: 'Leider beweist in diesen Buchern, die alle Welt liest, der Galgen alles. Er ist das sittliche Argument."

  

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