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Romane der weimarer republik

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Aber, Herr Heinrich Mann: eure Zeit istjetzt vorbei.



Als fiir Friihjahr 1932 die Wahl des Reichsprăsidenten ansteht, schreibt Kurt Hiller in der ,Weltbuhne':
"Takt und eine Notverordnung verbieten, des breitern darzulegen, warum der Generalfeldmarschall unsereinem nicht geeignet scheint, die Nation zu fiihren." Und um die Wiederwahl eben dieses Generalfeldmarschalls Hindenburg zu verhindern, schlăgt Hiller den demokratischen, liberalen und linken Parteien vor, Heinrich Mann als ihren gemeinsamen Kandidaten zu nominieren. Heinrich Mann, der von diesem Ansinnen erst durch Lekture erfăhrt, wehrt den Vorschlag, etwas peinlich beriihrt, ab und erklărt seinerseits, daf$ es wichtig sei, die Kandidatur Hindenburgs zu unterstiitzen, - um Hitler zu verhindern.


      Das nun ruft Johannes R. Becher auf den Plan, der Heinrich Mann in der ,Linkskurve' unter dem Titel "Vom Untertan zum Untertan" vorwirft:
"So vollendet sich Ihre Metamorphose: der Dichter Heinrich Mann, der im ,Untertan' ein besonders bosartiges Gewăchs seiner Klasse gestaltet hat, wird ein Opfer dieses Geschopfs und seiner Klasse und kehrt zu seiner Gestalt zuriick. Der Dichter hat kein iiber seiner Gestalt stehendes und von ihr abgesondertes Gewissen mehr."
Und Becher versteigt sich zu der ungeheuerlichen Anschuldigung:
"Aber gerade Sie sind an dem Beginn der Barbarei in Deutschland und an dem Entstehen eines neuen Weltkriegs tausendmal schuldiger und mitschuldiger als einer, dessen Leben und Werk einmal kein Versprechen war, der nicht Forderungen stellte und an den aus diesem Grund auch keine Forderungen zu stellen sind".
      Im Herbst desselben Jahres 1932 halt Heinrich Mann auf dem .Internationalen Kongrefi gegen den imperialistischen Krieg' in Amsterdam eine Rede, in der er andere Schuldige benennt, unter anderem:
"Die Arbeitslosigkeit, der kaum mehr abzuhelfen versucht wird, das Heer der Erwerbslosen, das man mit dreister Hand seiner sozialen Versicherungen beraubt, das sind unmittelbare Kriegsursachen, es sind lauter Anfănge des Krieges. Die letzte Arbeit der Arbeitslosen bleibt der Krieg, sie haben nicht die Wahl."

Als diese Rede Heinrich Manns im ,Berliner Tageblatt' abgedruckt wird, antwortet der chauvinistische Vielschreiber Walter Bloem darauf mit einem ,Offenen Brief:
"Fur den antimonarchischen, pazifistischen, internaţional eingestellten Schriftsteller arbeitete der gesamte glănzend aufgezogene Propagandaapparat der Linkspresse, um seine Werke rissen sich die kapital- und werbekrăftigsten Verlage, ihm standen die deutschen Buhnen offen, ihm lăchelte das Wohl-wollen derselben Kritik, welche den vaterlăndischen Schriftsteller in Fetzen zerri! . Das aber, Herr Heinrich Mann, scheint ihnen bisher entgangen zu sein: dai? Michel erwacht ist und sich anschickt, in seinem Hause Grofireine-machen zu veranstalten."
Bloem droht Heinrich Mann im Namen einer grofien Zahl naţional gesinnter Schrifsteller - auf die im Abschnitt iiber die Kriegsliteratur noch eingegangen wird - und verweist auf den Grund zu seinem nationalistischen Optimismus:
"Neben uns wăchst eine Jugend heran, die auf uns hoit, auf uns und nicht auf euch .Europăer', die ihr unsere freudige und mannesstolze Unterordnung, unsere eiserne Zucht und Selbstzucht als Untettanengesinnung verhohnt."
Aber, droht Bloem, im Vertrauen auf diese Jugend, "Herr Heinrich Mann: eure Zeit ist jetzt vorbei."
Soweit diese Momentaufnahme aus dem Jahr 1932, aus der sich Konfigurationen lesen lassen, unter denen Heinrich Mann und sein Werk - bis heute - wahrgenommen oder eben nicht wahrgenommen werden.
      Kurt Hillers Vorschlag indiziert ja nicht nur die politische Naivităt ,des Geistigen', sondern auch die damalige Bekanntheit und Respek-tabilităt Heinrich Manns. Bloems These von der Linksverschworung zeigt immerhin, dafi Heinrich Manns schriftstellerisches Werk in dieser Zeit ertragreich gewesen sein muB. Dessen Stellungnahmen selbst, die Attacken auf ihn von den politischen Extremen her, lassen ahnen, wie sehr der Autor in politische Auseinandersetzungen verstrickt war.
     

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Aber,  Herr  Heinrich  Mann:  eure  Zeit  istjetzt  vorbei.    





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