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Romane der weimarer republik
(Literatur iiber die Ruhrprovinz)
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Das dritte Auge- Vogelschau und Strajienbahn



Heinrich Mann hat in seiner literarischen Kritik der "Gierigsten-Herrschaft" der Industriellen, die den Untergang der Republik betrieben, immer wieder auf die Industriefiirsten und die soge-nannten Schlotbarone der Ruhr zuriickgegriffen, insbesondere auf die legendăren Figuren Stinnes und Krupp, und in der ,Grofien Sache' ist die Stadt im "Westen" durchaus plausibel mit Essen identi-fiziert worden. îndes spielt die Stadt im Roman weiter keine Rolle; man erfăhrt nichts iiber sie, viei mehr erfăhrt man von Berlin, wohin es das Personal des Romans so begehrlich zieht, - wie Heinrich Mann selbst, der 1928, nach seiner Scheidung, von Miinchen nach Berlin zog. Anders jedoch als das Berlinbild der Romanfiguren und Autoren war offensichtiich das Bild, das die Leute der Ruhrprovinz von der Reichshauptstadt hatten. Alfons Goldschmidt weifi jedenfalls 1928 in seinem Bericht ,Deutschland heute' zu vermelden:

"Der Kumpel liebt Berlin nicht. Berlin ist fiir ihn Aufgeblascnheit, nutzloser Kolossalkonsument, unproduktiver Kopf des Landes", "unproduktive Verfei-nerung, der unproduktive Magen."'
Um so mehr interessieren sich die Berliner, jedenfalls die Berliner Verlage und Autoren, fiir die Ruhrprovinz, fiir den ,Giganten im Westen', fiir den Mythos deutscher Industriemacht, fiir Krupp, fiir die exotische Spezies Arbeitsmensch, genannt Kumpel. So fahren die Reporter, Journalisten und Schriftsteller mit dem Entdeckergestus ins ,Schwarze Revier', wie ansonsten ins ,Land der unbegrenzten Moglichkeiten', nach SowjetruKland oder ins faschistische Italien. Dabei gibt es fiir das Interesse am Ruhrgebiet seit Jahren hinreichend Griinde: Die grofien Streiks nach Kriegsende, die biirgerkriegsăhnli-chen Kămpfe gegen die Kapp-Putschisten, der ,Ruhrkampf gegen die franzosische Besetzung und Demontage haben die politische Aufmerksamkeit aufs Ruhrgebiet gelenkt. Mit den Investitionsgel-dern aus dem Dawes-Plan, mit deren offensiver Politik gegen die Arbeiterbewegung und gegen arbeitnehmerorientierte Sozialpolitik, mit der Unterstiitzung der Nazis durch die Schwerindustrie, kommen wirtschafts- und gesellschaftspolitische Interessen am Ruhrgebiet hinzu, das exemplarisch genommen wurde fiir Tendenzen und Probleme der Verstădterung zu Ballungsrăumen sowie Denaturierung von Landschaft und Lebensraum in ungehemmter Industriali-sierung. Im Januar 1930 sieht Erik Reger sich zu einem Kommentar in der damals bedeutendsten Kulturzeitschrift des Ruhrgebiets geno-tigt:
"Das Ruhrgebiet wird grofie Mode. Die Reporter wittern Morgenluft. Frischauf, Kameraden, auf den Vierzylinder! Deutsche Verleger, mit dem unfehlbaren Instinkt fiir Konjunktur - an die Front! Offenbar leiden die heute an den Ruhr rasenden Reporter an leiblicher Kurzsichtigkeit, die sie durch gcistige Weitsichtigkeit wettzumachen trachten. Bevor sic den Gegen stand sehcn, sehen sie cine scharfsinnige Erklărung dafiir. Bevor sie seine Bedeutung erkennen, wissen sie ihn auszudeuten. Bevor sie sein Wcsen ergriinden, erfinden sie nette Kapiteliiberschriften oder Bildunterschriften. Bevor sie sein Gewicht abschatzen, schătzen sie seine phototechnischen Quali-tăten ab. Die beiden Augen im Gesicht werden behindert durch das drittc Auge in der Tasche - denn cin joumalistischer Sophismus hat die Kamera zum dritten Auge des Reporters ernannt. Das Material des Schriftstellers ist aber nicht die Kamera, sondern das Wort."
AnlafS zu dieser Schelte ist cin Reportageband, mit vielen Photos illustriert: .Schwarzes Revier' von Heinrich Hauser. "Mit aller Deut-lichkeit mu( hier gesagt werden", schreibt Hauser darin iiber sich, "dafi der Verfasser auf allen Gebieten Laie ist. Als Arbeiter im Hiittenwerk, als Seeman auf Erzschiffen, als Journalist und Photo-graph hat er das Revier kennengelernt. Nichts ist geschrieben worden, was nicht gesehen oder erlebt ist. Diese Aufzeichnungen sind unpolitisch." Er habe, schreibt er weiter, "eben darum beobachtet, beschrieben und photographiert, um sich aus diesem Material Eindriicke, Begriffe, ein Bild vom Gesicht des Reviers zu formen."
"Unvollstăndigkeit des Materials, das Tastende der Form", răumt Hauser ein, "wird auf den .ernsthaften Leser' wahrscheinlich abstofiend wirken. Der ernst-hafte Leser will den Gegenstand mit deutlichen Umrissen und dicken Strichen in Schwarz-Weift gekennzeichnet sehen. Der Verfasser hat sich um Klarheit und Deutlichkeit liberali bemuht, er hat aber auch gefunden, da/ viele Gegen-sătze sich nicht scharf umreifien und schwarz-weifi malen lassen. Handelt es sich etwa um die Beschreibung einer groficn Fabrik, so mag der technische Aufbau vollkommen deutlich und beschreibbar sein. Die soziale Struktur des gleichen Werkes kann dagegen sehr undurchsichtig, sehr komplex und objektiv kaum darstellbar sein."'
Diese letzten Sătze erinnern an andere:
"Hundert Berichte aus einer Fabrik lassen sich nicht zur Wirklichkeit der Fabrik addieren, sondern bleiben bis in alle Ewigkeit hundert Fabrikan-sichten. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Gewifi mufi das Leben beobachtet werden, damit sie erstehe. Keineswegs jedoch ist sie in der mehr oderweniger zufălligen Beobachtungsfolge der Reportage enthalten, vielmehr steckt sie einzig und allein in dem Mosaik, das aus den einzelnen Beobach-tungen auf Grund der Erkenntnis ihres Gehalts zusammengestiftet wird. Die Reportage photographiert das Leben; ein solches Mosaik wăre sein Bild."
Sie stammen von Siegfried Kracauer; er hat sie in der Einleitung seiner Artikelserie iiber die ,AngestelIten' geschrieben, die zuerst 1929 in der .Frankfurter Zeitung' erschienen ist. Auch Heinrich Hauser ist Mitarbeiter der .Frankfurter Zeitung'. Er kennt Kracauers Kritik und greift sie auf, um fiir sich die Uberwindung dieser Schwa-chen der Reportage zu reklamieren. "So ist geworden was beabsich-tigt war: ein Experiment, ein lockeres Gewebe, das aus Elementen der Reisebeschreibung, des Essays und der Erzăhlung geflochten ist." Und gegen den Kracauerschen Vorwurf, die Reportage photogra-phiere blofi das Leben, deklariert Hauser sein Buch als - Film: "Dann zischen die Kohlestifte der altmodischen Kohlelampe, es rattert das Malteserkreuz, der Film lăuft weiter . . ."
Zu dieser Gleichsetzung gehort der Hang zu anthropomorphisie-render Metaphorik. So wird denn auch hier Eisen "geboren", sehen Zylinderkopfe "wie Schădel von Embryonen" aus, StoKstangen wie "Finger, die Tonleitern spielen", eine Maschine "wie ein groRer Finger, ausgestreckt an einer dicken Faust".
      Kaum verwunderlich, daf$ da, wo die Maschinen menschlich und lebendig scheinen, die Menschen zu Automaten werden - und das gerade in dem Augenblick, wo sie gemeinhin am lebhaftesten zu sein pflegen, bei der Liebe. Hauser schreibt von oden Sonntagsvergnii-gungen im Ruhrgebiet, um dann zu enden:
"Es ist ganz dunkel geworden und jetzt kommt die grofie Chaussee nach Hamborn, die so leer ist und so lang wie die Unendlichkeit. Ich fiihle, dafi das Mădchen an meiner Seite nach dem Rând der Strafie drăngt. Der Strafien-graben ist der Endpunkt aller Sonntagsausflugler, den man mit einer Selbstver-stăndlichkeit erreicht, die mich immer wieder geradezu erschlăgt. Schauerlich und automatenhaft ist die Liebe, die sich hier vollzieht ."

Hauser ist den Maschinen eher zugetan als den Menschen.
      "Es hat oft Erschutterndes in dieser Welt der Technik, etwa eine wunderbare Maschine zu betrachten und dann bei den Menschen, die diese Maschine gebaut haben oder sie bedienen, eincn fast unglaublichen Wirrwarr, eine Verbohrtheit des Geistes vorzufinden, die sich auf fast alles bezieht, was iiber den engsten Ideenkreis ihres Spezialberufs hinausgeht."
Rohheit, Dumpfheit und Bomiertheit wirft er den Arbeitern vor -oder Kleinburgerlichkeit und Orientierung an biirgerlichen MaBstăben. "Unbiirgerlich", so behauptet er, "ist vielmebr mein Empfinden, das mit diesem Stand der Dinge nicht zufrieden ist."
"Opportunisten sind die meisten, die kommunistisch wăhlen, weil sie sich von dieser Partei die grofiten materiellen Vorteile versprechen." Er weifi: "Geburt und Erziehung trenncn mich von den Schichten des Proletariats. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, diese Kluft iiberbriickt zu haben, weil ich sechs Jahre lang als Arbeiter gelebt habe. Vor dem Schlimmsten, vor Hoffnungslosigkeit der Zukunft, vor der unerbittlichen Eintonigkeit der Arbeit, bin ich bewahrt geblieben." "Dafi die Welt von einer grauen-haften Schonheit war, verstand ich damals nicht, ich war ganz stumpf geworden."
- um so mehr kann er jetzt, als Besucher der Arbeitswelt, deren .grauenhafte Schonheit' malen. Hauser nutzt jede Gelegenheit, um die Schonheit der Automatisierung, die Wunder der Maschinenwelt, die Ehrfurcht vor den industriellen Werken, zum Beispiel Krupp, schwărmend herauszustreichen. Sein Rezept, wie die Probleme des Ruhrgebiets zu losen seien, bringt ihn umstandslos in die Năhe natio-nalsozialistischer Volks- und Werkgemeinschaftsideologie:
"In dem groRen Topf von KlassenhaB und Klassenkampf werden auch Recht und Unrecht zusammcngekoeht. In dem Erwachen des KollektivbewuBtseins seiner Bewohner liegt die Heilung. Man erfasse Sozialismus nicht als ein System von Dogmcn und Theorien, sondern als jede Form, in der der Einzelne zum Wohl der Allgemeinheit sich einordnet und unterordnet."
So erscheint Hauser noch am harmlosesten da, wo er sich in ăstheti-sierenden Detailbeschreibungen ergeht. Aber genau in der Beobach-tung des Details greift nun Reger ihn an. Er halt ihm vor, dai? er, um des schonen Bildes willen, einen Maulwurf "nach einer fetten Wurzel" wiihlen lafit, wo doch jeder wisse, dai? der Maulwurf ein Insektenfresser sei. Zahlreiche Details in Hausers Darstellung geht er akribisch durch:
"Wer seine beiden Augen im Revier aufmacht, lernt das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Typische vom Untypischen unterscheiden. Aber dasdritte Auge verwechselt sogar das Allgemeine mit dem Besonderen. Zăune aus Eisenbahnschwellen sieht man in ganz Deutschland. Im Kohlengebiet sind die Einfriedungen aus Grubenseilen viei charakteristischer."'
Das konnte wie Gezănk aussehen, das ein Lokalpatriot mit einem vermeintlichen Schănder seiner Heimat fuhrt. îndes bedeutet der Kritiker ausdriicklich, daft es ihm nicht um Hauser als Person, sondern um einen "Typus des Scbriftstellers" zu tun sei: um "jenen Typus, der vor keinem Stoff zuriickschreckt", und um die Forderung nach Qualitătsarbeit: "Wir konnen den Vertretern des Geistes unmoglich zugestehen, was wir keinem Schneider und keinem Schuh-macher zugestehen werden."
Reger kennt das Ruhrgebiet sehr gut aus eigener Anschauung. Jg. 1893, studiert er zunăchst Philologie, ist dann Kriegsteilnehmer und in englische Kriegsgefangenschaft gekommen, seit 1919 Angestellter des Krupp-Konzerns, erst als Techniker, Buchhalter und Bilanzkri-tiker, schlieRlich mehrere Jahre Pressereferent. Seit 1925 arbeitet er als Theaterkritiker, vor aliem im Ruhrgebiet, ab 1927 als freier Jour-nalist, u. a. auch fur die .Frankfurter Zeitung', in der Hausers .Schwarzes Revier' vorabgedruckt worden ist.
      Reger selbst hat 1929 eine Reportage veroffentlicht, die den schlichten Titel ,Ruhrprovinz' trăgt:
"Eine chaotische Landschaft, in der sich Mietskasernen, Schornsteine, Sport -plătze, Zechenturme, Parkanlagen, Aschenhalden, Villen in Barockmanu-faktur, Gartenlokale, Hochofen, burgenhafte Fabrikfassaden und Kolonien im Schwarzwălder Puppenstil unaufhorlich durcheinanderschieben. Eine chaotische Landschaft, in der Handelskammern, Gewerkschaften, Industriel-lenverbănde, Biirgervereine, Pressechefs und Kulturdirektoren am gleichen Strâng ziehen, um den diisteren Alltag zu verschonern und das barbarische Konglomerat der Einwohner mit Kultur zu begliicken."
- so beginnt Regers Darstellung aus der Vogelschau und geht, wo Hauser immerhin 150 Seiten braucht, in knapp 11 Seiten das Ruhrgebiet panoramatisch durch:
"Man lăuft hinter den Grofien der Vergangenheit mit Superlativen der Bewun-derung her: wo keine Uberzeugung ist, hort die Uberlieferung niemals auf. Tradition heifk hier: Renommee der Ahnen. Gegenwart: Legende. Alle haben sie ihre Spezialităten: Buer ist Deutschlands jiingste Grofistadt, bekannt durch seinen Protest gegen Meyers Lexikon , durch das Kolossalgemălde eines Kamels im Rathaussaal, eine ziichtige Kleiderordnung fur gastierende Săngerinnen und die nackte Gottin Hertha vor der Reichsbankfiliale. Essen hat noch seinen Krupp, aber es ist nicht mehr die Kanonenstadt, das Ziel aller Artilleriegenerăle, sondern die Mobelstadt, das Ziel aller Brăute. Mulheim hat seinen Thyssen, in den es sich mit Hamborn teilt . Bochum hat seinen Saladin Schmitt "
- und so fort geht Reger sămtliche Stădte durch, um sich dann in ăhnlicher Weise den Details, den Menschen zuzuwenden:
"Făhrt man von Duisburg iiber Oberhausen nach Gelsenkirchen: wie eine Kriegslandschaft sieht es aus. Ein Gewirr verwahrloster Hofe; brauner Rasen, Wăscheleinen mit blauen Hosen und Blusen; altes Geschirr, verwanzte Matratzen, Berge von Gerumpel. Alte Leute und barfiiKige Kinder, die sich auf den Schlackehalden um Kohlebrocken balgen. Die Zeche ist ganz in der Năhe: Leibeigenschaft in der plausiblen Form der Bequemlichkeit. Hier kann niemand mehr entrinnen. Hier herrscht Sefihaftigkeit und Wirtschafts-friede; aber nicht aus Gesinnung und Wohlbefinden, sondern aus Furcht und Zwang. Das soziale Problem ist in diesem Lande durch Wohlfahrt gelost. Wohlfahrt von der Wiege bis zum Grabe das tonangebende Biirgertum, ganz Wiirde, ganz Poesie, versteht unter Arbeit die Erhaltung des Mittel-mafies. Das Ruhrgebiet ist der in Permanenz erklărte Stammtisch. Diesem Talmiluxus, dieser falschen Vornehmheit entspricht das geistige Gesicht: Kolportage mit psychologischer Vertiefung. Hier wird ein Film aktuell, wenn niemand sonst ihn mehr sehen mag. Hier goutiert man die grofien Kanonen, die anderwărts ihr Pulver verschossen haben. Man hat eine Arbeiterdichtung, eine Industriemalerei gegriindet. Es ist die alte Butzen-scheiben- und Goldschnittlyrik, es ist die alte Landschaftsmalerei, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Man halt auf Fassade."
Reger erklărt die Ruhrprovinz zur Provinz par excellence, zur Totale der Spiefiigkeit. Auch er gefăllt sich im antibiirgerlichen Affekt des iiberlegenen ,Geistigen' und kommt nicht ohne visionăre Emphase aus. Diese richtet sich aber nicht, wie bei Hauser, am Volks-gemeinschaftssozialismus, sondern an einer Ideologie aus, an der auch die Nazis partizipieren, die der ,neuen Jugend'.
      "Denn irgendwo ist sie - die wahrhafte Jugend des Industriebezirks, die Jugend ohne Kulturpathos, ohne die Ethik der .ewigen Werte'; die unassimi-lierte, produktive Jugend, die es nicht notig hat, mit technischen Vokabeln und Requisiten zu prahlen, weil sie Wirklichkeitssinn hat und die Mechanik der Maschinenzeit durch Selbstverstăndlichkeit iiberwindet. Sie hervorzulocken, ihre Energien in Stofitrupps zu verwerten - es bleibt eine Hoffnung."
Ein vollig anderer Gestus dagegen herrscht in den Skizzen und Berichten, die Joseph Roth 1931 fur die .Kolnische Zeitung' schreibt. So heifk es in dem Bericht ,Ankunft in Essen':
"Das Verborgene verbirgt sich noch, das Gerettete versucht noch, sich zu retten, das Ubriggebliebene zu fliehen, Zuflucht sucht es in sich selbst, wie ein sterbendes Tier. Gefăhrlich naht ihm der lautlos lauernde Tod, der Schritt der Zukunft. Es ist ein Schritt wie von Stahl auf Gummi und Linoleum. Die steinerne Schweigsamkeit der neuen Bankge-băude lălk etwas von der unerbittlichen Stille dieser Zukunft ahnen. In diesen Ungetiimen haust nicht das klingende Gold, sondern das raschelnde Papier,der gefăhrlichste Stoff der Welt. Hier regiert nicht mehr der Bankmann, sondern das Kapital. Hier befiehlt nicht mehr ein menschlicher Wille, sondern eine unmenschliche Macht."

Roth erlebt Essen im Wandel:
"Immer noch streift die sausende Strafienbahn hart die Rander des Btirger-steigs. Aber deutlich ist die Todgeweihtheit dieser Stellen; Durchbriiche, Erweiterungen, Umlegungen werden sie vernichten. Schon ahnt man den groften Atem der kiinftigen StraBenweite, die kommende, steingraue und lang-weilige Freiheit fiir Fahrzeuge und Fufigănger, die breiten, spiegelnden, glăsernen Flăchen der unausbleiblichen Schaufenster."
Der Autor, man merkt es, ist nicht fiir diesen Fortschritt der kalten Glasarchitektur, der sachlichen Monumentalităt und des gebahnten Verkehrs. Auf dieser Stadt im Umbau ruht der melancholische Blick aus Traurigkeit und Miidigkeit, mit der er in seinen Romanen die untergegangene Welt der Donaumonarchie ausbreitet. Eben derselbe melancholische Blick liegt freilich schon Anfang 1926 auf dem Ruhrgebiet, als Roth in einer Artikelserie fiir die ,Frankfurter Zeitung' noch die "alten, winkligen, wenn man will: romantischen Teile" der Stădte feststellt: "Nun aber wolbt sich grauer Rauch iiber ihnen. Nun sind sie verschiittet von Millionen Kohlestăubchen. Niemals, niemals wird ihre Wiederauferstehung erfolgen."
,Der Rauch verbindet Stădte' ist diese Reportage iiberschrieben: "Hier ist der Rauch ein Himmel. Er wolbt sich in einer grauen Kuppel iiber dem Land, das ihn selbst geboren hat und fortwăhrend neu gebărt." So beginnt er und so endet er:
"Alle Menschen haben den verbissenen Willen, ein Ziel zu erreichen. Viel-leicht ist es die Arbeitslosenunterstiitzung. Vielleicht ist es der Konsumverein. Vielleicht ist es das Versammlungslokal. Vielleicht ist es ein Einbruch. Vielleicht ist es die Revolution. Vielleicht ist es das Kino.
      Ach, es ist so gleichgultig! Ein Ziel wie das andere. Eine Stadt wie die andere. Eine StraBe wie die andere. Steig in die StraKenbahn. Du bist in einer halben Stunde in der năchsten Stadt. Hat sich was geăndert? Rauch iiber die Welt! Eine einzige, grausame Stadt aus Stadthăufchen, auch Stădtchen-gruppen. Dazwischen lăuft eine eingebildete Landesgrenze. Aber dariiber wolbt sich ein einheitlicher Himmel aus Rauch, Rauch, Rauch."'
Den resignativen, schwermutigen Gestus signalisiert der Titel einer anderen Reportage: ,Trubsal einer StraBenbahn im Ruhrgebiet':
"Es ist die Leiche eines Gelăndes. Die Stadt hort nicht auf. Wenn sie aber einmal aufhort, beginnt sofort die andere. Das Land will immer wieder anfangen, Land zu sein - und kann's nicht. Da beginnt auch schon die năchste grofie Stadt. Wir sind am Ziel. Es sieht aus wie der Anfang. Es ist, als găbe es keine răumlichen Zicle hier: nur zeitliche, wie den sicheren, unaus-bleiblichen, endgiiltigen Tod des letzten Stuckchens Erde."''
Roths Reportagen sind durchzogen von solchen Bildern der Triibsal, Schwermut, Traurigkeit, ohne Hoffnung und voller Todes-motive. Aber das ist nicht zuerst im Wahrgenommenen begriindet, sondern im Wahrnehmenden selbst. Auch in anderen Reportagen Roths findet sich diese Haltung - gelinde Trauer, Wehmut und Schmerz.
      Daft in diesen und im Abstand von immerhin funf Jahren dieselben Todes- und Untergangsvisionen aufkommen, aufbrechend an den Wahrnehmungen von Vergănglichkeit, Wiederholung und Beliebig-keit, mag durch das Objekt Ruhrgebiet begiinstigt worden sein - aber seine Bilder sind mehr als solche des Ortes. Sie sind Bilder dessen, der sie wahrnahm, der sich nur gelegentlich lăut, meist leise, aber bestimmt aus der Welt getrunken hat, der sich einen Satz von Kleist zum Motto setzte: "Die Wahrheit ist, dai? mir auf Erden nicht zu helfen war."

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