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Romane der weimarer republik

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Die grofle Presse



Rund vierhundert Jahre, schreibt Max Wieser 1927 in der konser-vativ-elităren Kulturzeitschrift ,Die Tat', war das Buch alleiniger Kulturtrăger. Jetzt sei es das plotzlich nicht mehr und zwar "durch die Tatsache, dai? es heute eine Reihe anderer Unterhaltungs- und Bildungsmittel" gibt.'

Zwar war schon lăngere Zeit vorher abzusehen gewesen, dafi litera-rische Kultur als Buchkultur zu schwinden begann, - spătestens mit der Presseentwicklung im 19. Jahrhundert -, aber nach dem Ersten Weltkrieg war die Literatur in eine neue Situation geraten.
      "Als unsre letzte kleine Revolution ausbrach", so der Berliner Flaneur Franz Hessel in einer Zeitungsskizze, "wurden mit den anderen Konigen eine zeitlang auch die Zeitungskonige aus ihren Schlossern vertrieben. Aber viei schneller als andre Monarchen sind die Zeitungskonige zuriickgekehrt." Sie waren nicht nur zuriickgekehrt, sondern die Presse hatte obendrein krăftig expan-diert: In Berlin, aber auch in den anderen grofien Stădten des Reiches, ist es die Regel, daB die Zeitungen tăglich dreimal erscheinen, und ehe die Nazis die Presse systematisch zu monopolisieren und zu konzen-trieren beginnen, gibt es in der Weimarer Republik eine Vielfalt an Zeitungen wie nie zuvor und nicht mehr danach. Aber auch hier zeichnet sich schon die monopolkapitalistische Konzentration ab. Dominiert wird die Presse von wenigen Verlagskonzernen, Ullstein, Scherl und Mosse vor aliem, die Belletristisches eher im Nebenge-schăft betreiben. Einen besonders fatalen Einflufi hat der Konzern des ehemaligen Krupp-Managers und deutschnationalen Politikers Hugenberg. Zu diesem Konzern gehoren zahlreiche Zeitungen, vor aliem in der Provinz, Druckereien und ein Materndienst, der fast die gesamte Provinzpresse mit fertigen Artikeln beliefert. Zudem ist der Konzern wesentlich beteiligt an der Ufa, Deutschlands grolStem Film-unternehmen.
      Damit ist zugleich das Stichwort gegeben. Denn nicht der alte Konkurrent in Sachen Information und Unterhaltung, die Presse, sondern die neuen audiovisuellen Medien, Rundfunk und Film, sind das eigentlich Bedrohende fur die traditionelle Biicherliteratur. Nicht zuletzt dieser Konkurrenz diirfte es zu danken sein, daft die alte, in Deutschland besonders vehement behauptete, strikte Trennung von Dichter und Journalist zu verschwimmen beginnt - im Schriftsteller. .
      Neben der Ausweitung der illustrierten Presse antworten die "Printmedien" - wie das heute heifit - insbesondere mit dem neuen Genre der Magazine, einem Import aus den USA, wo die Medienent-wicklung lăngst viei weiter und radikaler fortgeschritten ist.

      Leo Lania merkt dazu an:
"Der Amerikaner hat Zeit. Nur keine innere Sammlung und Bereitschaft, sie in die Lektiire dicker Wălzer zu investieren. So sind die Magazine entstanden. Bilderbiicher fiir grofie Kinder." Die deutschen Magazine dagegen "kopieren bis ins kleinste Detail die amerikanischen Vorbilder, ohne sie in der Technik, ohne sie vor aliem in der Frische, der Unbekummertheit zu erreichen. Denn der Leser - und das ist das Entscheidende - hat nicht mehr die Jugend, die Kindlichkeit des Amerikaners."
Lania gibt eine Begriindung, die in der Diskussion um die neuen Medien, in verschiedensten Variationen immer wieder auftauchen wird - je nach Standpunkt positiv oder negativ bewertet: Wir Deut-sche/Europăer haben eine zu lange Kulturtradition, als dai? wir die neuen Medien einfach so iibernehmen diirften.
      Mit anderen Worten, die Frage nach den neuen Medien ist immer wieder zugleich eine Frage nach der unausweichlich scheinenden Massenkultur. Hier wiederum scheiden sich die Positionen: in kultur-konservative Klage und verăchtliche Abwehr einerseits und resigna-tives bis begeistertes Akzeptieren der Entwicklung zum Massenpu-blikum andererseits. Und darin wieder unterscheidbar die Positionen, die von einem potentiell vorhandenen oder zu erzeugenden proletarisch homogenen Publikum ausgehen und diejenigen, die sich vom Massenpublikum einer Massenkultur das Verschwinden der Klassengegens‚tze erhoffen, das "homogene Weltstadt-Publikum", wie Siegfried Kracauer formuliert.
      Diese Diskussion findet sich zuerst ausgeprăgt in der Bewertung des Rundfunks.
     

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