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Romane der weimarer republik
(Auf dem Weg ins Exil. Alfred Doblin: Berlin Alexanderplatz.)
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Belehrung einer Kobraschlange



Biberkopf, der vermeintlich wieder da und zugleich anders ist, soli nun - fur den Leser - gezeigt bekommen, daB er sich getÄfuscht hat. Etwas, das 'wie ein Schicksal aussieht" soli zu dem Zweck ,dreimal gegen ihn fahren'.

      Das zweite Buch bekrÄfftigt diese Absicht und macht gleichzeitig den geradezu hegemonialen Zugriff des ErzÄfhlers auf die Figur deut-lich: 'Ich habe ihn hergerufen zu keinem Spiel, sondern zum Erleben seines schweren, wahren und aufhellenden Daseins." Wie das dreimal gegen ihn fahrende Schicksalartige aussieht, rekapituliert der Text mehrfach.
      'So ist zum drittenmal Franz Biberkopf nach Berlin gekommen. Das erstemal wollten die DÄfcher abrutschen, die Juden kamen, er wurde gerettet. Das zwei-temal betrog ihn Liiders, er soff sich durch. Jetzt, das drittemal, der Arm ist ihm ab, aber er wagt sich kiihn in die Stadt. Mut hat der Mann, doppelten und dreifachen Mut." Und dann: 'Und es ist alles wie am Anfang. Aber man wird sich auch klar sein, es ist nicht die alte Kobraschlange. Das ist unser alter Franz Biberkopf, man sieht es schon nicht mehr. Das erstemal betrog ihn Freund Liiders, und er kippte aus den Pantinen. Das zweitemal hatte er Schmiere stehen sollen, aber er wollte nicht, da hat ihn Reinhold aus dem Auto geschmissen und glatt iiberfahren. Jetzt ist es fur Franz genug, es wÄfre fur jeden einfachen Menschen genug. Jetzt heifit es: nu grade. Jetzt werdet ihr Franz sehen im Rasseltanz mit etwas anderm, das soli zeigen, wie stark es ist und wer stÄfrker ist, Franz oder das andere."

So geht es von Vorausdeutung zu Vorausdeutung:
'Warum gehen zwei Engel neben Franz, und was ist das fur ein Kinderspiel, wo gehen Engel neben einem Menschen, zwei Engel am Alexanderplatz in Berlin 1928 neben einem ehemaligen TotschlÄfger, jetzigen Einbrecher und ZuhÄflter. Ja, diese Geschichte von Franz Biberkopf, von seinem schweren, wahren und aufhellenden Dasein ist nun so weit fortgeschritten. Deudicher und deutlicher, je mehr sich Franz Biberkopf baumt und schÄfumt, wird alles. Es naht der Punkt, wo alles erhellt wird."
Danach folgen noch weitere fiinfzig Seiten bis zum Schlufi. Der hat aber, trotz der dauernden Versprechen, offensichtlich nicht nur die damaligen Kommunisten nicht erhellen konnen, sondern auch fur andere ist, was stÄfndig als Lehre behauptet wird, eher dubios und dunkel geblieben.
      Nicht nur das religiose Inventar, nicht nur der willkurliche, herri-sche Umgang des ErzÄfhlers mit seiner Hauptfigur, sondern gerade auch das Uneindeutige, Unentschiedene der mutmaBlichen Lehre hat die Exegeten des Romans bis heute immer wieder irritiert. DaK Biberkopfs Anspruch auf Besonderheit und EigenstÄfndigkeit verfehlt sein mochte, daB er die falsche, die Bandenform von Gesellung wÄfhlte, das mochte plausibel sein, wie auch die Warnung vorm Krieg: 'Wenn Krieg ist, und sie ziehen mich ein, und ich weifi nicht warum, und der Krieg ist auch ohne mich da, so bin ich schuld und mir geschieht recht. Wach sein, wach sein, man ist nicht allein. Die Luft kann hageln und regnen, dagegen kann man sich nicht wehren, aber gegen vieles andere kann man sich wehren."
Wenn jedoch auf Biberkopfs Einsicht, viele seien stÄfrker als einer allein und: 'es ist auch schoner und besser mit andern zu sein" , der Satz folgt: 'Dem Mensch ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden stattdessen eine Zunft." - was soli man davon halten?
Geht man im Versuch, dem Dilemma zu entkommen, auf das Objekt der Belehrung zuriick, dann konturiert sich Biberkopf etwa so: Franz Biberkopf, ehemaliger Zement- und Transportarbeiter, TotschlÄfger, ZuchthÄfusler, Hausierer, ZeitungsverkÄfufer, Einbre-cher und ZuhÄflter, schlieBlich Hilfsportier, ist Anfang 30, 1,80 Meter groB und wiegt zu besseren Zeiten zwei Zentner. Sein Ã,uBeres ist eher abstoBend, er selbst bemerkt seine dicke rote NaÅYe, seine ,kuhartigen Glotzaugen' in einem blassen, schlaffen Gesicht. Nach der HÄflfte der Geschichte fehlt ihm zudem noch der rechte Arm. Der ErzÄfhler nennt ihn 'frech, feige, voller SchwÄfche" , aber auch 'anstÄfndig und gutwillig" ,erist 'derDussel, derFreche" , 'nicht feige, aber auch nicht stark genug" .
      In diesen Widerspriichen gibt eine Charakterisierung einen mogli-chen Hinweis. Der ErzÄfhler nennt ihn hÄfufiger eine 'Kobra-schlange". Das Bild lÄfBt sich auslegen. Biberkopf, konnte es bedeuten, blÄfht nicht nur seinen Korper drohend auf, wenn er ange-griffen wird, sondern er trÄfgt, wie die Kobra ihre Brillenzeichnung am Halsriicken, sozusagen die Imitation eines wissend-aufgeklÄfrten, ,hellen' Blicks zur Schau. Und schlieBlich muB er - worauf noch zuruckzukommen sein wird - wie die Kobra nach der Pfeife des Schlangenbeschworers, nach der seines ErzÄfhlers tanzen.
      Seine Umwelt jedenfalls sieht in ihm ein ,kolossale Dussel" und 'Vieh" - so Reinhold -, die Frauen, etwas gemildert, halten ihn fiir ein 'gutmiitiges Schaf" oder fiir 'ein biBchen dumm" . Er selbst hingegen versucht nach KrÄfften zu sein, was er vermeintlich in den Augen der anderen ist: schiau und erfahren .
      Genauer: Biberkopf stellt sich insgesamt als eher passivisch-reaktiv, jedoch stark triebbestimmt dar. Er neigt in Krisensituationenzu korperlicher Gewalt, seine SexualitÄft ist aggressionsbetont und er schwankt oft zwischen Absencen und TobsuchtsanfÄfllen. Nach Niederlagen zieht er sich in sich zuriick oder regrediert - sÄfuft, briitet, fÄfhrt zuriick nach Tegel, um vorm schiitzenden GefÄfngnis - in Schlaf zu fallen. Er macht nicht eigentlich Erfahrungen, sondern bewegt sich im Auf und Ab der Stimmungen, immer dieselben Grundmuster wiederholend. VerÄfnderungen kann man allenfalls darin erblicken, dafi im Verlaufe des Romans seine Zusammenbruche immer nachhal-tiger werden. Insofern hat er eine fiir Suchtkranke, insbesondere Alkoholiker, typische psychische Struktur. Dazu gehort auf der Kehr-seite ein erklÄfrtermaBen burgerliches Selbstkonzept. Er will geregelte VerhÄfltnisse, vertritt ausgesprochene Ordnungs- und MaBvorstel-lungen , orientiert sich uberhaupt an biirgerli-chen Normen der MÄfBigung, Selbstbeherrschung und Contenance. Zudem beansprucht er Besonderheit, individuelle Freiheit und Selb-stÄfndigkeit. Gegenuber den Ganoven will er anstÄfndig und im Gegensatz zu den Proleten will er privativ bleiben. Seine Maximen lauten: 'anstÄfndig bleiben und fiir sich bleiben" ; 'zusam-mennehmen und durchhalten" ; 'freier Mann oder keiner" ; 'Selbstversorger" , das '11. Gebot heiBt: LaB dir nicht verbltiffen" und: Man muB sich 'beherrschen" konnen.
      In Abweichung von dem, was die anderen in ihm sehen, ist sein Selbstbild das klassische Konzept des autonomen Individuums biirgerlicher Provenienz, eins der Selbstbeherrschung. Im Konflikt seiner Triebanspruche mit dem Selbstbeherrschungskonzept findet er nur den Ausweg des Korperpanzers: 'Er hat einen eisernen Kasten um sich gebaut, da sitzt er drin und lÄffk keinen ran."
SelbstÄfndigkeit und Selbstbeherrschung driickt er in rationalitÄfts-und geldvermittelten Besitzformeln aus: 'etwas im Kopf haben" ; 'Geld her, Geld verdient, Geld braucht der Mensch." Er denkt nicht nur an Geld, er denkt in Kategorien des Geldes und seine Liebesbeziehungen sind durch und durch von Besitzdenken bestimmt. Aus Eifersucht hat er Ida umgebracht, Eifer-sucht zerstort auch sein VerhÄfltnis zu Mieze. Kehrseite dazu ist, dafi er so recht nur das Abwesende lieben kann:
'Und am innigsten liebt er, wÄfhrend er mit Eva tanzt, liebt er zwei: die eine ist seine Mieze, die er gem da hatte, der andere ist - Reinhold. Aber er wagt es nicht zu sagen. Die ganze herrliche Nacht, wo er tanzt mit der und jener, liebt er diese beiden, die nicht da sind, und ist glucklich mit ihnen."
Es ist nur folgerichtig, wenn bei der Nachricht von Miezes Tod Biberkopf vor aliem erst einmal erleichtert ist, daB sie ihn nicht verlassen hat: 'Die ist nich weg von mir, die hat einer umgebracht." Der Strafrechtler Klaus Luderssen kniipft an diesen Satz die Bemerkung: 'man miifite weit hinter die ErzÄfhlung zuriickgehen, um herauszubekommen, was ihn eigentlich bewegt, wo die Wurzel seines Ungliicksliegt."

   Burgerlich verstÄfndig, pflegt man solche Wurzeln in der Kindheit zu suchen. Aber anders als Reinhold und Mieze hat Biberkopf vom ErzÄfhler nicht das geringste Indiz auf Kindheit mitbekommen. So dai? man auf einen anderen Ausweg sinnen mul?, die Suche nach den Wurzeln im Milieu. Doch ist das Milieu nur bedingt haftbar zu machen. Die GrofistadtrealitÄft diffundiert durch ihn hindurch, und der ErzÄfhler wiederum macht Biberkopf selbst fur sein Geschick verantwortlich: sein falsches Selbstbewui?tseinskonzept, geprÄfgt durch BesitzidentitÄft und falsche Gesellung.
     

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