Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Romane der weimarer republik
(Frontromane, rechts und links)
Index
» Romane der weimarer republik
» FUR EINEN NEUEN DEUTSCHEN MENSCHEN
» Kameradschaft des Schwăchlings

Kameradschaft des Schwăchlings



DaB Remarques Roman anderes als nachgetragene Beschreibung des Krieges enthălt, ist seinerzeit schon bemerkt worden. Ernst Bloch, lapidar: "Der Kriegsstoff ist ein bloBer Psychologiestoff geblieben."' Und in einer Rezension der Jnternationalen Zeitschrift fur Individu-alpsychologie' wird gleich eingangs festgestellt: "Obwohl der Roman Remarques Erlebnisse des Krieges schildert, ist er doch kein eigentli-ches Kriegsbuch. Die Probleme, die er bringt, sind brennende Probleme unserer Jugend und Kernprobleme der Individual -psychologie." Was die Rezensentin abschliefiend positiv wertet, dafi "statt der unbewăhrten Idee der Autorităt" darin eine "bessere, verlăfilichere" formuliert werde, nămlich "die Idee des Mitmensch-entums, der Kameradschaft'', das muK ihm die Rechte mit allen Mitteln heftig bestreiten. Exemplarisch ist der Aufsatz eines national-sozialistischen Kriegsautors, Hans Zoberlein. Seine Angriffe beginnen mit Widerlegungen im Detail, vom Hinweis darauf, daE die Franzosen keine Cornedbeef-, sondern Gulaschkonserven hatten, bis zum Einwand, auf Stumpfen konne man nicht laufen, weil man zuvor verblutet sei. Und sie setzen sich fort mit antisemitischen Insinua-tionen:

"Blond kann Remarque nicht leiden. Maskierte Gcschiitze sehen bei ihm aus wie ein .Laubhuttenfest' und auKerdem macht er einen Respektknix vor unge-nannten Autorităten, wenn er als idcales Jugendstreben ein Drama ,Saul' schreibenwill."

Damit nicht genug. Prinzipiell unterstellt man Remarque niedere, d. h. stets finanzielle Motive fur die Niederschrift des Romans. Folg-lich gilt er, bzw. seine Figur, als Inbegriff des zivilisatorischen Massenmenschen.
      So erkennt beispielsweise der Burschenschafter Oberregierungsrat Peter Kolb in Remarque den "Bildungslosen", "der Masse angegli-chen, der seine seelische Grundhaltung eben entspricht". Fur Kolb vermag Remarque "sich aus dem primitiven Massenempfinden nicht herauszuarbeiten , weil er selbst innerlich zur Masse gehort".

     
Gegen Remarque, den Massenmenschen, steht dann Walter Flex, die idealistische "Fuhrerpersonlichkeit" .
      Die Parodie ,Vor Troja nichts Neues' băut geradezu auf diesem Moment der niederen finanziellen Interessen auf. So lăBt Wolff seinen griechischen ,Băumer' sagen: "Bei dem Umschlag der Stim-mung werden die Troer" - also die Gegner! - "mein Buch nicht kaufen. Es ist nichts mit den 50000 broschierten und in Leinen gebundenen Exemplaren, geschweige mit der Luxusausgabe. Der Schaden ist unermeBlich, nicht nur fiir mich personlich."
Um es noch deutlicher zu machen, notiert der ,Autor':
"Sie haben hier einen alten Kerl Homer heifk er. So eine Art offiziellen Berichterstatter . Elende Lobhudelei. Hier glaubt ihm naturlich kein Mensch, doch zu Hause sind sie ganz toii auf seine Berichte."
Fiir diejenigen, die es da immer noch nicht begriffen haben, zieht der fiktive Herausgaber des antiken Berichts den SchluB " .Nichts Neues vor Troja' ist die Ehrenrettung des Thersites."
Vom Argument materialistisch-niederer Gesinnung ist nur ein kleiner Schritt zum năchsten, der Unterstellung (iberhaupt von Schwăchlichkeit.
      Noch vergleichsweise zuriickhaltend attestiert das Organ der NS-Studentenschaft, der ,Akademische Beobachter', Remarque ein "zartes pazifistisches Seelchen". Der Germanist Friedrich von der Leyen hingegen schilt in seiner Ubersicht der jiingsten Literatur Remarques "Zivilisationsliteratentum, das niemals das Wesen des Krieges erfassen kann", denn "infolge seiner Anlage", nămlich "weich und zart wie er war", "nicht frei von Wehleidigkeit", kurz, begabt mit einer "Deserteursgesinnung", "mufite sein Buch als Entstellung wirken".
      Ernst Kiihnemann, Prăsident der "Gesellschaft fiir deiltsches Schrifttum", gibt sich mitleidig: "In einer Weise", schreibt er, "die etwas Riihrendes hat, verrăt sich immer wieder, wie ein grenzenlos verschiichtertes Kind hier seine Rachegefiihle entlădt: Das Kind in seinem Verlangen nach unverkummertem Gliick, in seinem Sehnen nach verstăndnisvoller Liebe." Wer aber zuvor Renn oder Schau-wecker gelesen habe, auf den mache Remarque den Eindruck "hoch-stens einer unertrăglichen Schwăchlichkeit"8.
      Den Vorwurf der Schwăchlichkeit wandelt dann ein anderer, Kliet-mann, gleich in die Unterstellung der ,Selbstschwăchung' ab:
"Dieses Buch", schreibt er iiber sein ,Im Westen wohl was Neues', "soli eine Anklage sein gegen einen Degenerierten, welcher versucht, deutschen Helden-geist zu besudeln, nur, weil sein ausgemergeltes Mark und sein mutwilligentnervter Leib, durch eigene Hand zerstort, nicht fassen konnte, was das grofie Ringen dem deutschen Frontsoldaten gab."
Nun konnen die rechten Mănner leider nicht leugnen, dafi Remarque Kameradschaft als ein unbedingt Positives des Kriegs darstellt. Daher miissen sie ihm zwar die Erfahrung der Kameradschaft zugestehen, schwăchen sie jedoch sofort ab: "Aber selbst in diese enge und umdiisterte Welt", schreibt Kiihnemann, "fălit ein schwacher Schimmer von dem heiligen Licht der Kameradschaft". Es sind aber, betont Kolb, nur die "niederen Regionen der Kameradschaft", die Remarque darstellt. Um so heftiger sind die Abgren-zungsversuche gegen die Weichheit, die aus Remarques Kamerad-schaftsformeln spricht. Die Aversionen driicken sich deutlich in einem durchgăngigen Stereotyp aus, das weniger Remarque, viei mehr die Mentalităt seiner Kritiker charakterisiert. Es ist das Stereotyp des Făkalischen.
      Wolff z. B. nimmt sich, vermeintlich parodistisch, Remarques Latri-nenszene vor: "Die Latrinenanlagen sind groftartig", lăfit er seinen Thersites notieren. "Man sitzt da sehr gut und wenn man bei der Sitzung Erfolg hat, wird einem ganz sentimental und wohlig ums Herz. Man sieht den Krieg in anderer Beleuchtung, man hat erstaun-lich kluge Gedanken und man fiihlt die ganze Wichtigkeit der eigenen Person." Und so weiter iiber die ersten beiden Seiten hin." Hans Zoberlein kann sich gerade in dieser Hinsicht nicht genug tun. Fiir ihn ist der Roman "aus der Latrinenperspektive geschrieben" und "ein einziger grofter Kothaufen", ein Versuch, den Soldaten des Welt-krieges "den Kot als Denkmal" zu setzen. Remarque liige, schreibt Zoberlein, nun einmal in seinem Element, daft sich "sogar die Latri-nenstangen , ohne daft jemand darauf sitzt." Sein Fazit ist denn auch zugleich eine unterschwellige Aufforderung: "Woanders ein solcher Schmierfink lăngst von den Frontsoldaten in seinem Element, einer Latrine, ersăuft worden."

  

 Tags:
Kameradschaft  Schwăchlings    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com